Hans Gebhardt, Paul Reuber, Günter Wolkersdorfer (Hg.): Kulturgeographie. Aktuelle Ansätze und Entwicklungen. Heidelberg, Berlin 2003. 300 S.

Das humangeographische Interesse an Kultur und Kulturen wurde in den beiden zurückliegenden Jahrzehnten im Zuge eines cultural turn durch vielfältige Impulse neu belebt. Ein regelrechter Boom kulturgeographischer Forschung brachte vor allem im englischsprachigen Raum zahlreiche Publikationen hervor. Deren thematische Breite reicht von der semiotischen Interpretation gestalteter Landschaften und urbaner Lebenswelten über die Beschäftigung mit ethnisch-kulturellen Minderheiten und sozialen Randgruppen bis hin zur Untersuchung von Freizeitgewohnheiten, Konsumverhalten, ethnisierten Esskulturen sowie der Ausbildung und Verbreitung neuer Stilrichtungen in Mode, Kunst und Musik.

Nicht nur im Kontext des Postkolonialismus gilt ein besonderes Interesse der Entstehung und Veränderung von Identitäten als Ergebnis der Wahrnehmung in Kategorien des Eigenen und des Fremden. Viele dieser Arbeiten haben einen engen Bezug zu den disziplinübergreifenden Fragen der angelsächsischen cultural studies und gründen theoretisch zum Teil auf namhaften Vertretern des französischen (Post-)Strukturalismus. In Anlehnung an die humanistic geography ist häufig eine betont geisteswissenschaftliche Haltung zu beobachten, welche eine verstärkte Selbstreflexivität fordert und die Auseinandersetzung mit innovativen literarisch-narrativen Ausdrucksformen sucht.

Mit dem Ziel, die Texte und Inhalte einer new cultural geography zu strukturieren und in Form von Lehrbuchwissen einem weiteren Leserkreis zugänglich zu machen, sind im englischen Sprachraum seit Mitte der 1990er Jahre mehrere Einführungswerke und Textsammlungen entstanden. Das bislang einzige deutschsprachige Pendant ist der im Sommer 2003 erschienene Band "Kulturgeographie". Die Herausgeber möchten mit ihrem Lehrbuch dem Konzept des angelsächsischen Reader folgen und "kein monolithisches, fest umrissenes Bild von den Inhalten und Konzepten der Kulturgeographie" vermitteln, sondern die Autoren "von ihrem eigenen Ort aus sprechen" lassen (S. IX). Dem umfangreichen Einführungskapitel folgen in fünf thematischen Blöcken insgesamt vierzehn Textbeiträge. Die größte Aufmerksamkeit wird der Politischen Geographie (Teil I) und der Diskussion um Raumkonzepte (Teil V) entgegengebracht. Weiterhin werden die Bereiche "Kultur und Identität", "Kultur und Natur" sowie "Kultur - Stadt - Ökonomie" behandelt. So entsteht ein gleichermaßen facettenreiches wie anregendes Panoptikum unterschiedlicher Themenfelder und Herangehensweisen der neueren humangeographischen Forschung. Die einzelnen Beiträge verbindet ein hoher theoretischer Anspruch, der aus der verstärkten Rezeption internationaler Debatten in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften resultiert. Die Auseinandersetzung mit dem Thema "Kulturgeographie" wird auf unterschiedliche Weise, zum Teil jedoch nicht allzu intensiv geführt. Das mag darauf zurückzuführen sein, dass nur wenige der achtzehn Autoren einen entsprechenden Forschungsschwerpunkt besitzen (vgl. Autorenverzeichnis S. 289-296). Während manche Beiträge mit ihren Themen und Denkansätzen oder der Verwendung origineller sprachlich-literarischer Ausdrucksformen neue Horizonte für die deutschsprachige Kulturgeographie erschließen (Belina, Helbrecht, Lossau, Sahr, Strüver, Werlen, Zierhofer), beschäftigen sich andere stärker mit der kulturellen Wende bzw. mit aktuellen Entwicklungen in ihren jeweiligen Teildisziplinen, werden aber eher den Ansprüchen eines Lehrbuchs gerecht (Flitner, Glückler/Bathelt, Reuber/Wolkersdorfer, Watts/Bohle, Wood).

Etwas eigenwillig erscheint die Auswahl der prominenten englischsprachigen Autoren Massey und Soja, die zumindest in ihrem Sprachraum nicht primär als Vertreter der cultural geography gelten. Entsprechend schwach bleiben die kulturgeographischen Bezüge in beiden Artikeln, die ursprünglich auch nicht für ein Lehrbuch der Kulturgeographie, sondern für einen Reader zur Humangeographie (Human Geography Today, 1999) angefertigt worden sind.

Stellvertretend für die Einzelbeiträge der Anthologie sollen im Folgenden zwei Artikel etwas eingehender betrachtet werden, die aufgrund ihres Überblickscharakters als grundlegend für eine Diskussion über die Konstituierung einer deutschsprachigen Kulturgeographie angesehen werden können. Für das Einführungskapitel "Kulturgeographie - Leitlinien und Perspektiven" zeichnen die Herausgeber Gebhardt, Reuber und Wolkersdorfer verantwortlich, die sich in den vergangenen Jahren vor allem um die Renaissance und internationale Anschlussfähigkeit der deutschsprachigen Politischen Geographie verdient gemacht und die Rezeption disziplinübergreifender Diskussionen um Postmoderne und Poststrukturalismus vorangetrieben haben. Wortgewandt bewegen sich die Autoren im Dickicht der Konzepte aktueller "Post"-Debatten, wobei aus der Perspektive des Lesers die Grenze zwischen Kulturgeographie und Politischer Geographie immer wieder zu verschwimmen droht. In den Passagen zur Kulturgeographie geisteswissenschaftlicher Prägung wirkt der Text stellenweise etwas oberflächlich. Das betrifft vor allem die nachlässige Bearbeitung des für eine neue Kulturgeographie zentralen Kapitels (1.5) über Theorien von Sprache und Semiotik. Die fehlerhafte Wiedergabe bedeutender Autorennamen (Pierce, Rotry) und die unglückliche Vertauschung der Basiskategorien signifiant und signifié im Saussureschen Zeichenmodell erscheinen im Hinblick auf die zu erwartende breite Rezeption des Lehrbuchs unter Studierenden bedenklich. Zudem mangelt es gerade für die in diesem Abschnitt herangezogenen Standardwerke an direkten Literaturverweisen mit Jahresangabe der Erstauflage. Auf eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff und eine Darstellung der kulturgeographischen Forschungstraditionen im deutschen, englischen oder französischen Sprachraum wird verzichtet, obwohl die (auf S. 7 kurz zitierten) aktuellen Arbeiten von Blotevogel, Kemper, Natter/Wardenga und Sahr gleich mehrere geeignete Beispiele hätten geben können.

Eine Einführung in die Entwicklung der kulturgeographischen Forschung bietet Kapitel 13 von Sahr. In Form einer literarischen Erzählung des cultural turn/Törn der deutschsprachigen Kulturgeographie vermittelt der Autor einen strukturierten Überblick über die Wurzeln und den Forschungsstand der angelsächsischen cultural geography. Hinter einer metaphorischen Sprache mit ironischen Wendungen und augenzwinkernden Bemerkungen wird eine ernsthafte Auseinandersetzung mit relevanten internationalen Geistesströmungen erkennbar. Den zahlreichen in seine Erzählung integrierten Autoren begegnet Sahr mit dem respektvollen und geschärften Blick eines hermeneutisch versierten Geisteswissenschaftlers. Was vordergründig als fiktionaler - und damit unwissenschaftlicher - Text erscheinen mag, erweist sich bei genauer Lektüre als originelle Einführung in das Feld der Kulturgeographie. Denn Sahr dokumentiert seine Gedanken mit wissenschaftlicher Präzision und regt darüber hinaus zur Lektüre weiterführender Texte an. Zudem reflektiert er zwischen den Zeilen kritisch, aber wohlwollend den Inhalt des gesamten Buches und bindet den aktuellen Stand der deutschsprachigen Kulturgeographie an deren Entstehungskontext und die beteiligten Akteure zurück. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob Sahr in seiner Begeisterung für die Kulturgeographie nicht ein zu optimistisches Bild der zu erwartenden Qualität und Dynamik zukünftiger kulturgeographischer Entwicklungen im deutschsprachigen Raum entwirft. Dass er seinen literarisch anmutenden Stil abschließend beinahe apologetisch erklären zu müssen meint, verdeutlicht die hermeneutische Distanz zwischen der deutschsprachigen Kulturgeographie und der Sprache der (new) cultural geography.

Im Ganzen gesehen ist es den Herausgebern gelungen, eine anregende Textsammlung zusammenzustellen, in der die zunehmende Orientierung deutschsprachiger Geographinnen und Geographen an der internationalen Theoriediskussion zum Ausdruck kommt. Die durch den Titel "Kulturgeographie" geweckten Erwartungen vermag das Buch nicht zu erfüllen, da die Beiträge genaugenommen die Einflüsse des cultural turn auf ausgewählte geographische Teildisziplinen wie etwa die Politische Geographie, die Wirtschaftsgeographie, die Geoökologie oder die Stadtgeographie dokumentieren. Ein deutschsprachiges Lehrbuch zur Kulturgeographie, das die Grundlagen und aktuellen Strömungen systematisch aufarbeitet, bleibt somit ein Desiderat - zumindest so lange die vorliegenden englischsprachigen Reader und Textbooks nicht von der Mehrzahl der Studierenden an unseren Hochschulen gelesen werden.

Autoren: Tim Freytag, Holger Jahnke

Quelle: Die Erde, 134. Jahrgang, 2003, Heft 2, S. 213-215

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