Daniel Kurz: Die Disziplinierung der Stadt – Moderner Städtebau in Zürich 1900 bis 1940.
Zürich 2008. 396 S.

Wie lebt es sich in einer Stadt, die binnen weniger Jahrzehnte den Aufstieg zur Grossstadt vollzieht? Was um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Berlin für Deutschland war, das war Zürich für die Schweiz. Die Industrialisierung zog massenweise neue Bewohnerinnen und Bewohner an, jeder brauchte ein Dach über dem Kopf. Und obwohl gebaut, gebaut und nochmals gebaut wurde, reichte es kaum für alle und die Wohnungen für die Arbeiterklasse platzten aus allen Nähten.

In seiner Publikation Die Disziplinierung der Stadt – Moderner Städtebau in Zürich 1900 bis 1940, die 2008 im gta Verlag erschienen ist, setzt sich Daniel Kurz nicht nur mit den «Wachstumsschmerzen» auseinander, sondern schildert auch, wie ausgehend von einem internationalen Diskurs eine ganze Riege von Reformern (und wenigen Reformerinnen) die Leiden der Arbeiterklasse und die Leiden der modernen Grossstadt – man ist versucht zu sagen: in Europa – kurieren wollten. Dabei ging es ihnen, die der gesellschaftlichen Elite entsprangen – nicht nur um das Wohl der arbeitenden und unter prekären Verhältnissen lebenden Klasse. Sondern es ging ihnen auch um das Wohl der allgemeinen Moral, den sozialen Frieden und die Abwehr umstürzlerischer Tendenzen. Denn der zufriedene Arbeiter ist der friedliche Arbeiter. Er beteiligt sich nicht an Streiks, sondern zeichnet sich durch Häuslichkeit aus.
Das schweizerische Berlin liess sich vom deutschen Berlin zur Durchführung eines gross angelegten Wettbewerbs anregen. Die Zürcher eiferten dem Vorbild an der Spree nach, gerieten jedoch wegen der langen Vorbereitungszeiten mit ihrem Städtebauwettbewerb «Gross-Zürich» in die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. Obwohl die Internationalität der Wettbewerbsteilnehmer hierdurch sehr beschränkt blieb, kann der Wettbewerb bis heute als Meilenstein Zürcher Grossstadtwerdung gelten. Der Städtebauwettbewerb und der Vergleich mit Gross-Berlin nimmt denn auch einen bedeutsamen Teil der Publikation ein, macht sie besonders lebendig, verortet sie ins Zeitgeschehen. Ein geglückter Kunstgriff.
Nach dem Ende des Wettbewerbes und dem Ende des Ersten Weltkriegs werden schliesslich die Ideen der noch jungen Profession der Städtebauer und der sozialen, ökonomischen und nicht zuletzt auch ideologischen Reformdiskurse – von Rohkostlern über Nudisten bis zu Genossenschaftlern und Anhängern der freiwirtschaftlichen Bewegung – in die Tat umgesetzt. Ein neues Stück Stadt wird geschaffen, unter Einsatz neuer Instrumente. Wir erleben das Ende des Historismus, das Aufkommen des Heimatstils und die Geburt des städtebaulichen Paradigmas der Moderne.
Nieder mit der Mietskaserne, es lebe die Gartenstadt. Mit überschaubaren Siedlungen, die nicht nur Platz für die Familien der Arbeiterklasse liessen, sondern auch Raum für Heimatsinn und Vaterlandsliebe stiftende Gartenarbeit boten, wollte man der urbanen Misere zu Leibe rücken. Und tat es auch. Ganz unter dem Leitgedanken: Licht, Luft und Sonne. Wir finden neben den Siedlungen, die unter diesen Vorzeichen im noch jungen 20. Jahrhundert quer durch Europa entstanden und mit der «Hässlichkeit» der Grossstadt brachen, auch frühe Beispiele von «spekulationsfreiem Wohnungsbau». Wohnungen konnten für die Geringverdiener nur dann erschwinglich sein (und das war ja das Ziel!), wenn sie auf Boden errichtet werden konnten, der abseits des bisherigen Siedlungsgeschehens zum landwirtschaftlichen Ertragswert erworben werden konnte. Der vorausgreifende Landerwerb ausserhalb der bestehenden Siedlungsgrenzen zu niedrigen Bodenpreisen und die anschliessende – heute ein raumplanerisches Unding – Überführung in Bauzonen, war verbreitet. (Spätere Beispiele des «spekulationsfreien» Wohnungsbaus, diesmal auf privater Seite, lassen sich u. a. in den 1970er Jahren beim Phänomen «Göhnerswil» beobachten. Auf ähnliche Weise erwarben in dieser Phase auch Baugenossenschaften in der Agglomeration Zürich Landparzellen.)


Die Gartenstadtbewegung verschrieb sich der Bodenreform, die gemeinschaftliches Eigentum am Boden der neuen Siedlungen forderte. Zürich wählte unter seinem engagierten Bauvorstand und späteren  Stadtpräsidenten den Weg der Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus und der strategischen und aktiven Landerwerbspolitik, welche die betroffenen Parzellen weiterer Spekulation entzog. Eine besondere Rolle spielte die Landerwerbspolitik der Stadt Zürich aber nicht nur in dieser Ära, sondern – ausgehend von den damaligen fleissigen Landeinkäufen – im ganzen 20. Jahrhundert. Erst heute sind die Landreserven, welche auf diese Politik zurückgehen, endgültig aufgebraucht. Schade, möchte man angesichts der heutigen Herausforderungen sagen.
Daniel Kurz versteht es in brillanter Weise, dem Leser und der Leserin die Geschichte der Disziplinierung der Stadt und der Zeit, als der Moderne Städtebau in Zürich aus dem Ei schlüpfte, als orchestriertes Feuerwerk aus Planwerken, Bildmaterial und Originalzitaten sowie intelligenter, vortrefflich geschriebener Analyse und Gesamtdarstellung zu präsentieren. Selten hat es solche Freude bereitet, ein Werk von 400 Seiten zu lesen. Empfehlenswert wahlweise als Lehrbuch oder Strandlektüre für Städtebauer, solche die es werden wollen, Städtebauinteressierte und Urbaniten weit über die Grenzen Zürichs und der Schweiz hinaus.
Martina Koll-Schretzenmayr

 

Quelle: disP 176, 1/2009, S. 65-66

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