Heiko Knoll u. Jürgen Ritsert: Das Prinzip der Dialektik. Studien über strikte Antinomie und kritische Theorie. Münster 2006. 130 S.

Der auf Grundlage von Knolls Dissertation entstandene Band stellt keine Einführung dar, sondern springt gleich in offene Problemkomplexe. Verf. setzen mit einer erkenntnistheoretischen, die Realdialektik zunächst ausklammernden Problematisierung der Dialektik ein (20f), die sie in einer übergreifend sprachphilosophischen Perspektive behandeln wollen (25ff). Ihre Kritik richtet sich sowohl gegen einen naiven Realismus (14), dem ein formallogisches Verständnis des Gegenstandsbezugs sowie der Argumentation entspricht, als auch gegen den sozialwissenschaftlich geläufigen Konstruktivismus (13). Darüber hinaus wollen sie Anhaltspunkte für das "verdinglichungkritische Potenzial der Dialektik" (16) liefern.

Der Aufbau orientiert sich an der klassischen Urteilstheorie bzw. Kategorienlehre (25-29). Wie schon im Untertitel angedeutet, legen die Verf. dialektischem Denken eine Figur zugrunde, die sie die "strikte Antinomie" nennen. Sie fassen diese zunächst in sprachanalytischen Termini als die Äquivalenz zweier einander negierender, sich jedoch zugleich implizierender Aussagen (31). Dies entspreche der Struktur von Fichtes "Zirkel der Referenz" als der unabdingbaren gegenseitigen Verwiesenheit von "Ansichsein" und "Fürsichsein", die bei Hegel als "Dialektik von Wissen und Wahrheit" entfaltet wird. Jene prozessual gedachte Struktur wird nun als unhintergehbares "Welt- und Selbstverhältnis" (47) insofern ausgewiesen, als sie "den konstitutiven Bruch zwischen Sprache und Referent " (46) signalisiere.
Im zweiten Kapitel zeigen Verf., dass sprachphilosophische Überlegungen nicht aus dem Zirkel der Referenz führen, denn "beide Pole sind jeweils zu trennen und enthalten sich demnach zugleich wechselseitig" (54). Exemplarisch dafür, dass sich solche Versuche in schlechter Unendlichkeit (63) verfangen, sind v.a. die metasprachlichen Ansätze von J. Habermas und E. Brendel. Sie stellen Versuche dar, eine wie immer artikulierte Formsprache herauszudestillieren, die imstande wäre, die logischen Maßstäbe sprachlicher Beziehungen zu bedenken, ohne zugleich den Kontakt mit den Sachverhalten der Wirklichkeit zu verlieren (50). Indem sie auf eine klärende Metasprache bzw. einen ›Gestus des Zeigens‹ à la Wittgenstein rekurrieren müssen, verwickeln sie sich in einen performativen Widerspruch. Denn mit der "Umgangssprache" als "umfassendes Sprachganzes" im Sinne Wittgensteins kann man zwar über sie selbst reden, wobei sie jedoch "aus sich selbst" heraustreten muss, "insoweit sie Dingsprache ist" (54).
In Teil II geht es darum, die Tragfähigkeit der Konzeption anhand der Theorie-Praxis-Problematik zu veranschaulichen. Die Pointe besteht darin, "strikte Antinomie" unter argumentations- bzw. sprachanalytischer Perspektive als Variation des Konzepts der "Vermittlung der Gegensätze in sich" (84) zu fassen. Somit wird der enge Zusammenhang mit einem Kernstück dialektischen Denkens hergestellt. Freilich lassen Verf. dies nicht im hegelschen Bann der Geistesmetaphysik stehen, sondern schreiben es mit Rekurs auf Marx' Kritik an der "Tauschform als Organisationsprinzip [...] der gesellschaftlichen Allgemeinheit " insofern in das Vermittlungsverhältnis von Theorie und Praxis ein, als es sich "der Einzelheit so sehr einprägt" (69), dass die Zwänge des Marktes sämtliche Lebensäußerungen der Individuen bedingen. Die Verf. wenden sich sowohl gegen die unmittelbare Einheit von Theorie und Praxis und den damit einhergehenden Aktionismus als auch gegen "das reine wissenschaftliche Denken" (94). Nun wird "die Mannigfaltigkeit der empirischen Beziehungen zwischen theoretischen Exerzitien und praktischen Maßnahmen" (99) dadurch in den gesellschaftlichen Kontext eingebettet, dass die strikte Antinomie als Argumentationsfigur in ihrer "semantischen, syntaktischen und pragmatischen Dimension" (100) mobilisiert wird. Die Grundlage dafür liefert Adornos Konzeption von Nichtidentität, die Verf. als "Bewusstsein der Unerreichbarkeit [...] des Ganzen" bei gleichzeitigem Bewusstsein "all jener Eigenschaften der Sache selbst, welche [...] von näherer Bestimmung ausgeschlossen werden" (83), auffassen. Im Widerspruch von Identität und Nichtidentität erblicken sie eine strukturelle Verwandtschaft mit der strikten Antinomie, wodurch auch die Darstellung von Vermittlungsverhältnissen in der Gesellschaft möglich werden soll: Semantisch wird die vermittelte Struktur von Kunst und Geist als autonome Gebilde und zugleich in ihrer Bestimmung als "fait social" modellhaft für das Theorie- Praxis-Verhältnis ausgeführt. In syntaktischer Hinsicht bemühen Verf. Adornos "Denken in Konstellationen" für eine gedankliche Strukturierung von gesellschaftlichen Antagonismen, die "für die gleichwohl nie zu erreichende Vielfalt des Nicht-Identischen offen bleibt" (106). Pragmatisch wird anhand von Begriffen wie Selbsterhaltung und Glück, Gewaltfreiheit, Individuierung zum Subjekt und Autonomie der mikrologische Blick auf die Konkretion des Einzelnen vorgeführt (108-12), ohne dabei dem Übergriff des Allgemeinen zu erliegen. Die Darstellung wird hier kursorisch und man wünscht sich eine ausführlichere Erläuterung der komplexen begrifflichen Sachverhalte, zumal die pragmatische Tragweite der Analysen Adornos, einmal von ihren ideologiekritischen Gehalt abgesehen, umstritten bleibt.  
Dimitris Karydas  

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 273-274

Kommentar schreiben