Pascal Goeke 2017: Suchbewegungen Titel Held Anthropozaenim Anthropozän

Rezension von: Wolfgang Haber, Martin Held, Markus Vogt (Hg.) 2016: Die Welt im Anthropozän. Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität. München: Oekom. 178 S.

Das Anthropozän – zur Struktur eines Begriffs
Das Anthropozän – ein scheinbar beneidenswert klarer und knapper Begriff. In der logisch einfachen Form einer Realdefinition wird auf nur einer Seite in Nature behauptet (Crutzen 2002), dass die Menschheit der bedeutsamste (geologische) Faktor der allerjüngsten und gegenwärtigen Erd- und Umweltgeschichte sei und zugleich gefordert, dass dieser Sachverhalt auf den Begriff des Anthropozäns zu bringen ist (vgl. zuvor Crutzen/Stoermer 2000; zur Genese siehe auch Crutzen 2013).

Die enorme Wirkung und die schier unermessliche Reichweite des Begriffs haben sicher verschiedene Gründe –etwa die Hyperaufmerksamkeit für Nature-Artikel oder die Interessen der Geologie und noch viel mehr der Erdsystemwissenschaften –, doch letztlich ausschlaggebend dürfte sein, dass mit dem Begriff der Zeitgeist gefasst und ein allumfassender Horizont aufgespannt wurde. Mit anderen Worten: Aus dem Variety Pool möglicher Semantiken wurde ein eingängiger Begriff gewählt, der, typisch für Realdefinitionen, auf den Wesenskern einer Sache abzielt und diesen bestimmt, indem er mit Erde und Menschheit einige der größten Kategorien unserer Vorstellung in einen kausalen und wechselseitigen Zusammenhang stellt. Und als ob all das nicht schon genug wäre, strebt der Begriff nach Universalität. Selbst wenn der Beginn des Anthropozäns formal auf den Zündungsmoment der ersten Atombombe festgelegt werden sollte, so ist doch klar, dass das Anthropozän im Zusammenhang mit der Menschheitsgeschichte insgesamt steht, mithin die gesamte menschliche Erfahrung einbezieht. Und schließlich bezieht das Anthropozän auch die Weiten des Alls mit ein – etwa wenn auf Satelliten(müll)spuren als ein Merkmal des Anthropozäns hingewiesen und Szenarien der Weltraumbewirtschaftung aufgezeigt werden (Le Monde diplomatique 2012, 48 ff.).

Wer nun einwendet, dass die Gesellschaftswissenschaften insgesamt diesen Begriff nicht bräuchten, weil andere vorgeblich bessere Begriffe vorlägen oder weil der apolitische und naturalistische Begriff die Aufmerksamkeit auf die falschen Kategorien lenke (z. B. Gebhardt 2016; vgl. auch Moore 2016), der verkennt die dem Begriff innewohnende Aufmerksamkeitssteuerungs- und politische Gestaltungsleistung. So ist es dem Begriff unter anderem gelungen, die zuvor disparat in den sozial-, geistes-, ingenieurs- und naturwissenschaftlichen Disziplinen geführten Diskussionen in einen unentrinnbar gemeinsamen Problemhorizont einzurücken. Daraus folgt nicht die Nivellierung etwaiger disziplinärer Unterschiede, aber eine einfache Fortführung des interdisziplinären Dialogs im Stile der netten Nachbarschaftspflege ist eben auch nicht mehr zu empfehlen. Was gefordert ist und bereits geschieht, ist eine transdisziplinäre, eine verwickelte Debatte, die tradierte Problemstellungen verändert und sich nicht auf die Wissenschaft beschränkt, sondern gesamtgesellschaftlich zu führen ist. Und weil sich dabei die Perspektiven unweigerlich verändern, sich einst isolierte Sinnprovinzen überlagern und letztlich kollektiv bindende Entscheidungen provoziert werden, ist der Begriff Anthropozän Ausdruck und Motor eines politischen Prozesses. Stimmt man einmal der Realdefinition zu, so ist das Anthropozän keine äußerliche Erscheinung, sondern Konstituens unserer Existenz: Wir sind Teil des Anthropozäns und leben im Anthropozän.

Ökologie und Humanität – zur Struktur und zum Inhalt des Buches
Der Band „Die Welt im Anthropozän. Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität“ ist im oben skizzierten Sinn Effekt und Stimulans der offenen Suchbewegungen im Anthropozän. Als Ergebnis des Projekts „Ökologie und Humanität. Herausforderungen des Anthropozäns“ respektive einer Projekttagung im September 2015 an der Evangelischen Akademie in Tutzing präsentieren die insgesamt 11 Autoren und 2 Autorinnen höchst unterschiedliche, immer interessante und gut redigierte Perspektiven auf das und im Anthropozän. Besonders zu loben sind die jeweils gelungenen Balanceakte zwischen Spezialisierung und internem Komplexitätsaufbau einerseits und allgemeiner Verständlichkeit andererseits.

Im ersten von drei Teilen widmen sich der Ökologe Wolfgang Haber, der Globalhistoriker Franz Mauelshagen, der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera und der Primatenforscher Volker Sommer den ökologisch-evolutionären Perspektiven des Anthropozäns. Teil 2 – Humanitäre Maßstäbe – wird von sozialethischen Argumenten geprägt. Die Sozialphilosophin Uta Esser, der Sozialethiker Markus Vogt, der Theologe Wolfgang Schürger, und der Ethiker Hans Jürgen Münk ergründen, welche Kategorien sich im und durch das Anthropozän verändern oder verändern sollten. Der abschließende dritte Teil ergänzt die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse des ersten Teils und die auf Gesellschaft zielenden Erörterungen des zweiten Teils um Erkundungen zur „gesellschaftlichen Praxis zwischen Wildnis und Technik“. Zu Wort kommen der Bodenkundler Winfried E. H. Blum, der Ingenieur Heinrich Spanier, der Technikfolgenforscher Claudio Caviezel und die Landschaftsplanerin Christina van Haaren. Insgesamt sind dabei wenigstens vier verschiedene Arten von Argumenten, Beobachtungen und Verschiebungen zu erkennen.

Stützargumente
Erstens finden sich gute Argumente und Beobachtungen, die die These vom Anthropozän als einer erdgeschichtlichen Epoche unterstützen und Facetten der Realdefinition ausleuchten. Franz Mauelshagen unterscheidet in seinem Beitrag zum Beispiel drei Stufen der menschlichen Globalisierung: Der globalen Ausweitung der Spezies Homo Sapiens folgten die weltumspannende Verbreitung landwirtschaftlicher Wirtschafts- und Lebensformen sowie zuletzt die Globalisierung des menschlichen Netzwerks. Insofern der Globalhistoriker Mauelshagen das zu erklärende gegenwärtige Anthropozän als Fluchtpunkt seiner Analytik setzt und das gegenwärtige Aussterben der Arten und der kulturellen Vielfalt mit großer Sorge betrachtet, parallelisiert er die Geschichte der Menschheit mit dem Anthropozän und provoziert fast unweigerlich eine fatalistisch-pessimistische Stimmung. Ganz ähnlich entsteht bei Volker Sommers kenntnisreichem Bericht vom Aussterben unserer Mitprimaten Affen eine beinahe misanthrope Stimmung. Volker belässt es nicht bei der Identifizierung der zentralen Gründe für das Aussterben der Affen, sondern bezeichnet die Gründe als „sieben apokalyptische Plagen“: Bevölkerungswachstum, Landwirtschaft, extraktive Industrien, Klimaänderung, Krankheiten, bewaffnete Konflikte, Jagd und Haustierhandel. Die Beiträge von Wolfgang Haber und Ulrich Kutschera verfeinern das Wissen übers Anthropozän: Haber gibt einen grundsoliden Überblick zum klassischen Gedankengebäude der Ökologie und Kutschera beschreibt Massenaussterben.

Die Stellung dieser Argumente im Buch wie auch in der Debatte insgesamt ist ambivalent. Einerseits plausibilisieren die (natur)wissenschaftlichen Aussagen die These vom Anthropozän. Andererseits basieren sie auf einem Natur- und Ökologiebegriff, der dem Anthropozän seltsam fremd ist und so etwas wie eine externe Beobachtungsposition insinuiert. So betont speziell Haber, dass Humanität und Ökologie zwar im „Doppelwesen Mensch miteinander verknüpft“ seien (S. 35), doch sobald er vom konkreten Wesen Mensch abstrahiert, steht für ihn fest, dass „Humanität […] und Ökologie […] grundsätzlich unvereinbar“ seien (S. 35). Die Menschheit wird zum Fremdkörper in der Natur.

Vorläuferhinweise
Als ein Subtyp der Stützargumente finden sich in den Texten Vorläuferhinweise. Ohne den Begriff Anthropozän diskreditieren zu wollen, zeigen sie auf, dass es etliche begriffliche und gedankliche Vorläufer gibt. So wird beispielsweise in der Einleitung erwähnt, dass der deutsche Ökologe Ernst Haeckel (1834-1919) und der italienische Geologe Antonio Stoppani (1824-1891) sich schon „frühzeitig mit dem Einfluss von uns Menschen auf die Erdgeschichte auseinandergesetzt“ hätten (S. 8) und der Biologe Eugene F. Stoermer den Begriff Anthropozän bereits in den 1980er Jahren verwendet habe. Auch Franz Mauelshagen stellt seiner globalhistorischen Analytik zum Verlust der (bio-)kulturellen Diversität ein langes Zitat Ernst Haeckels voran, in dem dieser das gegenwärtiger Zeitalter der Menschenzeit auch als anthropolithisches oder anthropozoisches Zeitalter benannte. Und Ulrich Kutschera versucht in seinem Beitrag über das Massensausterben gar den britischen Biologen Alfred Russel Wallace (1823-1913) explizit als Vordenker des Anthropozäns zu präsentieren. Selbst Crutzen und Stoermer, das zur Erinnerung, haben überdeutlich auf die gedankliche Tradition ihrer Definition verwiesen (2000).

Die vollkommen berechtigten und wiederkehrenden Hinweise auf die Vorläufer machen in der Summe deutlich, dass selbst die kreativsten Ideen wenig nutzen, wenn sie nicht arbeiten, sich nicht mit anderen Ideen verbinden lassen und kein gedeihliches Milieu finden. Im Grunde ist zu erkennen, dass Haeckel, Stoppani, Wallace und auch noch Stoermer Anthropozän als wissenschaftlichen Begriff zur Erfassung eines mehr oder minder klaren Sachverhalts verwendeten. Anthropozän ist in diesem Sinn Teil eines Variety Pools oder ist als preadaptive Advance zu bezeichnen (vgl. Stichweh 2000, 244). Seit der Jahrtausendwende hat sich daraus eine gepflegte Semantik entwickelt, die nicht nur gedeiht, sondern zunehmend beginnt, gesellschaftliche Strukturen mitzugestalten – „There are thoughts that organize human life so successfully that they manifest their own truth in their performance“ (Goodchild 1996, 211).

Verschiebungsbeobachtungen
Die Stützungsargumente plausibilisieren die These vom Anthropozän und die Vorläuferhinweise machen auf die Entwicklung eines Begriffs hin zu einer gesellschaftsstrukturell wirksamen Semantik aufmerksam. Dabei geben die Autoren zum Teil noch immer vor, eine (natur-)wissenschaftliche Beobachterposition außerhalb der Phänomene beziehen zu können. Je stärker die Idee vom Anthropozän zu wirken beginnt, wird ihnen allerdings klar, dass es eine solche Position nicht geben kann. Dieser Moment der Unruhe ist besonders deutlich beim Primatenforscher Sommer zu erkennen. Zu Beginn nivelliert Sommer den Unterschied zwischen menschlichen und tierischen Kulturen und stellt klar, dass wir Menschen einsamer werden, wenn unsere Mitprimaten aussterben (S. 67). Dann folgt eine auf Neutralität und Objektivität abstellende Analyse der Gründe für das vermutlich anstehende Aussterben vieler Affen, ehe er abschließend auf die Frage nach der eigenen Verantwortung zu sprechen kommt. Seine Antwort besteht in einem Rückzug ins Private. Wie Camus’ Sisyphos gehe auch er nicht vom Erfolg seiner Mission aus. Die Affen werden aussterben. Sein privates Glück nähre sich indes „vom Bewusstsein, das wilde Leben der Letzten ihrer Art aus allernächster Nähe geteilt zu haben. Diese Erfahrung hat mein Leben ungemein bereichert. Teilen will ich sie gerne“ (S. 77). Diese eskapistische Position zeigt nicht nur erste unbequeme Verschiebungen im Anthropozän an, sondern wirft grundsätzlich die Frage auf, welche Verantwortung etwa der einzelne Mensch, die Menschheit oder die Gesellschaft hat und mit welchen Dilemmata wir durch das Anthropozän konfrontiert sind.

Antworten auf diese Fragen stehen noch aus. Aber in den einzelnen Beiträgen finden sich viele Beispiele für Verschiebungen, die durch das Anthropozän in Gang gesetzt werden. So schließt Winfried H. E. Blum zwar mit dem Begriff Globalisierung im Titel seines Beitrags noch an den Begriffsvorrat der Spätmoderne an, vollzieht im Text aber einen durch das Anthropozän ausgelösten Wandel. Bei ihm geht es nicht mehr allein um Boden als einen globalisierten Produktionsfaktor der Wirtschaft, sondern auch um Böden als einen Faktor von Ökosystemdienstleistungen. Statt also allein wie in der Globalisierungsdiskussion üblich auf die Mobilisierung von Boden durch Finanzialisierung aufmerksam zu machen, bedenkt Blum auch die Limitationen von Böden. Statt mit Globalisierung und Entgrenzung bekommen wir es mit den planetarischen Grenzen im Anthropozän zu tun.

Zu ähnlichen Verschiebungen kommt es auch bei Heinrich Spaniers Ausführungen über die Wildnis. Grundsätzlich geht er von der gut etablierten Erkenntnis aus, dass Natur nicht unabhängig von Gesellschaft zu verstehen ist. Dann aber bezieht Spanier beide Seiten der gesellschaftlichen Natur|Gesellschaft-Unterscheidung auf den eigentlich für die Gesellschaft vorbehaltenen Wert der Humanität. So kann er zeigen, dass die Konstruktion von Wildnis als ein spezieller Typ von Natur den gesellschaftlichen Wert der Humanität zu verletzten droht, wenn etwa ein Raum als Wildnis dargestellt wird, aus dem zuvor Einwohner vertrieben wurden (z. B. die Bewohner Nordamerikas oder in der Serengeti). Wildnis als (auch gewaltsame) Konstruktion, das stellt Spanier heraus, ist dann nicht mehr nur eine dümmliche oder einfältige gesellschaftliche Selbsttäuschung, sondern ein veritabler Verstoß gegen das selbstauferlegte Ideal der Humanität.

Weitere Verschiebungen ergeben sich, wenn Christina von Haaren fragt, wie viel Natur der Mensch im Anthropozän braucht und Claudio Caviezel Formen des Climate Engineerings erörtert. Dabei wird einerseits erneut deutlich, dass planetarische Grenzen Teil der existenziellen und zu reflektierenden Lebensbedingungen im Anthropozän sind. Und andererseits wird uns vorgeführt, dass Menschheit und Umwelt konstitutiv miteinander verflochten sind und umeinander rotieren – auch das gehört zur planetarischen Bedingung im Anthropozän. „Ich bin das Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das leben will“ wird denn auch Albert Schweitzer von Schürger zitiert (S. 112).

Änderungsgebote
Die beobachteten Verschiebungen sind Effekte der Erkenntnis um die erdgeschichtliche Bedeutung der Menschheit. Offensichtlich provoziert die Erkenntnis und die Weltbeobachtungsformel Anthropozän Unruhe. Nun liegt es weit jenseits der Leistungsfähigkeit eines einzelnen Buches, hier ordnend zu wirken. Aber indem sich das Buch auf ethische Erörterungen beschränkt, kommt es ein gutes Stück bei der Klärung grundlegender Fragen voran.

So wendet sich Uta Esser grundsätzlich gegen die aus Cartoons bekannte Interpretation, dass die Erde vom Virus Mensch befallen sei. Statt Misanthropie zu pflegen und in Zynismus zu verfallen, seien radikale und exklusive Gegenüberstellungen wie Humanität vs. Ökologie oder Freiheit vs. Naturgesetz zu überwinden (S. 84 f.). Dazu gehöre auch, dass Fragen, die in westlichen Gesellschaften bisher als Privatsache galten – vor allem die Frage nach einem lebenswerten Leben –, vielleicht nicht mehr als solche gelten sollten. Der Schutz der Umwelt müsse sich aus ethischer Sicht vom Akt der Notwendigkeit in einen Akt der Humanität transformieren: „Natur schützen, weil wir sie lieben“ (S. 90).

Auch Markus Vogt will den Begriff der Ökologie nicht auf den Naturschutz begrenzen, sondern plädiert allgemeiner für ein „Denken in Beziehungszusammenhängen“. In einer seiner 10 Thesen für eine humanökologische Ethik im Anthropozän fordert er eine vierte Dimension der Menschenrechte ein. In Ergänzung zu den (i) individuellen Freiheitsrechten, den (ii) sozialen Anspruchsrechten und den (iii) politischen Mitwirkungsrechten (z. B. Development as Freedom) will er Menschheitsrechte etablieren, die auf Pflichten gegenüber der Menschheit als Kollektiv zielen. Konkret würde es dabei unter anderem um Klimaschutz als Recht der Menschheit gehen (S. 101).

Ähnliches hat der Theologe Schürger im Blick, wenn er in seinem Beitrag von Mitgeschöpflichkeit spricht. Diese „verortet das ethisch handelnde Subjekt [.] nicht mehr primär im Miteinander der Menschen, sondern im Miteinander der Schöpfung“ (S. 112). Man muss derartige Wendungen nicht sofort akzeptieren, zumal Hans Jürgen Münk zeigt, wie schwer eine rechtliche Verankerung derartiger Normen in der Verfassung sein kann (sein Beispiel ist der Zusatz „Die Würde der Kreatur“ in der schweizerischen Verfassung). Aber all die Diskussionen zeigen die große Wirkung der Realdefinition Anthropozän an.

Fazit
Kurzum, der Band ist lesenswert. Speziell durch die Zusammenstellung wird deutlich, dass das Anthropozän eine „Weltbeobachtungsformel“ sui generis begründet (vgl. Lippuner et al. 2015). Als solche oder als Semantik dezentriert sie alles und führt uns die planetarische Situation vor, die einerseits durch planetarische Grenzen und andererseits durch permanente Rotationen gekennzeichnet ist.

Drei Wünsche bleiben bei dem Band und zum Teil auch bei der gegenwärtigen Diskussion offen. Erstens sollte Technik unbedingt mehr Beachtung geschenkt werden. Nicht bloß, weil besonders die energiefressende Maschinentechnik ihren Teil an der aktuellen Misere hat oder weil raffinierte Beobachtungstechniken überhaupt erst die Beobachtung der Misere ermöglichen, sondern weil Technik, sei sie maschinell oder digital, Grundbedingung unserer gegenwärtigen Existenz ist (vgl. Hörl 2013, 2011). Zweitens sollte die Kategorie Menschheit mehr Differenzierung erfahren. Der Begriff und der Sachverhalt Gesellschaft wäre eine Option, zumal die Sozialwissenschaften verdeutlich haben, dass es sich bei Gesellschaft um ein emergentes System mit eigenen Qualitäten handelt (vgl. Werber 2014). Drittens ist der Dissens zu pflegen. Nicht um des Dissens willen, sondern weil der universalistisch ausgelegte Begriff Anthropozän in Komplizenschaft mit mächtigen Akteuren wie dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) dazu neigt, Alternativen zu unterdrücken und so eine zwingend notwendige kognitive Diversität zu vernichten (vgl. Page 2007). Wenn diese Wünsche berücksichtigt werden und die Diskussion mindestens auf dem Niveau des Buches bleibt, dann sollte es möglich sein, dem Anthropozän angemessen zu handeln, ohne in reaktionäre Positionen zu fallen.

Literatur
Crutzen, Paul J. 2002: Geology of Mankind. In: Nature 415. S. 23.

Crutzen, Paul J. 2013: ›A Huge Variety of Possibilities‹: Interview with Nobel Laureate Paul Crutzen on his Life, his Career in Research, and his Views on the Anthropocene Idea. Interviewt von Christian Schwägerl. (http://www.environmentandsociety.org/exhibitions/anthropocene/huge-variety-possibilities-interview-nobel-laureate-paul-crutzen-his-life (7.3.2017)).

Crutzen, Paul J./Eugene F. Stoermer 2000: The ›Anthropocene‹. In: Global Change Newsletter 41. S. 17-18.

Gebhardt, Hans 2016: Das ›Anthropozän‹ – zur Konjunktur eines Begriffs. In: Wink, Michael/Joachim Funke (Hg.): Stabilität im Wandel. Heidelberg. S. 28-42. (= Heidelberger Jahrbücher Online, Bd. 1).

Goodchild, Philip 1996: Deleuze and Guattari. An Introduction to the Politics of Desire Theory. London.

Hörl, Erich (Hg.) 2011: Die technologische Bedingung. Berlin.

Hörl, Erich 2013: Tausend Ökologien. Der Prozess der Kybernetisierung und die Allgemeine Ökologie. In: Diederichsen, Diedrich/Anselm Franke (Hg.): The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen. Berlin. S. 121-130.

Le Monde diplomatique (Hg.) 2012: Atlas der Globalisierung. Die Welt von morgen. Paris.

Lippuner, Roland/Johannes Wirths/Pascal Goeke 2015: Das Anthropozän – eine epistemische Herausforderung für die spätmoderne Sozialgeographie. In: Raumnachrichten.de. (http://www.raumnachrichten.de/diskussionen/1988-roland-lippuner-johannes-wirths-und-pascal-goeke-das-anthropozaen (7.3.2016)).

Moore, Jason W. 2016: Anthropocene or Capitalocene? Nature, History, and the Crisis of Capitalism. Oakland.

Page, Scott E. 2007: The difference: How the power of diversity creates better groups, firms, schools, and societies. Princeton.

Stichweh, Rudolf 2000: Semantik und Sozialstruktur: Zur Logik einer systemtheoretischen Unterscheidung. In: Soziale Systeme 6. S. 237-250.

Werber, Niels 2014: Anthropozän. Eine Megamakroepoche und die Selbstbeschreibung der Gesellschaft. In: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 5. S. 241-246.


Kontakt
PD Dr. Pascal Goeke
Geographisches Institut
Ruhr-Universität Bochum
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