Stefanie Hürtgen, Boy Lüthje, Wilhelm Schumm und Martina Sproll: Von Silicon Valley nach Shenzhen. Gobale Produktion und Arbeit in der IT-Industrie. Hamburg 2009. 318 S.

Die internationale Informationstechnologiebranche ist durch kurze Innovations- und Produktzyklen geprägt, die - teilweise verstärkt durch Prozesse auf den internationalen Finanzmärkten - für eine ebenso hohe wie gebrochene Entwicklungsdynamik sorgen. In der Folge häufig krisenhafter Entwicklungen wurden in den letzten zwei Jahrzehnten massive globale Restrukturierungsprozesse in Gang gesetzt. Die damit zusammenhängendenVeränderungen transnationaler Produktionssysteme und Auswirkungen auf die Arbeitsregime an verschiedenen Standorten sind Gegenstand dieses Bandes.

Präsentiert werden die Ergebnisse aus dem DFG-geförderten Projekt "Neue Produktionsmodelle und internationale Arbeitsteilung in der Elektronikindustrie" (2001-2005) und dem von der Stiftung Volkswagenwerk finanzierten Projekt "Why is Chip Design Moving to Asia?" (2004-2008) des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Theoretische Aufhänger der Untersuchung sind insbesondere die Diskussionen um die neue internationale Arbeitsteilung und Globale Produktionsnetzwerke (GPN). Darüber hinaus werden konzeptionelle Bezüge vor allem zur Regulationstheorie und dem Ansatz der Produktionsregime hergestellt und zur Interpretation der empirischen Ergebnisse verwendet (Kap. 1).
Die umfangreiche Empirie beschäftigt sich mit der globalen Restrukturierung der Produktionssysteme am Beispiel der Computer-, Handy- und Videospielbranche (Kap. 2). Des Weiteren werden die Standortstrategien in der Kontraktfertigung aus einer Mehrebenenperspektive heraus beleuchtet (Kap. 3) sowie Arbeitsprozesse und Produktionsregime an verschiedenen Niedrigkostenstandorten untersucht (Kap. 4). Über die im Titel enthaltenen Standorte im Silicon Valley (USA) und Shenzhen (VR China) hinaus wurden weitere wichtige Standorte u. a. in Deutschland, Mittelosteuropa, Mexiko, Ost- und Südostasien mit Blick auf globale, nationale und regionale Bedingungen erforscht. Insbesondere an den Niedrigkostenstandorten lässt sich offenbar auf Seiten der Kontraktfertiger eine vertikale Re-Integration von Produktionsressourcen beobachten, die in deutlichem Kontrast zu den fabriklosen Markenfirmen in Europa oder den USA steht. Technologische Höherentwicklung und das Entstehen neuer Knotenpunkte globaler Produktionsnetze scheinen die komplementäre internationale Arbeitsteilung mit ihren hierarchischen Organisationsformen durch die Führungsökonomien allmählich abzulösen.
In Kap. 5 werden schließlich theoretische, aber auch politische Überlegungen und Konsequenzen aus den Untersuchungen präsentiert. Letztere beziehen sich in erster Linie auf Arbeits- und Kontrollregimes und erschöpfen sich leider hauptsächlich in der Übernahme von Forderungen der internationalen Arbeitsorganisation ILO zur Verbesserung von Arbeits- und Sozialstandards. Regionale Wachstums- und Wohlstandseffekte, wie sie etwa im chinesischen Perlflussdelta zu beobachten sind, werden zwar konstatiert, spielen aber bei der Diskussion über politische Konsequenzen kaum eine Rolle. Auch wäre eine tiefergehende Diskussion über die Zusammenhänge zwischen der IT-Branche und den internationalen Finanzmärkten sowie die daraus folgenden Implikationen wünschenswert gewesen.


Unbeschadet dieser Kritik ist aber die Fülle der Empirie hervorzuheben, insbesondere da sie sich über einen langen Zeithorizont hinweg erstreckt. Gleichzeitig wissen die Autoren sowohl die globale Perspektive als auch regionale Kontexte in den Fallstudien sehr schön zu berücksichtigen und zu verknüpfen. Der Band richtet sich insgesamt eher an Experten und ist mit seinem nicht immer lesefreundlichen Aufbau und Schreibstil auch kaum didaktisch aufbereitet. Industriesoziologen und Wirtschaftsgeographen werden aber den Umfang der gesammelten Erkenntnisse über die Restrukturierungs- und Rationalisierungsprozesse auf der Ebene transnationaler Produktionssysteme und die Effekte der Neuorganisation im Rahmen internationaler Arbeitsteilung in dieser zentralen und hochinteressanten Branche bei der Lektüre zu schätzen wissen.
Christian Wuttke

 

Geographische Zeitschrift, 97. Jg. 2009, Heft 2+3, S. 172-173

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