Luciano Canfora: Die Freiheit exportieren - Vom Bankrott einer Ideologie. Köln (Neue Kleine Bibliothek, Bd. 127) 2008. 101 S.

In der derzeitigen internationalen Konjunktur praktizieren die Regierungen der westlichen Welt beim Versuch, ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen durchzusetzen, eine Banalisierung der Ideen von Freiheit und Demokratie. Vor diesem Hintergrund zeigt das Buch von Luciano Canfora, was die Geschichte zu sagen hat über die verschiedenen Versuche, eine bestimmte Vorstellung von Freiheit zu exportieren.

Angefangen mit dem Peloponnesischen Krieg (431-404 v.Chr.) über die napoleonische Zeit, den II. Weltkrieg sowie die ungarische Krise von 1956 bis zu den jüngsten Entwicklungen in Afghanistan und im Irak gelingt dem Autor, ohne Oberflächlichkeit in zusammengefasster Form das Versagen der "Ideologie" ("Mythos" im italienischen Original ) solcher Versuche hervorzuheben, indem er zeigt, wie die versprochene Freiheit sich in ihr Gegenteil umkehrt: in eine neue Form der Unterdrückung und Unterwerfung.
Dies geschehe, weil sich hinter dem Programm des "Exports" von "Idealen" oder "politischen Modellen" in Wirklichkeit "Machtansprüche" des Exporteurs versteckten (74). Sei es eine Gemeinde, ein Staat oder eine Nation, der Exporteur betrachte seine Tätigkeit als einen neuerlichen Sieg für die Bestätigung seiner Herrschaft, die sich nun durch expansionistische Ansprüche kennzeichne. Aber neben dieser zentralen These erwähnt der Autor eine andere, die der ersten widerspricht: Das "Modell" könne einmal manu militari exportiert werden, aber nicht zweimal (46f). Darüber hinaus gebe es in impliziter Form eine andere Möglichkeit, auch die im Widerspruch zur Hauptthese: ein Export von Freiheit nicht mit militärischen Mitteln, sondern als Resultat von politischem, wirtschaftlichem, ideologischem Druck aufgrund der asymmetrischen Herrschaftsbeziehungen zwischen Ländern oder Völkern. Außerdem ist Canfora bezüglich der Invasion von Vietnam in Kambodscha in den Jahren 1978/1979 der Ansicht, sie habe einem "humanitären Imperativ" (57f) entsprochen, um die Massaker der Regierung der Roten Khmer an einem großen Teil seiner Bewohner zu stoppen. Das wirft eine Frage auf: Wie kann man einen "humanitären Imperativ" definieren angesichts der realen asymmetrischen Beziehungen zwischen den Staaten, um zu verhindern, dass dieser "Imperativ" nur ideologisch benutzt wird? Die Analyse des Autors bietet keine Anhaltspunkte für eine Antwort auf diese Frage.
Diese Schwierigkeiten im Text des italienischen Philologen werfen andere Fragen auf. Eine betrifft das Problem der Analogie zwischen den verschiedenen historischen Fakten, die der Autor anführt, einschließlich verschiedener Typen von Gesellschaften von der Griechischen Antike bis zur heutigen Zeit. Um Missverständnisse zu vermeiden, hätte der Autor die Eigenheit des jeweiligen Einzelfalls besser erläutern, d.h. nicht nur ihre Ähnlichkeiten, sondern insbesondere ihre Unterschiede deutlicher machen müssen. Mit dieser Problematik steht die andere Frage in Zusammenhang. Sie bezieht sich darauf, dass die Idee von Freiheit für jede Nation, Nationalität, Ethnie oder Minderheit und sogar in Bezug auf den historischen Kontext sehr unterschiedlich sein kann. Um ein Beispiel aus dem Buch zu geben: die sowjetische Invasion in Afghanistan im Jahr 1979 verursachte eine Flucht eines Großteils der Bevölkerung, der die Laisierung ihres Landes nicht akzeptierte - so flohen 3,5 Millionen Afghanen nach Pakistan, 2 Millionen in den Iran; dies entsprach 1/3 der Bevölkerung (60). Das zeigt, dass die Idee der Freiheit für diejenigen, die das Land verlassen hatten, anders aussah als für die laizistische Regierung. Selbst wenn man eine allgemeine Definition von Freiheit für möglich hält, vernachlässigt Canfora die Entstehung von unterschiedlichen und spezifischen Auffassungen über sie, je nach historischen, gesellschaftlichpolitischen, kulturellen und religiösen Kontexten.
Das Buch stellt eine Anklage gegen den sich mit der Rhetorik der Befreiung tarnenden Expansionsdrang nicht nur der USA, sondern auch anderer kapitalistischer Mächte dar. Trotz dieser Probleme bietet es auch Anlass für die Vertiefung der Debatte über wichtige Fragen im Zusammenhang mit der Souveränität und der Unabhängigkeit von Völkern und Nationen. Neben den bereits erwähnten hebe ich hervor: 1. die Frage der "friedlichen Koexistenz" zwischen den großen kapitalistischen Staaten, vor allem, wenn sie bestrebt sind, ihre imperialistischen Absichten durchzusetzen (15, 19); 2. das Verhältnis zwischen internen und externen Faktoren bei der Erringung der Unabhängigkeit von Nationen (21); 3. das "vergessene" Recht auf Selbstbestimmung der Völker, Nationen, Nationalitäten und Ethnien.
Luciano Cavini Martorano

 

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 114-115, S. 372-373

Kommentar schreiben