Marcel Heires, Andreas Nölke (Hrsg.):Politische Ökonomie der Finanzialisierung.Wiesbaden: Springer VS (Reihe Globale Politische Ökonomie) 2014. 277 S.
Wolfgang Krumbein, Julian Fricke, Fritz Hellmer, Hauke Oelschlägel: Finanzmarktkapitalismus? Zur Kritik einer gängigen Kriseninterpretation und Zeitdiagnose. Marburg: Metropolis-Verlag 2014. 160 S.

„Finanzialisierung“ und „Finanzmarktkapitalismus“ sind, wie es Hans-Martin Zademach in seinem jüngst erschienenen Lehrbuch „Finanzgeographie“ (Darmstadt 2014) deutlich gemacht hat, mehrdeutige und umstrittene Begriffe. In der Humangeographie wird des Öfteren ihre empirische Tragfähigkeit bezweifelt. Der von Marcel Heires und Andreas Nölke herausgegebene Sammelband „Politische Ökonomie der Finanzialisierung“ legt nun eine Zwischenbilanz von konzeptionellen Überlegungen und empirischen Anwendungen vor. Erfreulicherweise sind humangeographische Aspekte in diesem vornehmlich politikwissenschaftlichen Band thematisch und personell repräsentiert.

Im ersten Teil des Bandes werden unterschiedliche Konzepte der Finanzialisierung aufgefächert. Von den Autorinnen und Autoren weitgehend geteilt wird die Überzeugung, dass die Finanzialisierung – in den Worten der Herausgeber – als „Kulminationspunkt einer längerfristig angelegten, strukturellen Transformation des Kapitalismus“ (19) angesehen wird. Diese Transformation schildert Engelbert Stockhammer in seinem makroökonomischen Beitrag auf der Ebene von Finanzunternehmen, nichtfinanziellen Unternehmen und Haushalten. Die Triebkräfte für die Veränderungen sieht er in einem Überhang an anlagefähigem Kapital, sinkenden Profiten und schwachen Wachstumsraten der Ökonomie. Innerhalb dieses überakkumulationstheoretischen Szenarios entstehen auf vielfältige Weise neue Anlagemöglichkeiten primär für den Finanzsektor. Mit einem anderen Akzent und durch einen instruktiven Rückgriff auf Karl Polanyis Theorie der institutionellen Einbettung beschreibt Alexander Ebner den Aufstieg des Finanzsektors als eine spezielle Variante der Vermarktlichung gesellschaftlicher Prozesse. Andreas Nölke untersucht in seinem Beitrag die Standards der Rechnungslegung und zeigt, dass die Veränderung rein technisch erscheinender Normen als Bevorzugung des Finanzsektorsinterpretiert werden muss. Nach seiner Analyse war die Neufassung von Rechnungslegungsstandards in den vergangenen 20 Jahren ein Prozess, in dem sich die Macht von Akteuren der Finanzialisierung niederschlug.

In einem zweiten Teil wird die Finanzialisierung des Finanzsektors empirisch untersucht. Oliver Kessler und Benjamin Wilhelm zeichnen die Herausbildung des Schattenbankensystems nach, das heißt die Verschiebung von Kreditrisiken aus dem Verantwortungsbereich der Banken zu Akteuren, die nicht der Bankenregulierung unterliegen. Für dieses System ist auch die räumliche Dimension, die Verschiebung aus den nationalen Regulierungsräumen, konstitutiv. Den Nutzen der Deregulierungsräume in Form von Offshore-Finanzzentren für Hedge Fonds analysiert Jan Fichtner. Dabei zeigt er in stringenter Form, wie Hedge Fonds in vielen Finanz- und Rohstoffmärkten eine dominante Position erklimmen konnten, die keine rationale Arbitrage, sondern eine Anheizung von Spekulation herbeiführte. Christoph Scherrer stellt sich dem Problem, warum in Deutschland einige öffentliche Banken, die eigentlich die Hauptträger des kontinentaleuropäischen bankbasierten Finanzsystems sind, das größte Engagement mit riskanten „finanzialisierten“ Finanzprodukten zeigten und zu den größten Verlieren in der Finanzkrise 2008 werden konnten. Hierbei macht er einerseits Probleme der Aufsicht verantwortlich, sieht aber auch strukturelle, nicht bewältigte Verschiebungen zwischen Landesbanken und Sparkassen sowie auf den Finanzmärkten als Gründe dafür, dass für mehrere Landesbanken die Finanzialisierung in den Untergang führte.

Der dritte Teil des Bandes setzt die empirischen Studien fort, wendet sich aber Prozessen jenseits des Finanzsektors zu. Britta Klagge und Johanna Anz behandeln den steigenden Einfluss finanzwirtschaftlicher Akteure in der Windenergie-Branche. Dabei gehen sie institutionentheoretisch von einer Schlüsselfunktion der Energiepolitik aus, die den Finanzakteuren den Weg ebnet. Mit ihrer Zwischenbilanz, in der sie, ohne Ablenkungen von den Zielen der Energiewende, gestiegene Investitionen konstatieren, attestieren sie der Finanzialisierung eine emerkenswert positive Wirkung im Spektrum der Beiträge des vorliegenden Bandes. Stefan Ouma untersucht den weltweiten Landkauf durch private und staatliche Akteure in Entwicklungsländern, aber auch in entwickelten Ländern. Der Bezug zur Finanzialisierung besteht dabei nicht nur im Anlagedruck, der das Kapital auf diese neuartige Form des Investments lenkt, sondern auch in der Verfügbarmachung von Land als einer Ware, die alltäglich und berechenbar gehandelt werden kann.

Insgesamt bieten diese und weitere lesenswerte Beiträge unter anderem von Brigitte Young, Joachim Becker und Stefanie Hiß ein interessantes Panorama von Phänomenen der Finanzialisierung. Sie belegen, dass die Finanzialisierungskonzepte (der Plural wird durch die Beiträge im Band unterstrichen) empirische Phänomene fruchtbar durchdringen können. Wenn die Argumentationen sowohl auf der Makro- wie auf der Mikroebene präsentiert und sowohl strukturtheoretische wie auch akteurs- und institutionentheoretische Konzepte vorgetragen werden, dann ist der für viele Sammelbände typische unverbundene Charakter der Beiträge zu befürchten. Es ist der größte Vorzug dieser Publikation, dass diese Gefahr aufgrund der sehr breit angelegtenTheoriekenntnisse der meisten Autorinnen und Autoren und aufgrund eines offensichtlich intensiven Diskussionsprozesses stark gemindert wird. Trotz verschiedener Perspektiven werden so viele Anschlussmöglichkeiten zu anderen Konzepten deutlich, was die Forschungs- und Theorietauglichkeit des Finanzialisierungskonzeptes klar stärkt.

Einen zweiten Test erlebt das Konzept in einer knappen Monographie einer Autorengruppe um den in der Regionalforschung verankerten Politikwissenschaftler Wolfgang Krumbein. Hier wird statt von Finanzialisierung von „Finanzmarktkapitalismus“ gesprochen, und diese Begriffswahl zeigt bereits, dass es um die Kohärenz und zeitdiagnostische Qualität großer Theorieentwürfe gehen soll. Dabei halten die Autoren eine Theorie des Finanzmarktkapitalismus (FMK) für empirisch nicht haltbar, und so ist der Band als Widerlegung angelegt. Eingangs charakterisieren die Autoren die FMK-Theorie durch vier Thesen. Erstens seien laut FMK-Theorie die Finanzmärkte unmäßig aufgebläht, zweitens seien Real- und Finanzmärkte weitgehend voneinander entkoppelt, drittens dominierten Finanzmärkte die Realmärkte und viertens hätten die strukturellen Veränderungen zu einer neuen „Formation“ des Kapitalismus geführt. Bereits hier bleibt unklar, warum nicht zumindest eine finanzmarktkapitalismustheoretische Position – sei es die von Michel Aglietta,Greta Krippner oder Paul Windolf – zunächst in ihrer Komplexität rekonstruiert wurde, so dass der Leser die Geltung und den Zusammenhang einzelner Theorieteile nachvollziehen kann.

In dem dann folgenden, umfangreichsten Kap. 2 werden verschiedene empirische Belege gegen eine quantitative Ausdehnung des Finanzmarktes zusammengetragen – vor allem anhand der Aktienmärkte und der Vermögensentwicklung. Diese empirischen Beweisführungen generieren viele neue und überraschende Einsichten und Fragen. Dennoch bleibt das Sperrfeuer an Einwänden ziellos, weil es sich jeweils gegen einzelne, partikular herausgegriffene Aussagen richtet. In Bezug auf die Vermögensentwicklung greifen Krumbein et al. vor allem den quantitativen Anstieg der Finanzvermögen im Verhältnis zu anderen Vermögensarten als Aussage heraus. Nachdem dieser Trend von den Autoren in gewissen Teilen sogar bestätigt wird, formulieren sie als Gegenargument den Hinweis auf die qualitativen Veränderungen der Vermögensentwicklung, zum Beispiel die Polarisierung zwischen hohen und niedrigen Vermögensklassen, der Bedeutungsgewinn privater Vermögen gegenüber staatlichen Vermögen (vgl. 60 ff.). Derartige qualitative Elemente sind jedoch in allen FMK-Ansätzen ein genuiner Bestandteildes Konzeptes.

Im Kap. 3 werden Analysen zur Finanzkrise um 2008 und ihren Ursachen gesichtet. Hier sehen Krumbein et al. durch den Krisenverlauf die These einer Entkopplung zwischen Finanz- und Realwirtschaft widerlegt. Sie räumen aber auch ein, dass wichtige FMK-Theoretiker keine harte Entkopplungsthese vertreten (vgl. 68).In den Kap. 4 und 5 geht es schließlich um die Konstruktion längerfristiger historischer Abläufe. Hier wird die Diagnose eines „finanzdominierten Kapitalismus“ unter anderem deshalb abgelehnt, weil vielfältige Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen ausgemacht werden. Da diese sich in räumlich unterschiedlichen Entwicklungslinien und zeitlich widersprüchlichen Abfolgen äußern, könnten sie nicht unter eine einzige Formation subsumiert werden, was die Periodisierungsversuche der FMK-Theorie scheitern lasse (109). Dies mündet dann in ein allgemeines Plädoyer zur Differenzierung in der empirischen Forschung, das sich im Übrigen wie ein Refrain durch die Monographie zieht (vgl.14, 65, 109, 127). Diese an sich begrüßenswerte wissenschaftliche Sorgfalt vertreten Krumbein et al. mit solcher Verve, dass sie der von ihnen vertretenen marxistischen Gesellschaftstheorie jede zeitdiagnostische Kraft rauben. Die räumliche Kontrastierung von angelsächsischen und kontinentaleuropäischen Finanzsystemen, mit denen die FMK-Theorie in der Humangeographie produktiv wirken konnte, wird weder modifiziert noch ersetzt, sondern an ihre Stelle tritt das Problematisieren von Daten, Kategorien und Interpretationen ohne Fazit.

Da der Bedeutungsgewinn des Finanzsektors grundsätzlich nicht verleugnet wird, versuchen die Autoren sich in Kap. 6 an einer alternativen Deutung. In Abgrenzung zum Konzept des Finanzmarktkapitalismus wird hier der Begriff der Finanzialisierung (!) hervorgezaubert und dessen Merkmale entlang von Greta Krippners (!) Vorschlägen diskutiert. Im Ergebnis werden die bekannten empirischen Argumente für eine Finanzialisierung aufgegriffen, jetzt aber unter dem Hinweis, dass dies keine Entkopplung von Finanz- und Realwirtschaft bedeute. – Kurzum, die Monographie von Krumbein et al. bürstet die gesamte Finanzmarktkapitalismus-Diskussion einmal kräftig gegen den Strich. Es wird erfrischend hartnäckig hinterfragt, substanziell kommt die Diskussion jedoch so nicht voran.
Christoph Scheuplein, Münster

Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg.59 (2015) Heft 1, S. 65-67

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