Robert Pütz: Transkulturalität als Praxis. Unternehmer türkischer Herkunft in Berlin. Berlin 2004. 286 S.

Dieses Buch musste geschrieben werden. Mehr als ein Jahrzehnt schon gibt es in der englischsprachigen Geographiewelt lebendige und anregende Diskurse über Aufbau und Funktionsweise ethnischer Ökonomien. In Einwanderungsländern wie Kanada, den USA oder Großbritannien ist die wachsende Rolle von Selbstständigkeit und Unternehmertum für Migrantinnen und Migranten als mögliche Wege zur gesellschaftlichen Integration offensichtlich.

Und auch in Deutschland ist die Gründung eines eigenen Geschäfts, sei es als "türkischer" Lebensmittelhändler, "griechischer" Restaurantbesitzer oder "italienischer" Frisör, eine weit verbreitete ökonomische Überlebensstrategie unter Zuwanderern. Robert Pütz bringt den so wichtigen angloamerikanischen Diskurs zum Verhältnis von ethnischen Identitäten und wirtschaftlichem Handeln nach Deutschland. Dabei gelingt es ihm sehr überzeugend, den konstruierten Charakter jedweder Identitäten darzustellen. Als Beispiel für eine bestimmte Variante der neuen Kulturgeographie, die die kulturelle Einbettung wirtschaftlichen Handelns untersucht, zeigt Pütz eindringlich auf, wie sowohl "der Türke", "der Ausländer" oder "wir Deutsche" als Gruppen- und Subjektidentitäten kulturelle Konstruktionsleistungen sind. Diese konstruierten Identitäten können nur als Resultat von Prozessen kultureller Grenzziehungen auf der Basis von Selbst- und Fremdwahrnehmungen entstehen. Eben diese Grenzziehungen stehen im Mittelpunkt dieser Studie. In einer methodisch ausgesprochen gründlichen Empirie, die besonders in ihrem qualitativhermeneutischen Zugang überzeugt, präsentiert der Autor eine reichhaltige und dichte Analyse der institutionellen Strukturen und individueller Lebenswege türkischer Unternehmer in Berlin. Gerade durch die Einbeziehung narrativ-biographischer Interviews und die ausführliche Darlegung einzelner Biographien türkischer Unternehmer gelingt es ihm, den strukturellen Blick auf ethnische Ökonomien (zur Rolle des Staatsbürgerrechts, der Gewerbeordnung, der Arbeitsmarktstrukturen o.ä.) empirisch reichhaltig um alltagsweltliche Praktiken zu ergänzen. Die Komplexität des Schicksals und der Lebenswege einzelner Personen im Umgang mit strukturellen Zwängen werden deutlich. Gerade aufgrund seines eindringlichen, plastischen Charakters ist dieses Buch sicherlich auch für die Lehre zu empfehlen. Robert Pütz stellt souverän mit feiner, klarer Handschrift Prozesse der Identitätsbildung durch kulturelle Grenzziehungen - in seiner Terminologie "Transkulturalität als Praxis" - anhand ausgesuchter Beispiele dar. Der selbstbewusste Autor, der in der Klarheit der Wortwahl und Gliederung seiner Argumentation beeindruckt, kann dabei gekonnt zurückgreifen auf einen äußerst befriedigenden Forschungsstand in der englischsprachigen Literatur.

Autorin: Ilse Helbrecht

Quelle: Die Erde, 136. Jahrgang, 2005, Heft 1, S. 38-39

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