Benjamin Etzold: The Politics of Street Food. Contested Governance and Vulnerabilities in Dhaka’s Field of Street Vending. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2013 (Megacities and Global Change 13). 386 S.

Der Verkauf von auf der Straße zubereiteten Lebensmitteln in mobilen, semi-mobilen und weitgehend stationären Ständen ist ein typisches Merkmal vieler Städte im Globalen Süden. In Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, ernährt sich rund jeder zweite der 15 Millionen Einwohner täglich von sogenanntem „street food“. Auf Straßen, Gehwegen und Märkten sowie in Parks und an Verkehrsknotenpunkten bieten nach den Schätzungen des Autors der Studie rund 100.000 Straßenhändler Reisgerichte, Snacks, Früchte oder Getränke an. Trotz der großen Bedeutung des Straßenhandels für die Nahrungsmittelversorgung in der Megastadt läuft dieser nicht ohne Konflikte ab. Aus Sicht der Behörden und der städtischen Eliten ist der Straßenhandel unhygienisch und zumindest potenziell gesundheitsgefährdend. Zudem stört er die öffentliche Ordnung, weil die Stände knappen Verkehrsraum blockieren oder Flächen nutzen, die für andere Zwecke vorgesehen sind. Dennoch findet der Straßenhandel von Lebensmitteln in erheblichem Ausmaß statt, mit Kundschaft nicht nur bei den Armen, sondern auch in der urbanen Mittelschicht. Benjamin Etzold beschäftigt sich in seinem Werk, das auf eine Doktorarbeit an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1233 der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Megacities – Megachallenge“ zurückgeht, genau mit diesen Widersprüchen zwischen Verboten, Verstößen, hartem Durchgreifen, Zulassen und bewusstem Wegsehen. Entsprechend versteht er den Straßenhandel mit Lebensmitteln als umkämpfte Regulation bzw. als Makro- und Mikropolitik um „street food“. Außerdem dokumentiert er sehr detailliert die Bedeutung des Straßenhandels für die Ernährungssicherung in der Megastadt und die Lebensführung der Händler.

 

Aufgrund der Breite des Untersuchungsansatzes und des geringen Wissens, das über die Thematik in der Wissenschaft bislang existiert, hat die Studie über weite Strecken einen im besten Sinne explorativen Charakter. Der Autor hat hierfür einen erheblichen empirischen Aufwand betrieben. So führte er zahlreiche qualitative Interviews mit Straßenhändlern, Ordnungshütern und Experten, aber auch standardisierte Befragungen unter Konsumenten und Anbietern durch. Diese Befragungsmethoden werden ergänzt durch Kartierungsarbeiten, (teilnehmende) Beobachtungen sowie die Auswertung von Dokumenten, Grauer Literatur und sekundärstatistischen Daten.  

Konzeptionell basiert die Studie auf der Theorie der Praxis von Bourdieu und dessen Überlegungen zur Rolle des Staates sowie zur Aneignung und Inbesitznahme physischen Raumes. Die Aneignung des öffentlichen Raumes, in dem der Straßenhandel in der Regel stattfindet, kann nach Etzold sowohl materiell, sozial, institutionell und symbolisch als auch durch räumliche Praktiken erfolgen. Diese verschiedenen Dimensionen der Aneignung arbeitet er präzise heraus und verbindet sie mit Ansätzen der sozialen Vulnerabilität, der Informalität und der Ernährungssicherung. Daraus leitet der Autor seine Forschungsperspektive der „Street Food Governance“ ab, die sowohl gesetzliche Regelungen und Diskurse (Makropolitik) als auch persönliche Interaktionen, informelle Aushandlungsprozesse und alltägliche Konflikte (Mikropolitik) in den Blick nimmt. Ein fast unvermeidbarer Nachteil dieser breiten und komplexen Konzeptionalisierung ist allerdings, dass der Autor in viele Theorieansätze und damit verbundene Termini einführen muss. Sehr hilfreich sind in diesem Zusammenhang die gelungenen Überblicksgraphiken und -tabellen, welche die wortreichen theoretisch-konzeptionellen Ausführungen für den Leser strukturieren und immer wieder wichtige Aspekte zusammenfassen. Eine ähnliche Funktion übernehmen in den Ergebniskapiteln kurze Zwischenfazits am Ende der einzelnen Abschnitte. So gelingt es dem Leser, trotz des komplexen Untersuchungsansatzes und der Vielzahl interessanter Befunde den Überblick zu behalten. Unabhängig davon liefert das Buch einen faszinierenden Einblick in den Handel mit Lebensmitteln auf den Straßen von Dhaka und die damit verbundenen tagtäglichen Konflikte und Aushandlungsprozesse. Die engagierte Studie betritt bei vielen Aspekten tatsächlich Neuland und liefert mit dem Blick auf Dhaka neue Befunde, die in den Grundzügen auf viele andere Megastädte des Globalen Südens übertragbar sein dürften. So wird deutlich, dass der Straßenhandel nicht nur eine tragende Rolle für die Ernährungssicherung und die Einkommensgenerierung der betroffenen Menschen spielt, sondern dass die Verwundbarkeit der Händler sowie deren Geschäftserfolge vor allem von ihren Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten des öffentlichen Raumes abhängen. Der Zugang zu einem besonders profitablen und vor allem vor Vertreibung und Räumungen sicheren Standort interpretiert Etzold als „räumliches Kapital“, mit dem es den Händlern gelingt, ihre Verwundbarkeit zu reduzieren und ihren Lebensstandard zu sichern. Dieser Zugang wird im Wesentlichen auf informellen Wegen und über persönliche Beziehungen zu Politikern, Polizisten und verschiedenen Mittelsmännern ausgehandelt. Zwar setzt der Staat die Rahmenbedingungen für den Straßenhandel, indem er diesen im öffentlichen Raum reguliert und die Regeln vor allem in Phasen politischer Umbrüche auch mit Gewalt durchsetzt; die Straßenhändler haben aber vielfältige Anpassungsstrategien entwickelt, mit denen sie dennoch im Geschäft bleiben sowie Risiken und Willkürakte seitens staatlicher Akteure abfedern können. Hierbei spielt in erster Linie das in Netzwerken nutzbare soziale Kapital der Händler eine entscheidende Rolle, aber auch damit eng verbunden ihr Zugang zu Informationen und Krediten sowie ihre räumliche Mobilität und Flexibilität. Staatliche Autoritäten sind zudem gar nicht wirklich daran interessiert, die Widersprüche zwischen formalen Verboten und offensichtlichen, massenhaften „Regelverstößen“ aufzulösen, weil beispielsweise Schutzgelder für viele Ordnungshüter, Politiker und andere machtvolle Akteure eine bedeutende Einnahmequelle sind.

Auf Basis seiner empirischen Analysen richtet der Autor dann im letzten Kapitel des Buches den Blick nach vorne und fragt, welche Maßnahmen notwendig und denkbar wären, um Straßenhändler besser vor Willkür zu schützen, von der Illegalität zu befreien und ihre Position zu stärken. Im Wesentlichen diskutiert er hierbei Politikempfehlungen, welche die NGO "Consumers Association of Bangladesh“ (CAB) bereits vor einigen Jahren formuliert hat. In Anbetracht der starken theoretischen Fundierung der Studie ist dieses eher pragmatische, stark auf den konkreten Einzelfall bezogene Ende ungewöhnlich und fast etwas enttäuschend. Dennoch: Alles im allem hat Benjamin Etzold ein ausgesprochen lesenswertes und anregendes Werk vorgelegt, das einen wichtigen Beitrag für die Megastadt-Forschung sowie damit verbundene Fragen nach Informalität und urbaner Governance darstellt. Allen an diesen Themenfeldern Interessierten kann das umfassende und sehr gut ausgestattete Buch wärmstens zur Lektüre empfohlen werden.

Boris Braun

Autor: Prof. Dr. Boris Braun, Universität zu Köln, Geographisches Institut, Albertus Magnus Platz, 50923 Köln,
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Quelle: Geographische Zeitschrift, 102. Jg. 2014 · Heft 4 · Seite 246-247

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