Martin Kappas: Klimatologie. Klimaforschung im 21. Jahrhundert – Herausforderung für Natur- und Sozialwissenschaften. Heidelberg 2009. 356 S.

Wer selber in der Klimatologie tätig ist oder sich mindestens am Rande damit beschäftigt, hat sich sicher schon mit der Fülle an Buchproduktionen zum stark in Mode gekommenen Thema befasst. Eigentlich steht ja das gesammelte Wissen in diesem Fachbereich im neusten IPCC-Bericht von 2007 allen online zur Verfügung. Trotzdem: Der diskrete, in dunkelgrau auf schwarzem Grund gehaltene Untertitel „Herausforderung für Natur- und Sozialwissenschaften“ hat trotz Informationsüberflutung zum Thema „Klimatologie“ mein Interesse geweckt.

Und in der Tat, der Autor hat diese Herausforderung wirklich angenommen und eine sehr überzeugende Gesamtschau vorgelegt, die substanziell über das typische rein naturwissenschaftliche der klassischen Klimatologie hinausgeht. Martin Kappas, Professor für Kartographie, GIS und Fernerkundung in Göttingen, lässt den Blick weit über seinen eigenen Fachbereich hinausschweifen. Und dies nicht auf oberflächliche Art: Ganze 58 Seiten werden spezifisch der Wechselwirkung ‘Klima – Mensch-Gesellschaft-Politik’ gewidmet (Teil III des Buches). Dass erwartungsgemäß die naturwissenschaftlichen Teile fünfmal mehr Platz belegen, liegt wohl in der Natur der Sache, dürfte aber trotzdem auch als Stärke des Buches gelten. Teil I befasst sich mit „Klimatologie als Wissenschaft“ mit den Kapiteln „Klima als interdisziplinärer und internationaler Forschungsschwerpunkt“ und „Basiswissen und Grundgesetze der Klimatologie“. Sehr ausführlich werden die Satellitensysteme für die Klimaforschung beschrieben, dem engeren Fachbereich des Autors. Auch wenn dieser Aspekt nicht zwingend in dieser Ausführlichkeit hätte beschrieben werden müssen (immerhin auf 46 Seiten), ist dadurch ein fundiertes und umfassendes Nachschlagewerk entstanden, das Lesern von außerhalb der Fernerkundung kaum eine Frage mehr offen lässt in Bezug auf moderne Beobachtungssysteme der Fernerkundung. Der Teil II „Klimawandel und Global Change“ wurde in 6 Kapitel gegliedert: „Zentrale Aussagen zum Klimawandel“, „Kennwerte des Klimawandels und des globalen Wandels“, „Schlüsselthemen des Klimawandels“, „Fallstudie Kryosphäre“, „Fallstudie Klima und Gesundheit“, und „Was können wir aus dem vierten IPCC-Berich lernen?“ Dieser Teil deckt genau das Bedürfnis ab, das viele Leute im deutschen Sprachraum haben; der IPCC-Bericht ist zwar im Internet verfügbar, aber nur in englischer Sprache. Nur die Executive Summaries wurden auf Deutsch übersetzt, und deshalb bleibt vielen Lesern der Zugang zum gesammelten IPCC-Wissen etwas verborgen. Hier darf man gerne auf das Werk von Kappas verweisen: ansprechend zusammengestellt und kondensiert auf deutlich weniger Seiten, als dies der IPCC-Bericht jemals könnte. Wie bereits eingangs erwähnt, trägt vor allem Teil III mit den Kapiteln „Klima und Mensch“, „Klima und Gesellschaft“, „Klima und Politik“ und „Klimawandel: eine andauernde Kontroverse und Herausforderung für die Natur- und Sozialwissenschaften“ dazu bei, dass dieses Buch als weit aus der Masse von Klimatologie-Büchern herausragendes Werk empfohlen werden kann. Kappas beginnt seine Betrachtungen mit der Klimaentwicklung und Evolution des Menschen, spannt damit den Bogen von den geologischen Zeiträumen zur vorgeschichtlichen Ära und beschreibt, wie die menschliche Lebensweise und Weiterentwicklung eng an die damals herrschenden Klimabedingungen geknüpft waren. Die letzten 5000 Jahre werden unter dem Gesichtspunkt der „Optimum“- und „Pessimum“-Phasen erklärt, um dann ab der industriellen Revolution im Detail auf die heutige Klimawandelproblematik einzugehen. Im Kapitel „Klima und Politik“ werden die ökonomischen Möglichkeiten des Klimaschutzes erläutert und die Fülle von internationalen Abkommen knapp und übersichtlich zusammengestellt. Darunter werden der UNFCCC-Prozess, der Emissionshandel und die flexiblen Instrumente des Kyoto-Protokolls (Joint Implementation und Clean Development Mechanism) detailliert behandelt, das vor allem Studierende, die sich rasch in die Thematik einlesen wollen, sehr zu schätzen wissen werden. Im Schlusswort drückt der Autor seinen Wunsch aus, dass sein Lehrbuch „den Leser stark machen“ möchte, „sich mit Kontroversen im Bereich der Klimatologie auseinander zu setzen“ und zu „verstehen, warum Andersdenkende (z. B. in der Frage der Bewertung des Phänomens Klimawandel) nicht als Häretiker behandelt werden sollten“. Das mag zwar ein frommer Wunsch sein, da Wissen nicht automatisch zum richtigen Handeln (oder Glauben) führt. Und trotzdem muss man dem Autor gratulieren, dass er es verstanden hat, den sehr umfassenden und komplexen Sachverhalt einschließlich der soziokulturellen, ökonomischen und gesellschaftlichen Facetten ansprechend, fundiert und ausgewogen zu präsentieren. Wer dieses Buch gelesen und dessen Inhalt begriffen hat, dürfte in der Tat äußerst gut gewappnet sein im dialektischen Diskurs mit Klimakritikern.
Werner Eugster

 

Quelle: Die Erde, 141. Jahrgang, 2010, Heft 1-2, S. 153-154

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