David David Harvey: Geographie der FreiheitHarvey: Cosmopolitanism and the Geographies of Freedom. New York (The Wellek Library Lectures) 2009. 352 S.

Seit gut einer Dekade publiziert David Harvey in fast jährlichem Rhythmus Bücher, in denen er sein über die letzten Jahrzehnte gesammeltes Wissen zusammenfügt, um eine fundamentale Transformation zu erklären und zu kritisieren: die Neoliberalisierung der Gesellschaft. Der Fokus des vorliegenden Buches von 2009 liegt auf den gesellschaftspolitischen Idealen Kosmopolitismus und Freiheit, die sowohl neoliberalen als auch emanzipatorischen Projekten zugrundeliegen.

Das Problem letzterer ist – so Harvey –, dass sie an der realen, materiellen Umsetzung scheitern und ihr Effekt in der Regel die Vertiefung neoliberaler Verhältnisse von Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist. Das gilt nach Harveys Ansicht nicht nur, wenn, wie in der amerikanischen Ideologie typisch, die Ideale gezielt instrumentalisiert werden. Es ist nicht nur Bush gewesen, der eine Rhetorik über „freedom, liberty, and democracy", die in die Welt zu bringen seien, als Legitimationsinstrument benutzte, z. B. für die Invasion in den Irak. Statt über Ölreserven zu reden, wird der Krieg als Sicherung des „‚freedom' of Iraq" gerechtfertigt (S. 1ff.). Es gilt oftmals auch, wenn diese Ideale ,gut gemeint' sind, sich jedoch als unrealisierbar erweisen, wenn es um konkrete Veränderungen geht. Entweder verbleiben Ausführungen zu philosophisch-theoretisch (wie Martha Nussbaums „cosmopolitan education", S. 11) oder sie enden in einer Verherrlichung pluraler, friedlich nebeneinander existierender Orte, die Beziehungen zwischen diesen Orten ausblenden muss (wie Uday Singh Mehtas „political integrity of various nonconsensual societies", S. 41).
    Das zentrale Argument von Harveys Buch ist, dass die praktisch-materielle Umsetzung von Idealen verfehlen muss, wenn sie als universale Werte die komplexe Geographie gesellschaftlicher Entwicklung nicht greifen können. Dafür ist das Buch in zwei Teile untergliedert: Der erste handelt unter dem Titel „Universal Values" sowohl philosophische Grundlagen von Freiheit und Kosmopolitismus als auch – aus Harveys Sicht – gescheiterte Versuche ab, Werte und reale Entwicklungen miteinander zu verbinden. Der zweite mit dem Titel „Geographical Knowledges" verfolgt hingegen das Ziel, über das Verständnis von Geographien die große Frage zu beantworten, wie Beziehungen zwischen spezifischen Orten und allgemeinen Zielvorstellungen gefasst werden
können. Die Antwort auf die Frage: „How are we to understand the complex relationship between universal claims about rights, property, freedom, democracy, and the market, and the geographical particularities with which the world abounds?" entfaltet Harvey schließlich in der dialektischen Handhabung der geographischen Schlüsselkonzepte „space, place, and environment" (S. 131f.). Vor diesem Hintergrund läuft das Buch auf die Formulierung einer „geographical theory" hinaus, die „such a dialectical understanding into its heart" aufnimmt, um die Gesellschaft zu verstehen – und auch zu verändern (S. 247).
    Die Grundlage für Vorstellungen über Kosmopolitismus und ebenso für Geographie und Anthropologie als propädeutische Wissenschaften wurde von Kant gelegt, so Harvey. Dessen Ansichten resümiert er im ersten Kapitel, um sich im Folgenden auf Kants Bezeichnung der Geographie als „condition of possibility" zu berufen (S. 29) und gleichzeitig dessen konkrete Ausführungen über Geographien zu verwerfen. Wie unwissenschaftlich und unkritisch Kants nicht-physische Geographie war, illustriert Harvey mit Zitaten wie: „In hot countries men mature more quickly in every respect but they do not attain the perfection of the temperate zone" (S. 26). Vermutlich betont Harvey die Absurditäten in Kants Schriften, um die dann folgenden Entlarvungen von „noble projects and aims" zu verdeutlichen, die allzu häufig „[are] perverted into the grubby politics of exploitation, inequality, and rank injustice when they touch upon the ground" (S. 165). Als übersimplifiziert werden in diesem ersten Teil nicht nur erwartbare Arbeiten von z. B. Friedman widerlegt, sondern auch Arbeiten von Foucault, Nussbaum, Mehta, Appadurai, Beck, Escobar, Appiah und vielen anderen kritisiert, die sich z. T. selbst postkolonialer bzw. linker Politik und damit der Integration von Spezifischem mit Allgemeinem verschreiben. Harvey zeigt damit, dass das mangelnde Verständnis von geographischer Komplexität kein vereinzelter Fehlgriff von einigen wissenschaftlichen Arbeiten ist, sondern ein grundlegendes Problem, dem er mit der Entwicklung einer geographischen Theorie im zweiten Teil entgegen treten möchte.
    Vergeblich (und das zu Recht) sucht man beim Lesen des zweiten Teils eine knackige Anleitung für die Herausforderung, in der Analyse von Raum und Gesellschaft weder zu abstrakt noch zu idiographisch zu bleiben. Die Antwort ist vielmehr der gesamte zweite Teil. Die kritische Abhandlung vieler bisheriger Gesellschaftsanalysen aus Teil 1 findet auch hier noch kein Ende. Es stehen allerdings spezifisch geographische Konzeptionen im Vordergrund. Harvey diskutiert hier schlechte, aber typische Reduktionismen (es gebe auch gut gemachte, betont er), die oftmals mit Begriffen wie „place", „territory" oder „region" einhergehen (S. 166ff.). Um zu zeigen, dass diese Fehler vermeidbar sind, entwickelt er zwei Vorgehensweisen: Die eine zielt auf eine Analyse ab, die sechs unterschiedliche Raumdimensionen dialektisch verknüpft. In Kapitel 7 („Spacetime and the World") bezieht Harvey diese in der 3x3-Matrix aufeinander, die er bereits an anderer Stelle ausgearbeitet hat (Harvey 2006). Er betont, dass keine der Dimensionen „absolut", „relativ" und „relational" sowie der Lefebvre-inspirierten „erfahrenen", „konzipierten" und „gelebten" Räume die wichtigste sei, sondern dass gerade die Beziehung zwischen ihnen Geographien erkennen lassen. „Reading across or down the matrix" ist das wichtigste Stichwort (S. 145). Die andere Vorgehensweise ist thematisch angelegt und wird vor allem in Kapitel 9 („The Nature of Environment") dargelegt: Hier baut Harvey erneut auf seiner in den letzten Jahren wichtig gewordenen Interpretation einer Fußnote aus Marx' Kapital auf (Marx 1962, 392, FN 89). Die Felder „Technologie", „Natur", „Aktivität der Produktion", „Erhalt des täglichen Lebens", „soziale Beziehungen" und „mentale Konzepte von der Welt" müsse eine geographische Analyse verbinden können. Er nennt diesen Vorgang die „Method of Moments" (S. 236).

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David Harvey: Cosmopolitanism and the Geographies of Freedom

    David Harvey legt mit diesem Buch eine umfassende Betrachtung sehr grundsätzlicher Wertvorstellungen vor, die in der täglichen Politik präsent sind, aber auch in deren Analyse zum Tragen kommen. Er macht deutlich, wie schnell emanzipatorische Absichten letztlich in die Nähe neoliberaler geraten. Darüber hinaus bleibt Harvey nicht bei der Kritik stehen, sondern schlägt vor, wie Probleme unterkomplexer Betrachtungen mit der Analyse geographischer Prozesse behoben werden können. Trotz der unzähligen Beispiele und der vielfältigen Bezüge zwischen diversen Themen bleibt das Buch dank seiner klaren Sprache leicht zu lesen. Dennoch kann man sich fragen, wie Harveys Entwurf einer geographischen Theorie zur Anwendung kommen kann. Die abwertenden
Abhandlungen der Arbeiten von sicherlich intelligenten und erfahrenen AutorInnen wirken stellenweise fast entmutigend, Gesellschaft, Raum und die Beziehungen zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen überhaupt verstehen zu können. Vielleicht kann man sich aber auch von Harveys Erörterung von „Individuum" und „Staat" inspirieren lassen, mit denen er sein Buch quasi resümiert (S. 252ff.). Mit diesen Extrembeispielen demonstriert er schließlich, wie Einzelaspekte der Gesellschaft mit geographischem Wissen als Moment des Ganzen verstanden werden können. Insgesamt ist es ein lesenswertes Buch für alle, die wissen wollen „wie Geographie gemacht wird" – als gesellschaftliches Verhältnis und als wissenschaftliche Analyse.

Literatur

Harvey, D. (2006): Space as a Keyword. In: Castree, N. und Gregory, D. (Hrsg.): David Harvey – A Critical Reader. Malden: Blackwell, 270-93.
Marx, K. (1962): Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. Band I. Marx-Engels-Werke 23. Berlin: Dietz.


Anne Vogelpohl


Quelle: Geographische Zeitschrift, 98. Jg., 2010, Heft 1, · S. 63-64

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