Walter Siebel (Hg.): Die europäische Stadt. Frankfurt/Main 2004 (edition suhrkamp 2323). 480 S.

Der vorliegende Band umfasst 33 Beiträge von 40 Autoren, die ihre Arbeiten dem verdienstvollen Stadtforscher Hartmut Häußermann widmen. Sie zeigen einmal mehr die Vielseitigkeit von Städten, an deren Erforschung viele Wissenschaften beteiligt sind. Leider sind Stadtgeographen nur vereinzelt unter den Autoren, die Mehrzahl kommt von der Soziologie, wie auch der Herausgeber Walter Siebel, der an der Universität Oldenburg die Stadt- und Regionalsoziologie vertritt. Er leitet den Band mit einem längeren allgemeinen Beitrag über die "Europäische Stadt" ein. Darin definiert er als Merkmale die Entstehung eines Bürgertums, die Geschichte von Emanzipationen, eine urbane Lebensweise, die Stadtgestalt als Produkt bewusster Planung und die sozial-staatliche Regulierung, Kennzeichen, die in den nachfolgenden Einzelarbeiten in verschiedenster Weise wieder aufgenommen werden.

Die Beiträge sind in vier Rahmenthemen gegliedert, denen jeweils ein kurzer Überblick vorangestellt wird. (1) Das Thema "Wandel der europäischen Stadtgestalt" wird in sechs Aufsätzen behandelt, in denen neuere Entwicklungen kritisch aufgezeigt werden, die "herkömmliche und geplante Ordnungen" überlagern und oft in konturlosen Verdichtungsräumen münden. Dabei stellt sich die Frage, ob die europäische Stadtgestalt erhalten bleibt und sich gegen Anpassungen an globalisierte Modelle behaupten kann. (2) In fünf Beiträgen wird die Frage nach einer "neuen Urbanität" gestellt. Sie wird u.a. gemessen an den bestehenden Polaritäten, wie Stadt-Land oder Öffentlichkeit und Privatheit innerhalb der Stadträume. Diese Gegensätze werden zwar nicht aufgelöst, aber es vollzieht sich ein kontinuierlicher Wandel. Ein Beispiel sind die ausgedehnten Einkaufszentren in den Städten, die den öffentlichen Straßenraum und damit viele Aktivitäten der Bürger einschränken. Die Entwicklungen werden zwar unterschiedlich beurteilt, sie sollten allerdings nicht dramatisiert werden (Selle). (3) Am stärksten ist das Thema "Wandel der Stadtpolitik" mit 15 Beiträgen besetzt. Entsprechend vielfältig sind die angesprochenen Probleme, zumal von einer einheitlichen Stadtentwicklung und -politik nicht mehr ausgegangen werden kann. Das zeigen vor allem regionale Beispiele, wie etwa ein Vergleich New York - Berlin in der Stadtentwicklungspolitik (Strom/Mollenkopf). Integration und Ausgrenzung sind wichtige soziale Indizien, die mehrfach diskutiert werden, wie etwa am Beispiel von Amsterdam (Musterd). Oder es werden die Bedingungen für türkische Migranten in deutschen Städten denen von Einwanderern in die USA gegenübergestellt (Gestring u.a.). Vergleiche mit anderen klassischen Einwanderungsländern, wie Kanada oder Australien, bieten sich an. Schließlich wird die Raumentwicklungs- und Städtepolitik innerhalb der EU analysiert, wobei auf die Folgen für die kommunale Selbstverwaltung hingewiesen wird (Sinz). (4) Ein letzter Themenkreis mit sechs Beiträgen handelt von der "Zukunftsfähigkeit der europäischen Stadt" mit der Frage, was macht die Städte in Europa überlebensfähig? Dabei werden funktionale Zusammenhänge zwischen segregierten Sektoren und Gruppen aufgezeigt, wobei sich Netzwerke und "unsichtbare Kreisläufe" immer wieder neu bilden (Sassen), Ressourcen hinzugewonnen oder angepasst werden, fortlaufend Innovationen erfolgen, die zu verteilen sind und insgesamt die Städte neu beleben. Schließlich wird auf die Heterogenität der europäischen Stadt hingewiesen, die als Garant für ihre Überlebensfähigkeit gesehen wird (Gornig). Nicht zuletzt wird die Stadt als "Denkraum" herausgestellt (Helbrecht), was sicher für die meisten urbanen Räume gilt, bilden sie doch ein ideales Spannungsfeld, in dem Wissenschaft und Kunst gedeihen. Als ein hervorragendes Beispiel führt die Verfasserin die Rede von Thomas Mann auf seine Vaterstadt Lübeck an, die er 1926 hielt. Für ihn bedeutete die Stadt "Nährboden seines Schaffens" und "geistige Lebensform, die als impliziter Denkraum sein kreatives Vermögen prägte" (S. 430). Die Aufsätze sind leicht lesbar, mit nur knappen Literaturverweisen versehen und relativ kurz gehalten. Die Themen erwecken Interesse. Mit dem Band ist es Herausgeber und Autoren gelungen, "Wandel, Gefährdung und Chancen" der europäischen Stadt zu beleuchten, sie kritisch zu kommentieren, aber insgesamt eine positive Perspektive aufzuzeigen. In jedem Falle sind die Beiträge anregend, und man liest sie mit Gewinn. - Ein ausführliches Literaturverzeichnis von 32 Seiten beschließt den Band, dennoch kann es nur eine Auswahl bieten.

Autor: Karl Lenz

Quelle: Die Erde, 136. Jahrgang, 2005, Heft 1, S. 36-37

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