Axel Borrmann, Reinhard Stockmann: Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Münster (= Sozialwissenschaftliche Evaluationsforschung, Bd. 8) 2009. Bd. 1: 213 S., Bd. 2: 682 S.

Die ausführliche Systemanalyse Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) mit den umfangreichen Fallstudien wurde vor dem Regierungswechsel vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ in Auftrag gegeben. Damit ist die Studie aber keineswegs mit der veränderten politischen Ausrichtung überholt, denn Evaluierung, das Thema der Studie, verliert keineswegs an Bedeutung. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass die Fragen, die Evaluierungen in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit beantworten sollen, an Bedeutung zunehmen.

Das umfangreiche Opus umfasst 2 Bände. Im Band 1, der eigentlichen Systemanalyse werden Methoden und Theorie dargestellt sowie die Praxis der Evaluierungssysteme in den Organisationen analysiert. Die detaillierten Fallstudien von 20 deutschen EZ-Organisationen sind im 2. Band ausgeführt.
Die Studie ist als Fortsetzung der Analyse und Weiterentwicklung des Evaluierungssystems in der deutschen EZ zu sehen. Insofern beginnt die Untersuchung mit der Bestandsaufnahme der Veränderungen und Weiterentwicklung seit der letzten Systemprüfung vor rund 10 Jahren. Ziel war es, die deutsche Evaluierungslandschaft in den verschiedenen Organisationen der EZ, vor allem den sog. staatlichen, genau unter die Lupe zu nehmen. Dazu wurden für das Untersuchungsdesign die Brille der OECD-DAC-Kriterien (Development Assistance Committee der OECD) und der DeGEval-Standards (Deutsche Gesellschaft für Evaluation) für Evaluationen aufgesetzt. Insgesamt stellen die Autoren fest, dass seit der letzten Studie – wohl auch angestoßen durch die Empfehlungen der Studie in den 90er Jahren – teilweise erhebliche Fortschritte zur Professionalisierung der Evaluierungen gemacht wurden.
Sowohl die Qualität der Evaluierungssysteme, wie auch ihre institutionelle Verankerung entsprechen deutlich mehr den internationalen DAC-Kriterien als in den 90er Jahren. Inhaltlich ist die Ausrichtung auf Wirkungen allgemein als state of the art anerkannt und eingeführt und die Unabhängigkeit von Evaluierungsabteilungen ist auch bei Nichtregierungsorganisationen weitgehend realisiert. Als wichtige politische Rahmenbedingungen gingen insbesondere die „Paris Declaration“ zur besseren Koordinierung der internationalen EZ sowie die bekannten Millenium-Entwicklungsziele ins Design mit ein. Eine zentrale Fragestellung, wenn nicht gar die Arbeitshypothese der Autoren,
war die Auslotung in Bezug auf die Entwicklung eines möglichst einheitlichen Evaluierungssystems für die gesamte deutsche EZ. Die sog. institutionelle Zersplitterung in eine unübersichtliche Vielzahl von Organisationen, staatliche wie nichtstaatliche, ist seit langem eine international artikulierte Kritik an der deutschen EZ-Landschaft. Die Verschiedenheit von Evaluierungssystemen ist folglich nur der Refl ex dieser institutionellen Vielfalt. Die Untersuchung widmet sich sehr intensiv den methodischen und konzeptionellen Ansätzen, wie sie in den einzelnen Institutionen praktiziert werden und vergleicht diese miteinander, um die jeweiligen Kompatibilitäten und Vergleichsmöglichkeiten herauszuarbeiten. Dabei liegt der Schwerpunkt, wie erwähnt auf der staatlichen EZ, eben den Organisationen, auf deren Politik das BMZ direkten Einfl uss ausüben kann. Die Ergebnisse erstaunen Insider der entwicklungspolitischen Diskussion wenig. Die Ausrichtung auf langfristige und strukturelle Wirkungen der Projekte statt
der Output-Orientierung stellt den entwicklungspolitischen Mainstream dar.
Die Autoren diskutieren, ihrer Ausgangshypothese folgend, als Schlussfolgerung die Bedingungen und Weichenstellungen für eine stärkere Systembildung. Damit soll insbesondere die Steuerungskompetenz für das Ministerium BMZ ausgebaut werden. Dafür werden verschiedene Szenarien vorgestellt. Das mit der Studie herausgearbeitete Ziel der stärkeren Systembildung für die Evaluierungen der verschiedenen Organisationen als solches wird nicht diskutiert. Die Argumentation läuft konsequent auf dieses formulierte Ziel hinaus. Eine Gegenüberstellung von Für und Wider einer Vereinheitlichung findet nicht statt. So wird auf mögliche Argumente oder Szenarien für eine Beibehaltung der Vielfalt nicht eingegangen. Im umfangreichen 2. Band, den Fallstudien werden die untersuchten Organisationen mit ihren Evaluierungssystemen ausführlich und sehr detailreich dargestellt. Das verwendete einheitliche Raster bzw. Gliederungsschema erleichtert den interinstitutionellen Vergleich für die Analyse (s. Band 1). Insgesamt wurden 8 staatliche Organisationen untersucht: BMZ, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR, Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ, Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG, Deutscher Entwicklungsdienst DED, Internationale
Weiterbildung und Entwicklung InWent, KfW Entwicklungsbank und Physikalisch-Technische Bundesanstalt PTB. Hinzu kommen die kirchlichen Organisationen Caritas international, Evangelischer Entwicklungsdienst EED, Misereor und das Kolpingwerk SEK. Alle 6 politischen Stiftungen wurden ebenfalls untersucht und bei den Fallstudien aufgeführt. Die ausgesprochen große Vielfalt der Nichtregierungsorganisationen ist in der Studie deutlich unterrepräsentiert. Vielleicht liegt dies nicht zuletzt daran, dass diese nur sehr vermittelt der Steuerung durch das BMZ unterliegen. Die weit über 300 NRO werden hier – repräsentativ oder nicht, sei dahingestellt – durch die drei Fallstudien vertreten: Welthungerhilfe, Deutscher Volkshochschulverband und
der Verband VENRO.
Inhaltlich liegt der Studie eine eindeutige Orientierung auf Systembildung, d.h. eine möglichst weitgehende Vereinheitlichung der Evaluierungssysteme in der deutschen EZ zugrunde. Ob man diese Auffassung teilt oder nicht, sei dahingestellt. Auf jeden Fall sind Datenreichtum, methodisches Vorgehen und der Informationsgehalt eine sehr hilfreiche Quelle und Arbeitsgrundlage für all jene, die sich intensiv mit Evaluierung in der EZ befassen.
Theo Mutter

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 116, S. 116-120

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