Boris Grésillon: Kulturmetropole Berlin. Berlin. 332 S.

"Kulturmetropole Berlin" - ein schlichter, allgemeiner Titel, hinter dem sich aber schon eine spannende Problematik verbirgt. So ist der Status der deutschen Hauptstadt als Kulturmetropole ja nicht unstrittig. Im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen scheint Berlin etwas zu fehlen, was die Stadt endgültig zu einer Kulturmetropole macht. Zudem ist die deutsche Hauptstadt im Ausland als Kulturmetropole eher anerkannt als im eigenen Land. Gleichwohl umgibt Berlin immer noch dieser alte Glanz, der kosmopolitische Mythos der 1920er Jahre.

In den 1990er Jahren haben sich die städtischen Strukturen Berlins grundlegend geändert - und mit ihnen auch die kulturellen Gefüge. Die städtische Umbruchsituation hat ein Klima von Aufbruch, Bewegung und auch Kreativität freigesetzt. Berlin entwickelte sich zur "Baustelle Kultur". Seit der Wiedervereinigung hat die deutsche Hauptstadt enorm an kultureller Produktivität und Ausstrahlung gewonnen - und hat dabei eine Vielzahl von jungen Kreativen, häufig auch aus dem Ausland, angezogen. Hier setzt Boris Grésillon an. Der französische Kulturgeograph verbrachte zwischen 1994 und 2000 sechs Jahre in der deutschen Hauptstadt, davon fünf Jahre in forschender Tätigkeit am Centre Marc Bloch. Seine Zeit in Berlin nutzte Grésillon für eine äußerst intensive Erkundung der dynamischen Kulturszene Berlins der Nachwendezeit. Die Methode der "teilnehmenden Beobachtung" wurde dabei weitergeführt zum Versuch des "Eintauchens" in die Szene, das nach Aussagen des Autors eine "konkretere, empfindsamere, manchmal intuitive Annäherung an die Orte" ermöglichte. So ist "Kulturmetropole Berlin" in erster Linie eine umfassende Bestandsaufnahme der Berliner Kultur, die, basierend auf eigenen Erhebungen und Beobachtungen und angereichert mit zahlreichen Karten, Tabellen und Abbildungen, ein breites Spektrum an Untersuchungsmaterial - von Hoch- über Off- bis hin zu Kiezkultur - präsentiert. Die Dissertation erschien 2002 unter dem Originaltitel "Berlin: métropole culturelle"; die deutsche Fassung von 2004 ist eine überarbeitete Version und gibt den Stand von Herbst 2003 wieder. In seiner Analyse metropolitaner Kultur geht das Buch im Wesentlichen folgenden Fragestellungen nach: Die erste betrifft den Mechanismus von Kulturorten und stellt die Frage nach deren Auflösung und Erneuerung. Worauf basiert die geographische Dynamik von Kultur? Warum wird ein Raum zur kulturellen Schnittstelle, während ein anderer zerfällt? Hierfür bietet gerade die bewegte Kulturszene Berlins der 1990er Jahre ein perfektes Studienobjekt. Andere Fragen behandeln den konkreten Fall Berlin: Wird Berlin mit seiner ureigenen Geschichte und dem Potenzial an Kultureinrichtungen zu einer Hochburg deutscher Kultur? Hat Berlin auf Grund seiner außergewöhnlichen geographischen Lage das Potenzial zu einer europäischen Kulturhauptstadt? Kann die Stadt in diesem besonderen historischen Moment einen neuen kulturellen Horizont mit weltweiter Ausstrahlung, ein eigenes, auf andere Orte übertragbares Modell hervorbringen? Der Autor nähert sich der Thematik zunächst theoretisch und definiert im ersten Teil seiner Veröffentlichung Kultur als Forschungsgegenstand der Geographie, um nachfolgend Kultur mit den Begriffen Stadt und Metropole in Verbindung zu setzen. Schließlich setzt sich der Autor empirisch mit der Berliner Kulturszene auseinander. Nach einem Blick in die Geschichte Berlins als Kulturmetropole beschäftigt sich Teil zwei mit den umfangreichen Ergebnissen der geographischen Studie Grésillons über die Berliner Kulturlandschaft. Diesem Blick nach innen folgt im dritten Teil ein Perspektivenwechsel, der Berlins Stellung als Kulturmetropole nun im europäischen Vergleich betrachtet. Grésillon füllt mit seiner Analyse der Berliner Kulturlandschaft eine Lücke in der wissenschaftlichen Literatur, der eine vergleichbar umfassende Behandlung der Thematik bislang gefehlt hat. Das Besondere an diesem Buch ist denn auch sein hoher Informationsgehalt sowie die große Aktualität der Inhalte. Ungewöhnlich ist Grésillons künstlerisch-kreative Sichtweise auf Kultur, die im Forschungsfeld der Kulturgeographie eher selten ist und sonst überwiegend einem anthropologischen Blickwinkel folgt. Der Autor zeichnet mit "Kulturmetropole Berlin" ein gewissenhaftes, lebendiges und anschauliches Bild des dynamischen, im Aufbruch befindlichen Charakters der jungen Berliner Kulturszene, deren Strukturen sich nun zu stabilisieren beginnen.

Autorin: Katrin Soschinski

Quelle: Die Erde, 136. Jahrgang, 2005, Heft 1, S. 41-42

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