Pascal Goeke 2017: Suchbewegungen Titel Held Anthropozaenim Anthropozän

Rezension von: Wolfgang Haber, Martin Held, Markus Vogt (Hg.) 2016: Die Welt im Anthropozän. Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität. München: Oekom. 178 S.

Das Anthropozän – zur Struktur eines Begriffs
Das Anthropozän – ein scheinbar beneidenswert klarer und knapper Begriff. In der logisch einfachen Form einer Realdefinition wird auf nur einer Seite in Nature behauptet (Crutzen 2002), dass die Menschheit der bedeutsamste (geologische) Faktor der allerjüngsten und gegenwärtigen Erd- und Umweltgeschichte sei und zugleich gefordert, dass dieser Sachverhalt auf den Begriff des Anthropozäns zu bringen ist (vgl. zuvor Crutzen/Stoermer 2000; zur Genese siehe auch Crutzen 2013).

Marcel Heires, Andreas Nölke (Hrsg.):Politische Ökonomie der Finanzialisierung.Wiesbaden: Springer VS (Reihe Globale Politische Ökonomie) 2014. 277 S.
Wolfgang Krumbein, Julian Fricke, Fritz Hellmer, Hauke Oelschlägel: Finanzmarktkapitalismus? Zur Kritik einer gängigen Kriseninterpretation und Zeitdiagnose. Marburg: Metropolis-Verlag 2014. 160 S.

„Finanzialisierung“ und „Finanzmarktkapitalismus“ sind, wie es Hans-Martin Zademach in seinem jüngst erschienenen Lehrbuch „Finanzgeographie“ (Darmstadt 2014) deutlich gemacht hat, mehrdeutige und umstrittene Begriffe. In der Humangeographie wird des Öfteren ihre empirische Tragfähigkeit bezweifelt. Der von Marcel Heires und Andreas Nölke herausgegebene Sammelband „Politische Ökonomie der Finanzialisierung“ legt nun eine Zwischenbilanz von konzeptionellen Überlegungen und empirischen Anwendungen vor. Erfreulicherweise sind humangeographische Aspekte in diesem vornehmlich politikwissenschaftlichen Band thematisch und personell repräsentiert.

Friederike Landau, Henning Mohr 2015: Interventionen als Kunst des urbanen Handelns?

Rezension zu Judith Laister, Anton Lederer, Margarethe Makovec (Hg.) (2014):Die Kunst des urbanen Handelns / The Art of Urban Intervention. Wien: Löcker.

Kreative und künstlerische Strategien gewinnen in innovations- und effi­zienz­orientierten liberalen Demokratien als ‚alternative‘ Formen der Wis­sens­produktion sowie der Dynamisierung und potenziellen Demo­kra­ti­sie­rung von Kommunikations- und Entscheidungsprozessen zunehmend an Bedeutung. Die Anwendung von Kreativitätstechniken befördert die Kon­zep­tion des modernen Subjekts, welches Ideale von Selbstentfaltung und (Selbst-)Schöpfung – die maßgeblich der Figur des künstlerischen Genies entliehen sind – in den Kontext von (Selbst-)Optimierung und Öko­no­mi­sie­rung stellt (vgl. Reckwitz 2012: 215 ff.). Kreativität und künstlerische Ausdrucksformen werden als lösungsbringende, über funktionalistisch ausgerichtete Ansätze hinausgehende Herangehensweisen wahrgenommen, die Partizipation und – damit einhergehend – Legitimation begünstigen können. Insbesondere in städtischen Transformationsprozessen scheinen Künstler_innen immer häufiger eine Rolle in der (Oberflächen-)Gestaltung städtischer Räume zu spielen. Sie tun dies sowohl aus eigenem Antrieb, zunehmend jedoch auch im konkreten Auftrag lokaler, Akteur_innen des Stadtteilmanagements oder ähnlicher Programme, die übergeordnet das Thema ‚Soziale Stadt‘ forcieren.

Christian Kohrs: Einflussfaktoren und Erfolgsbedingungen demokratischer Konsolidierungsprozesse im subsaharischen Afrika. Eine kritische Literaturanalyse. Heidelberg: Books on African Studies 2014. 660 S.


Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um die Dissertation des Autors. Ihr Ausgangspunkt ist die These, dass der Themenkomplex der demokratischen Konsolidierung in den letzten zwei Jahrzehnten in den internationalen politikwissenschaftlichen Diskussionen vernachlässigt wurde. Es erscheint in der Argumentation der Studie einleuchtend, das Vier-Ebenen-Modell von Wolfgang Merkel, welches auf der Konzeption von Juan J. Linz & Alfred Stepan aufbaut, zum theoretischen Ausgangspunkt zu nehmen. Das Modell vermittelt über die vier Ebenen demokratischer Konsolidierungen schon zum überwiegenden Teil die Teilregimes und Einflussfaktoren, die beim derzeitigen wissenschaftlichen Stand wohl als wesentlich erachtet werden können. Die Intention der Arbeit ist es aber nicht, lediglich die Konzeption von Merkel auf den afrikanischen Kontext zu übertragen, sondern eine kritische Diskussion darüber zu führen, ob dieses Konzept auf den Kontinent übertragbar ist bzw. wie es ggf. modifiziert werden muss. Dies trifft nach Auffassung des Autors insbesondere auf unseren Nachbarkontinent Afrika zu. Seit Beginn der letzten großen Demokratisierungsphase im subsaharischen Afrika Ende der 1980er Jahre waren nach einer kurzen Phase der Euphorie über ihr Tempo und ihr Ausmaß zunehmend skeptische Stimmen zu vernehmen, die auf die Defizite der demokratischen Regimes oder das Ausbleiben einer weitergehenden Demokratisierung hingewiesen haben. Allerdings habe sich auch erst in den letzten Jahren ein Kreis von acht bis zehn Staaten im subsaharischen Afrika herauskristallisiert, für den eine legitime Diskussion ihrer demokratischen Niveaus, im Sinne der internationalen Konsolidierungsdefinitionen, sinnvoll erscheine. Eine solchermaßen notwendige Diskussion, so die These des Autors, ist bisher aber nur unzureichend und zu unstrukturiert geführt worden.

Naomi Klein: This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate. New York: Simon & Schuster. 2014. 566 pp.

In her latest book, Naomi Klein, author of global bestsellers The Shock Doctrine and No Logo, looks to tackle the war our economic model is waging against life on earth. Sarah Lester finds that Klein leaves us with the glimmer of hope that climate justice movements and social mobilisation can offer an alternative future.

Naomi Klein in her new book This Changes Everything presents a new way of looking at two major problems: disaster capitalism and climate change. Klein’s argument is that, while the majority of people think climate change is a threat, “we have not done the things that are necessary to lower emissions because those things fundamentally conflict with deregulated capitalism” which is the “reigning ideology” of our time (p.18). At the heart of the book Klein is supplying society with a challenge: are we on the right path, are we doing the right things for ourselves and for the future, and is this the best we can be? Arguably her core message is one of social and environmental justice: “the solution to global warming is not to fix the world, but to fix ourselves” (p.279).

Bernd Belina: Raum. Zu den Grundlagen eines historisch-geographischen Materialismus. Münster: Westfälisches Dampfboot  (Einstiege 20) 2013. 172 S.

Bernd Belina widmet sich dem „Raum“ als einem Grundbegriff der Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie innerhalb der Reihe „Einstiege“ des Verlages Westfälisches Dampfboot. Die Reihe – so die Beschreibung des Verlages – richtet sich an ein breites Publikum und will die Lesenden befähigen, eigene Wege zwischen den Felsen der Disziplinen zu finden und zu bestreiten. Das schmale Buch ist konsequent innerhalb einer Perspektive des historisch-geographischen Materialismus (HGM) verfasst, daher stellt es lediglich einen Ausschnitt der aktuellen geographischen Debatten über Raum dar. Die angeführten Debatten und Vorschläge innerhalb des HGM werden umfassend dargelegt, kritisch diskutiert und an zahlreichen Beispielen aus der polit-ökonomischen Praxis anschaulich verdeutlicht. Dem Charakter einer Einführung entsprechend steht die ordnende und am Überblick orientierte Darstellung und Kritik disperser Beiträge im Mittelpunkt, nicht jedoch die Vorstellung einer eigenständigen Raumtheorie innerhalb des HGM.

Matthias Drilling und Patrick Oehler (Hg.): Soziale Arbeit und Stadtentwicklung. Soziale Arbeit StadtentwicklungForschungsperspektiven, Handlungsfelder, Herausforderungen. Springer VS, Wiesbaden 2013. 428 S.

Im der amtierenden Bundesregierung zugrunde liegenden Koalitionsvertrag finden sich unter dem Kap. 4.2 „Lebensqualität in der Stadt und auf dem Land – Gutes und bezahlbares Wohnen“ Ausführungen zur Liegenschaftspolitik, zum Sozialen Wohnungsbau (S. 114), zu Bezahlbaren Mieten (S. 115) sowie zum Generationen- und altersgerechten Wohnraum (S. 116). Nach Jahren der Kürzungen, beispielsweise im Programm Soziale Stadt, möchte die Bundesregierung nunmehr den Sozialen Wohnungsbau wiederbeleben und u. a. eine sozialverträgliche Sanierung des Wohnungsbestandes vorantreiben (S. 114 f. des Koalitionsvertrags). Was der Begriff sozialverträglich in diesem Zusammenhang bedeutet, wird nicht erläutert. Eindeutig scheint aber zu sein, dass der Sozialplanung im Städtebaurecht, mit der sich bereits Schulze-Fielitz in seiner Dissertation im Jahre 1982 auseinandersetzte, in der Gegenwart größeres Gewicht – möglicherweise gar eine Renaissance? – beschieden sein könnte.

Klaus Selle: Über Bürgerbeteiligung hinaus: Stadtentwicklung als Gemeinschaftsaufgabe? Analysen und Konzepte. Detmold 2013. Verlag Dorothea Rohn, edition stadt | entwicklung. 528 S.

Der Planungstheoretiker Klaus Selle von der RWTH Aachen schöpft in diesem Buch erneut aus dem Vollen. Er kann souverän einen essenziellen Trumpf ausspielen: Seine jahrzehntelange Erfahrung mit Planungsprozessen und -akteuren vor Ort. Sehr gut gefallen mir die als Zitate eingeflochtenen Zuspitzungen, mit denen der Autor Einwände, Argumente und Polemiken zu begegnen sucht. Er entwickelt auf diese Weise seinen unnachahmlichen Stil. Herausgekommen ist eine voluminöse Monographie in Dialogform. Für eine solche Themenfülle an Planungstheorie(n) und der Ableitung von Konzepten für partizipatorische oder gar plebiszitäre Planungsinstrumente jenseits des ohnehin schon bestehenden Kommunal(wahl)rechts braucht es zweifelsohne Erfahrung. Was macht nun eine  «gute», nahezu alles und jeden beteiligende Stadtplanung aus? Angesichts des mancherorts zunehmenden Siedlungsdrucks vor allem auf Mittel- und Grossstädte ist eine Konzentration und Zuspitzung der Frage, wie Bürger besser an Planung zu beteiligen seien, wichtig.

Daniel Lorenz 2017: Aus der ‚globalen Umweltkatastrophe‘ in dieEngel Katastrophenalarm ‚klassenlose Gesellschaft‘?

Stefan Engel: Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur? Essen 2016. Verlag Neuer Weg. Fünfte Auflage. 336 S.

Vorbemerkung
Eigentlich sollte es bei der Rezension von wissenschaftlichen Büchern mehr um den Inhalt und weniger um die VerfasserInnen gehen. Dem soll auch hier so sein, dennoch scheinen eingangs einige Bemerkungen angebracht, zumal das Buch sich auch selbst als „eine Streitschrift, die sich in die Strategiedebatte um die Lösung der Umweltfrage einmischt“, positioniert und damit die Frage nach dem Standpunkt provoziert. Und gerade die Worte ‚Streitschrift’ und ‚Strategiedebatte’ sollten aufhorchen lassen, handelt es sich doch bei dem Autoren Stefan Engel um den Vorsitzenden der Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), der der Partei seit ihrer Gründung 1982 vorsitzt. Über die Partei existieren zahlreiche Charakterisierungen als „politische Sekte“ o.ä., die hier zwar nicht überbewertet werden, aber dennoch am Rande genannt werden sollen. Noch wichtiger scheint, dass es sich bei dem Buch um „Teamarbeit über drei Jahre mit über 120 Mitarbeitern (sic!) unter der Leitung des Autors Stefan Engel“ (aus dem Flyer zum Buch) handeln soll. Die besagten 120 Mitarbeiter tauchen dann im Buch nicht mehr auf, weder als AutorInnen oder Mitarbeitende noch als Personen, denen noch einmal explizit gedankt wird.

Hubert Job, Felix Kraus, Cornelius Merlin, Manuel Woltering: Wirtschaftliche Effekte des Tourismus in Biosphärenreservaten Deutschlands. Bonn: Bundesamt für Naturschutz 2013. 166 S. (Naturschutz und Biologische Vielfalt, Nr. 134).


Der Gebietsschutz in Deutschland und europaweit hat in den vergangenen Jahrzehnten einen merklichen Wandel erfahren. Zusätzlich zu den engeren Zielen des Naturschutzes spielt inzwischen die wirtschaftliche Inwertsetzung der Schutzgebiete zunehmend eine zentrale Rolle für deren Entwicklung und Management. Den Biosphärenreservaten wird dabei, mehr als allen anderen Kategorien des Gebietsschutzes, eine herausragende Rolle beigemessen. Es handelt sich um internationale, von der UNESCO anerkannte Schutzgebiete, die das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung verfolgen und hierfür als Modellregionen mit Vorbildcharakter dienen sollen. Ein nachhaltiger Tourismus, der den Schutz der natürlichen Ressourcen mit einer langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung verbindet und der Bevölkerung vor Ort Möglichkeiten der Beteiligung eröffnet, gehört zu den Handlungsansätzen, mit denen die Nachhaltigkeitsziele der Biosphärenreservate erreicht werden können.

Forum Stadt Umschlag

Oliver Müller 2016: Vom Nutzen der Philosophie für die interdisziplinäre Stadtforschung


Jürgen Hasse (Hg.): Philosophie der Stadt (mit Beiträgen von Mădălina Diaconu, Ferdinand Fellmann, Wolfgang Gleixner, Jürgen Hasse & Julian Nida-Rümelin), Forum Stadt, 43, 4, 2016, S. 323-416.  

Worin könnte heute angesichts der Theorien- und Methodenvielfalt in der interdisziplinären Stadtforschung noch der produktive Beitrag einer „Philosophie der Stadt“ liegen? Dieser Frage geht das gleichnamige Themenheft der Zeitschrift Forum Stadt in mehreren Beiträgen, jeweils aus spezifischer Perspektive (Existenzphilosophie, politische Philosophie, Lebensphilosophie, Phänomenologie) nach. Der Aufbau des Heftes erfolgt also nicht systematisch innerhalb einer Theorietradition, sondern versucht der Vieldimensionalität des Gegenstandes und „Problemherds“ Stadt durch Multiperspektivität gerecht zu werden.

Schon das Editorial macht deutlich: Es gibt nicht die Philosophie der Stadt. Es zeigt aber auch auf, worin der mögliche Ertrag der äußerst heterogenen philosophischen Reflexionen liegen könnte. Dieser wird vor allem in der Sprengung paradigmatischer Grenzen eines anwendungsbezogenen Stadt-Denkens, und der damit verbundenen Überschreitung disziplinärer Grenzen gesehen. Darüber hinaus kann die Philosophie einen Beitrag zur Reflexion und der genaueren Denotation von Begrifflichkeiten leisten und solche normativen Gehalte aufdecken, wie sie z.B. im Begriffs-Gebilde der „prekären Lebensverhältnisse“ transportiert werden.