Christof Parnreiter: Historische Geographien, verräumlichte Geschichte. Mexico City und das mexikanische Städtenetz von der Industrialisierung bis zur Globalisierung. Stuttgart 2007. 320 S.

"Städte werden erzeugt, und zwar unter konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen, um bestimmte wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Entwicklungen zu ermöglichen. " (76) In der Entwicklung der lateinamerikanischen Städte im 20. Jh. werden zwei Perioden unterschieden: Die Zeit der Importsubstitution (1930-1980), die sich durch Binnenmarktorientierung und Industrialisierung auszeichnet, und die Globalisierung, die von einer Öffnung der Märkte und Exportorientierung geprägt ist. Neben einem starken demografischen Wachstum ist Mexico City (MC) zur Zeit der Importsubstitution vor allem durch den Ausbau des Straßennetzes und der Veränderung der Beziehung von Stadt und Land geprägt: Das Land verliert an Bedeutung, MC wächst zur "zentralisierten Industriestadt" (98) und zur Megastadt heran. Räumliche Ungleichheiten in deren Infrastruktur verstärken wiederum die sozialen Differenzen. Mit der Globalisierung wandelt sich das Bild. Die Industrie in MC verliert an Bedeutung und Wirtschaftszweige der kommunalen, sozialen und persönlichen Dienstleistungen steigen auf, was sich sowohl am regionalen BIP als auch an der Arbeitsmarktsituation ablesen lässt. Gleichzeitig wird "die soziale Aufwärtsbewegung gestoppt", und es kommt "zunehmend zu einer Verstädterung der Armut" (44).
Analog steigen die Städte im Norden Mexikos wie Monterrey oder Ciudad Juárez auf. Dadurch wird die Zentralisierung teilweise zurückgenommen, auch wenn MC die "wichtigste Industriestadt" bleibt (198). Das Land hingegen gerät noch mehr an den Rand. Durch die tendenzielle Dezentralisierung der Produktion wird die Stadt mehr und mehr zu einem Umschlagpunkt der Weltwirtschaft. Der Aufschwung der nördlichen Städte hängt mit der räumlichen Nähe zu den USA und den billigen Löhnen zusammen. Weiterhin "spiel(t)en ausländische Direktinvestitionen in der Produktion der neuen Industriestädte im Norden Mexikos eine Schlüsselrolle" (229). Dadurch konnten transnationale Konzerne mit Hilfe einheimischer Investoren und des Staates die maquiladora-Industrie aufbauen, die darauf beruht, Vorprodukte zu importieren, billig zu montieren und Endprodukte zu exportieren. Die mexikanischen Städte des Nordens verwandeln sich so in Exportplattformen für die USA. Verf. sieht die dadurch entstandenen "binationalen" Städte als soziale, funktionelle und physische Einheiten (257). Während MC durch Agglomerationsnachteile wie steigende Kriminalität, Umweltzerstörung oder Verkehrsüberlastung und fehlende Industriearbeitsplätze zu einem Abwanderungsgebiet wird, ziehen die neuen Industriestädte Arbeitskräfte an.
Die starke Ausrichtung auf die "Exportproduktionsplattform" für die USA lässt den Begriff "Globalisierung" fraglich erscheinen. Weil sich Verf. stark auf die Analyse der Makroebene konzentriert, bleibt die innerstädtische (geografische und gesellschaftliche) Entwicklung unterbelichtet. In der Konzentration auf die Ebene des Arbeitsmarktes bzw. der Arbeitsbedingungen kommen Bereiche wie Bildung, Kultur, Gesundheitswesen u.a. zu kurz.
Swen Engel  

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 466

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