Norbert Walz: Kritische Ethik der Natur. Ein pathozentrisch-existenzphilosophischer Beitrag zu den normativen Grundlagen der Kritischen Theorie. Würzburg 2007. 502 S.

"Die der Natur vielfach zugesprochene Harmonie [ist] eine Täuschung, ein Trugbild" (14). Unter der Oberfläche des schönen Scheins "tobt nichts anderes als ein permanenter Krieg um den Fortgang des Lebens" (ebd.). Natur als "Krieg" ist eine durchaus fragwürdige Projektion, in der Hobbes' Aussage über den menschlichen Naturzustand widerhallt. Walz möchte sich damit von jenen Konzeptionen distanzieren, für die Leben, körperliches Leben, unweigerlich bedeutet, dass es beginnt und ein Ende hat, für die also Sterben ein wesentlicher Teil dessen ist, was Leben heißt - Endlichkeit, Kontingenz. Er ordnet diese Vorstellungen der Theorietradition der Romantik zu. In den Begriffen der Aufklärung erscheine Natur dagegen als das im Dienste der Emanzipation des Menschen zu beherrschende Andere.

In den Arbeiten von Gernot Böhme sieht Walz den Versuch einer fragwürdigen Synthese dieser beiden Theoriemomente, die sich schon bei Marx fänden (22) - dialektisch vermittelt als gesellschaftliche Naturverhältnisse. Am Beispiel von entfremdeter Arbeit werde deutlich, wie sich in der Bemühung um Etablierung vernünftiger Naturverhältnisse zugleich jene "zweite Natur" forme, in der die Beherrschung von Natur in Beherrschung des Menschen umschlage. Die versuchte Vereinigung des Gegensatzes Natur-Mensch diskutiert Walz ausführlich an Marx' Philosophisch-ökonomischen Manuskripten sowie an Bloch, Marcuse, Adorno und Horkheimer. Hier stehe die romantische Denklinie im Vordergrund. Walz wirft dieser Denktradition vor, sie unterschlage das "unendliche Leid durch die Natur", bedingt durch das Paradox, "dass Leben innerhalb der Natur nur über den Tod möglich ist" (36). Es sei simplifizierend, den Tod als zum Leben gehörend zu harmonisieren. Mit dem Appell an eine emotionale Einheitserfahrung werde mit der Subsumtion des Einzelnen unter das Ganze das Individuum der Vereinnahmung durch Gott, Natur, die Gruppe, das Volk geopfert (36). Dagegen wende sich die Aufklärung mit ihrer Skepsis gegenüber der Verklärung des Todes, gehe aber zu weit, wenn sie die Emotionalität dieser Erfahrung von Einheit des Lebens als eigene Qualität nicht zulasse, wie etwa Freud mit seiner triebtheoretischen Reduktion religiöser Gefühle.
Walz fragt, ob die aporetische Konstellation von Motiven der Aufklärung und Romantik in der Tradition der Kritischen Theorie aufhebbar oder ob sie nicht eben Ausdruck jenes Paradoxes sei, das Natur darstelle. Einen Weg zur positiven Thematisierung dieses Paradoxes sieht er in der Existenzphilosophie. Sie sei die Antwort auf die Loslösung von allen traditionellen Bindungen in der Moderne. Das Unwesentliche, das Besondere, das Zufällige erhalte nun den Vorrang gegenüber dem Wesentlichen, Allgemeinen, Notwendigen. Dadurch entdecke der Mensch sein Potenzial der Freiheit. Der aus ihr resultierende Zwang zur Entscheidung aber mache zunächst Angst. Mit der gewonnenen Freiheit entschwänden alle Werte: Ihren Verlust ertrage der Mensch nicht, und bald unterwerfe er sich neuen. An die Stelle des alten Fetischs Blutsverwandtschaft trete der Geld- und Warenfetisch (40).
Kierkegaards Existenzbegriff als "paradoxes Verhältnis zwischen dem faktischen Sein und den Möglichkeiten seines Seins" (40), das den einzelnen zu fortgesetzten Versuchen nötige, diese Diskrepanz zu überwinden, führt Walz in die Konsequenz, sich aus den naturgegebenen Beschränkungen durch Nutzung aller Möglichkeiten der Naturtranszendenz zu befreien - etwa Biotechnologie, Gentechnologie, Artificial Life. Das theoretische Vorhaben von Walz ist es, zwischen Naturalismus und Kulturalismus in der Ethik eine Brücke zu schlagen mit der Empfehlung, die Daseinsform der Natur mehr und mehr aufzulösen und nach moralischen Gesichtspunkten umzuwandeln: nach denen eines "pathozentrischen Egalitarismus" (441) mit dem Recht auf ein Leben frei von Leiden, ein gerechtes und glückliches Leben für alle. Es fragt sich nur, ob zu jenen Rechten für ihn auch das Recht auf ewiges Leben gehört. Seine Empfehlung, "Naturtranszendenz" durch Biotechnologien anzustreben, übersieht, dass diese ›biokapitalistisch‹ verwertet werden.  
Elisabeth List  

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 279-280

Kommentar schreiben