Peter Weichhart, Christine Weiske, Benno Werlen: Place Identity und Images. Das Beispiel Eisenhüttenstadt. Mit Beiträgen von Gerhard Ainz und Christoph Sulzer sowie Marco Mehlin. Wien 2006 (Abhandlungen zur Geographie und Regionalforschung 9). 288 S.

In den letzten Jahren sind „Image“ und „Identität“ zu zentralen Schlagworten der Stadtpolitik geworden. Der wirtschaftliche Strukturwandel sowie leere öffentliche Kassen zwingen die Kommunen in zunehmendem Maße, ihre endogenen Potentiale in Wert zu setzen und ihre weichen Standortfaktoren zu verbessern. Stadtmarketing-Agenturen zielen darauf ab, die Städte „ins rechte Licht zu rücken“, d.h. ihr Image nach innen und nach außen zu verbessern. Dazu gehören einerseits Bestrebungen, den Stadtraum in der interkommunalen Konkurrenz möglichst „unverwechselbar“ erscheinen zu lassen. Andererseits sollen so genannte „Identitätsanker“ dabei helfen, die Identifikation mit der Stadt durch die Bewohnerinnen und Bewohner zu erhöhen.

Der Band besteht aus insgesamt 16 Kapiteln. Die Kapitel 2 bis 6 leisten eine begrifflichen Klärung sowie einen theoretischen und methodischen Überblick über die Erforschung raumbezogener Images und Identitäten. (Der Begriff der „raumbezogenen Identität“ wird im Titel des Bandes durch das englische „Place Identity“ ersetzt. Letzteres erscheint den Autorinnen und Autoren treffender, weil es „genau auf jenes subjekt- und gruppenspezifische Konzept eines kognitiv und sozial konstruierten Raumes“ verweist, das ihren Gegenstand kennzeichnet [S. 15]. Im Text selbst ist jedoch durchgängig von „ raumbezogener Identität“ die Rede). Darauf aufbauend behandelt das siebte Kapitel das Image-Management und den Imagewandel dreier Städte, die laut Weichhart et al. „in gewisser Weise Ähnlichkeit zu Eisenhüttenstadt aufzeigen“ (S. 20): Chemnitz, Linz und Wolfsburg. Aus dieser Darstellung werden erste Schlussfolgerungen für potentielle Leitbild- und Image-Entwicklungen in Eisenhüttenstadt gezogen. Die Ergebnisse der eigentlichen empirischen Untersuchungen in Eisenhüttenstadt werden in den Kapiteln 8 bis 16 dargestellt. Erhoben und ausgewertet wurden vor allem Daten zur kognitiven Raumgliederung von Eisenhüttenstadt, d.h. zu Mental Maps, Action Settings und anderen kognitiven Konzepten, die im Kontext der raumbezogenen Identität „personaler und sozialer Systeme“ (sprich: von Individuen und Gruppen) zum Tragen kommen.

Raumbezogene Identität wird von Weichhart et al. verstanden als „das Ergebnis sehr komplexer psychosozialer Prozesse, deren Zusammenwirken und deren Einzelelemente erst in der neueren Forschung plausibel dargestellt werden konnten. Es handelt sich dabei um kognitiv-emotive Bewusstseinsakte, also um wissens- und gefühlsbezogene Denkoperationen, die auch auf die physisch-materielle Welt verweisen“ (S. 31-32). Ausgehend von dieser Definition unterscheidet der Band drei Dimensionen raumbezogener Identität (vgl. auch Weichhart 1990): Wie nehmen Menschen die räumliche Struktur ihrer Umwelt wahr (identification of), wie werden die Charakter- und Persönlichkeitsmerkmale von Menschen in Zusammenhang mit bestimmten Raumausschnitten gebracht (being identified) und wie beziehen Menschen die räumliche Struktur ihrer Umwelt in ihr Selbstkonzept bzw. in ihre Ich-Identität ein (identification with)? Dabei wird, ganz im Einklang mit der wahrnehmungsgeographischen Programmatik, zwischen der (materiellen) Realität einerseits und dem Bereich des Kognitiven (als dem bloß Vorgestellten) unterschieden. Dies äußert sich etwa im dritten Kapitel, wo es über das schlechte Image des Salzburger Stadtteils Lehen heißt, dieses Bild stimme „mit der heutigen Realität nicht überein […]“ (S. 46). Auch im siebten Kapitel unterscheiden Weichhart et al. die eigentliche Realität von einer „vorgestellten“ Wirklichkeitsebene, wenn sie feststellen, dass in „Diskursen der Selbst- und Fremdbildentwicklung […] eine interpretative Deutung und Umdeutung ‚realer’ Gegebenheiten statt[finde]“ (S. 127).

Die insgesamt realistische Perspektive des Theorieteils korrespondiert mit einer Einstellung, in der das „materielle Substrat […] die Voraussetzung für jede Art symbolischer Deutung“ (S. 126) bietet. In den Augen der AG I&I kann Image-Management nur erfolgreich sein, wenn symbolisches Management durch „eine materialistische Image-Beeinflussung [ergänzt wird], bei der ‚reale Gegebenheiten’ an angestrebte Leitbilder angepasst werden“ (S. 127). Zwar sind die „realen Gegebenheiten“ als an Materie gekoppeltes Konzept in diesem Satz in Anführungszeichen gesetzt. Aber auch an anderen Stellen des Bandes blitzt jener Materialismus auf, für den (nicht nur) die Wahrnehmungsgeographie in den letzten Jahren kritisiert worden ist (vgl. Werlen 2000: 300 sowie Werlen 1987: 17ff.). Die Konsequenzen der wahrnehmungsgeographischen Einstellung zeigen sich auch in Bezug auf methodologische Fragen. So kann das Bekenntnis zum qualitativen Arbeiten, das an verschiedenen Stellen des Textes abgelegt wird, letztlich nicht überzeugend eingelöst werden. Tatsächlich liegt dem Band über weite Strecken eine quantitative Einstellung zugrunde, die sich auch auf die Wortwahl auswirkt und Bewohner zu „Probanden“ werden lässt (z.B. S. 43): Die große Mehrheit der für das Projekt durchgeführten Untersuchungen – Karteneinträge im Sinne der „gebundenen graphischen Erhebungstechnik“ sowie semantische Differenziale – ist auf Zählbarkeit ausgerichtet. Auf Seite 172 heißt es denn auch explizit, dass die in einer Haushaltsbefragung „offen formulierten Items […] inhaltlich analysiert und nach einem einheitlichen Kodierungsschema quantitativ ausgewertet“ wurden. Die Entscheidung für ein quantitatives Forschungsdesign fällt auch insofern ins Gewicht, als eine Reihe von Probanden „im Verlaufe des Interviews die Bearbeitung von Teilaufgaben verweigerte“ (S. 139), so dass der Datensatz eine „relativ hohe Zahl von Missing Values [enthält]“ (ebd.). Die ausgeprägte Verweigerungshaltung wird von Weichhart et al. auf die „lethargisch-resignative Grundstimmung und die Hoffnungslosigkeit eines erheblichen Teils der Bevölkerung von Eisenhüttenstadt“ (S. 15) zurückgeführt. Gerade in Anbetracht der schwierigen Umstände aber stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, die quantitativen Untersuchungen stärker durch qualitative Verfahren zu ergänzen. Durch narrative oder biographische Interviews mit einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern etwa hätte versucht werden können zu verstehen, wie die Menschen vor Ort „Eisenhüttenstadt“ in ihre Identitäten und Lebensstile einbauen, wie sie das Image einzelner Stadtteile ganz konkret auf sich beziehen, welche Institutionen und Diskurse ihnen dabei helfen bzw. hinderlich sind und welche Probleme sich aus der symbolischen Aneignung von „Eisenhüttenstadt“ als einer schrumpfenden Stadt ergeben. Besonderes Augenmerk hätte dabei auch auf der prinzipiellen „Unfertigkeit“ und Ambivalenz von Identität liegen können, wie sie von den cultural studies und neuerdings auch einer neuen Kulturgeographie untersucht werden. Gleichwohl dokumentiert der Band eine Fülle von Ergebnissen, die für die Leitbild- und Image-Entwicklung von Eisenhüttenstadt im Kontext von „Stadt 2030“ von großem Interesse gewesen sein dürften. So zeigte sich in der Untersuchung, dass das Image von Eisenhüttenstadt „primär durch Fremdreferenz artikuliert“ (S. 239), d. h. vor allem durch Verweise auf außerhalb der Stadt liegende Elemente und Gegebenheiten (wie z.B. „die grüne Umgebung“) definiert wird. Dennoch ist die Identifikation der Eisenhüttenstädter Bevölkerung mit ihrer Stadt als hoch einzuschätzen. Trotz der massiven ökonomischen Probleme und des „No-Future-Syndroms“ „bleibt die Stadt eine bedeutsame Projektsfläche für die Artikulation und Ich-Identität“ (S. 240). Auch aus der Dokumentation der konkreten Probleme, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern artikuliert wurden, ergeben sich wertvolle Hinweise für die Leitbildentwicklung der Stadt. Eine weitere Stärke des Bandes besteht darin, dass er die theoretischen und methodischen Hintergründe der Forschung auch für ein nicht-akademisches Publikum überzeugend herleitet und anschaulich aufbereitet. Mit seinen 288 Seiten bietet er folglich einen ebenso lehr- wie materialreichen Einblick in die aktuelle Thematik raumbezogener Identitäten und Images.

Literatur:

Weichhart, Peter 1990: Raumbezogene Identität. Bausteine zu einer Theorie räumlich-sozialer Kognition und Identifikation. Erdkundliches Wissen 102. Stuttgart.

Werlen, Benno 1987: Gesellschaft, Handlung und Raum: Grundlagen handlungstheoretischer Sozialgeographie. Erdkundliches Wissen 89. Stuttgart.

Werlen, Benno 2000: Sozialgeographie. Eine Einführung. Bern et al.

Autorin: Julia Lossau

Quelle: Die Erde, 138. Jahrgang, 2007, Heft 2, S. 148-150

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