arranca!/sul serio, Nr. 38/Nr. 14, "Wem gehört der Klimawandel?", Berlin, Juli 2008, 60 S.
Phase 2, Nr. 27, "Die Natur muss weg. Umwelt als Problem des Kapitalismus", Leipzig, März 2008, 84 S.

"Alle reden über das Klima, die radikale Linke nicht", stellte die Jungle World im Juli 2007 noch fest. Das hat sich geändert: 2008 fand in Deutschland das erste Klima-Camp statt, es entstanden Aktionsgruppen und Bündnisse zum Thema. Diese Aktionen machten die Notwendigkeit eigener theoretischer Reflexion deutlich, um der hegemonialen Analyse und Bearbeitung des Klimawandels etwas entgegenzusetzen

- Anlass auch für die Gemeinschaftsausgabe von arranca! und sul serio. Ziel der Redaktion ist es, "auf diesem wenig durchschaubaren Kampffeld diejenigen Zusammenhänge zu entdecken, die wir im herrschenden Diskurs so diffus und doch spürbar vermissen" (3). Ausgangspunkt der zahlreichen, oft sehr kurzen Artikel ist die Kritik an der "markt- und  herrschaftsförmigen" Bearbeitung des Klimawandels (ebd.). Das Feld der Debatte stecken die beiden einleitenden theoretischen Beiträge ab. Alexis Passadakis und Tadzio Müller vertreten die These, der Klimawandel stelle die Linke vor das neue Problem der Zeitlichkeit (4). Der Klimawandel resultiere aus dem Konflikt zwischen zwei ›Zeiten‹: Während das Kapital das soziale Leben exponenziell beschleunige, seien komplexe Ökosysteme mit ihren nicht-linearen Dynamiken nur innerhalb bestimmter Grenzen stabil (5). Es sei anzuerkennen, "dass der Klimawandel und die daraus folgenden sozialen Probleme und Kämpfe uns vor allem als Linke wegen ihrer die globalen Ungleichheiten massiv verstärkenden Effekte tatsächlich unter Zeitdruck setzen" (5). Statt sich auf eine bloße Kritik des Klimadiskurses als "bequemere Position" zurückzuziehen, müsse auch der Klimawandel selbst sofort effektiv bekämpft und somit die "linke Zeitlosigkeit" aufgegeben werden (6). In der zweiten Analyse stellt Mario Candeias dar, wie der Klimawandel funktionalisiert wird, um den "herrschenden Neoliberalismus ›nachhaltig‹ abzusichern" (8). Kapitalvernichtende Umweltschäden sollen verhindert werden, indem die Natur "weiter ökonomisiert und kommodifi ziert" werde (ebd.). Durch das Zusammenbringen von "Umweltschutz, Energieeffi zienz und Wettbewerbsfähigkeit " solle der "Sprung in den ökologischen Kapitalismus gelingen" und neue Wachstumspotenziale geschaffen werden (8f). Die ökologische Frage löse die soziale Frage als zentrale Herausforderung für den Fortbestand des Kapitalismus ab. Ohne radikale Umwälzung der gesamten Produktionsstruktur und Überwindung des Konsumismus drohe eine Gesellschaft, in der sich die "herrschenden und vermögenden Gruppen" in  privatisierten (Macht)räumen autoritärer Ökodiktaturen" (10) abschirmen, während der Rest der Weltbevölkerung sein Leben in einer zerstörten Umwelt fristen muss.
Wie die neoliberale Bearbeitung des Klimawandels und anderer ökologischer Probleme bereits vonstatten geht, zeigen Beiträge zur Stromversorgung in Südafrika, zu Agrartreibstoffen oder zur Papierproduktion. Christian Noll fordert, das Thema Ernährung stärker zu berücksichtigen, da eine Umstellung auf nachhaltige Landwirtschaft nur mit einem deutlich reduzierten Konsum von tierischen Produkten möglich sei (32). Chris Methmann kritisiert, dass sich die Linke in Deutschland um "eine radikale Konsumkritik" drücke, die "insbesondere eine Debatte um Verzicht beinhalte" (38). - Das Heft spiegelt die Debatte in der radikalen Linken in Deutschland wider: das Unbehagen angesichts der markt- und herrschaftsförmigen Bearbeitung des Klimawandels, aber auch die Ratlosigkeit, was man dieser entgegensetzen soll. Es analysiert größtenteils stichhaltig, wie Umwelt- und Klimaschutz mittlerweile in den Kapitalismus integriert und zu einem Wachstumsfaktor geworden sind. Zugleich ist in mehrerer Hinsicht problematisch, dass es die Linke bei ihrer aktuellen (Wieder-)Entdeckung des Umweltthemas versäumt, an die Diskussionen dazu seit den 1970er Jahren (und teils auch davor) anzuknüpfen. Dies hätte nämlich gezeigt, dass das von Passadakis und Müller als "neu" empfundene Problem alles andere als neu ist. Der Katastrophismus, der ihren und weitere Beiträge prägt, wurde etwa bereits von Walter Benjamin als Strategie kritisiert, den Status quo angesichts der scheinbar drohenden Katastrophe als erträglich zu legitimieren. Den Beiträgen fehlt darüber hinaus durchweg ein kritischer Blick auf Wissenschaft und wissenschaftliche ›Fakten‹; die zahlreichen Arbeiten zur Wissenschaftskritik, lange Zeit ein Feld der Linken in Deutschland, ignorieren sie durchweg. Schließlich lassen sie, mit Ausnahme des Beitrags von Hendrik Sander, der darauf am Rande eingeht, allesamt eine kritische Analyse des Naturbegriffs vermissen. Dadurch reproduzieren sie den schlichten Dualismus von Gesellschaft und Natur und tappen immer wieder in die "naturalistische Falle" - sei es, dass sie wie Passadakis und Müller Natur und menschlicher Gemeinschaft verschiedene, sich widersprechende Logiken unterstellen, oder, wie in nahezu allen Beiträgen, mit dem Verweis auf "natürliche Grenzen" argumentieren. Die fehlende Tiefe der Analyse, die sich in diesen Punkten zeigt, führt zu Inkonsistenzen in der Argumentation v.a. dort, wo es um konkrete Vorschläge für Alternativen geht. In den Beiträgen besteht weithin Konsens, dass der neoliberal-hegemonialen Bearbeitung des Klimawandels mit ihrem "technokratischen Größenwahn" (3) etwas entgegengesetzt werden müsse. Allerdings greifen sie zum einen unhinterfragt auf die "wissenschaftlichen" Ergebnisse zurück, die eben diese hegemonialen Institutionen wie IPCC, UN oder OECD erarbeiten. Zum anderen können sie häufig doch nur dieselben Vorschläge machen wie diejenigen, die die kritisierte öko-technologische Marktwirtschaft propagieren, etwa die solare Revolution (Altvater, zit.n. Candeias, 10) und erneuerbare Energien (Setton, 42), die Verwendung von Recycling-Papier (Thimmel, 13), verbesserte Bewässerungssysteme (Bauer, 20) oder Öko-Landbau und verantwortlicheren Konsum (Noll, 32).


Zumindest eines der oben genannten Probleme, der Verwendung eines unkritischen Naturbegriffs, nimmt sich die Phase 2 in ihrem Schwerpunktheft ausführlich an. Dessen Titel ist Programm: "Die Natur muss weg" fordert die Redaktion auch in ihrer Einleitung. Sie teilt die Analyse der Redaktion von arranca!/sul serio, dass Naturschutz als "kompatibel mit Fortschritt, ja untrennbar mit ihm verknüpft" erscheint (4) und dass es gelte, diese marktlogische Rationalität zu kritisieren. Anders als dieser geht es ihr jedoch v.a. darum, Kritik an der vorherrschenden, weithin "nüchternen und rationalen" Öko-Ideologie zu üben. Ziel solle dabei nicht sein, "Ökologie als Themenfeld für emanzipatorische Politik zurückzugewinnen", sondern "die Logik der Spaltung von Gesellschaft und Natur mit ihren weitreichenden Folgen in den Griff zu bekommen" (5). Im Rückgriff auf Horkheimer und Adorno betrachtet Gerhard Scheit Natur immer nur als ein Verhältnis, "das schlechthin Nichtidentische, Heterogene", als "die Vorstellung der Gesellschaft von ihrer eigenen Totalität, die das Bewusstsein abspaltet und auf das ihr Fremde projiziert" (12). Doch weil die "Dialektik der Aufklärung die politische Urteilskraft vernachlässigt" habe, sei die spätere Kritische Theorie - v.a. Herbert Marcuse - blind gewesen für das "Wahnhafte" der ökologischen Bewegungen (13). Umweltschutz nehme innerhalb des Kapitalismus "unweigerlich reaktionäre Züge" an: "Innerhalb des ›kapitalistischen Rahmens‹ lässt sich nur vorantreiben, was dem Begriff der Natur zu Diensten ist, den eben dieser ›Rahmen‹ determiniert." (Ebd.) Ein vernünftiger Umgang mit Natur sei folglich ein "Hirngespinst ", "solange die Selbstverwertung des Werts der gemeinsame Nenner ist, auf den alles Gesellschaftliche und Natürliche gebracht werden muss" - und um "genau davon abzulenken, wurde die grüne Charaktermaske erfunden", die in der "Natur Entspannung vom Politischen" suche (14). Diese kritische Analyse des Naturbegriffs wird in den anderen Aufsätzen übernommen. Ausdrücklich um Klimawandel geht es dabei nur in den Beiträgen von Hans Hansen und Phase 2 Berlin, die die wissenschaftlichen Katastrophenszenarien und die Ausrichtung auf eine nachhaltige Entwicklung als Aspekte eines kapitalistischen Modernisierungsprozesses kritisieren. Interessant ist Antonia Schmids Darstellung von Donna Haraways Konzept der "companion species", das versucht, jenseits eines Natur-Kultur-Dualismus Ansatzpunkte für einen ethischen Umgang mit anderen Spezies herauszuarbeiten. - Die Schwäche im Bezug auf praktische Politik, die Schmid in der Kritischen Theorie ausmacht, trifft jedoch auch auf den Schwerpunkt zu. Die radikale Analyse der kapitalistischen Naturbeherrschung wird nicht auf ihre Potenziale für ebenso radikale Politikvorschläge befragt. Stattdessen wird durch die Weise, wie Scheit die Kritische Theorie interpretiert und auf grüne Bewegungen anwendet, jegliche Beschäftigung mit Ökologie als "falsches Bewusstsein" und tendenziell reaktionär diskreditiert - und blockt so die Debatte ab. Übrig bleibt nur die zynische Feststellung, dass man, solange der Kapitalismus besteht, für die Natur und damit für die Menschen, die an ihr leiden, nichts tun könne, sowie die Flucht ins Ästhetische - der "einzig wahre Naturschutzpark" (Scheit, 12). Wo der arranca!/sul serio die Hinterfragung ihrer eigenen Begriffe fehlt, fehlt der Phase 2 der Bezug zu laufenden Debatten und konkreten politischen Vorschlägen. Nicht unbedingt in ihren Standpunkten, wohl aber in der Schwerpunktsetzung könnten sich beide Hefte durchaus ergänzen.
Juliane Schumacher

 

Quelle: Das Argument, 51. Jahrgang, 2009, S. 698-700

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