Mamadou Diawara, Farias de Moraes, Paulo Fernando et Gerd Spittler (Hg.): Heinrich Barth et l'Afrique. Köln (Studien zur Kulturkunde 125) 2006. 286 S.

Es gibt Bücher, die auch eine vergleichsweise späte Rezension lohnen, in der Hoffnung, dass  damit eine berechtigte vermehrte Aufmerksamkeit von Fachkollegen auf das jeweilige Werk gelenkt wird. Zu diesen Büchern zählt zweifellos die im Rüdiger Köppe Verlag erschienene Textsammlung „Heinrich Barth et l'Afrique", mit meist französisch-, teils englischsprachigen Beiträgen, welche einen neuen Blick auf den Afrikaforscher, Historiker, Ethnologen, Geographen und Sprachwissenschaftler Heinrich Barth werfen wollen.

Die Initiierung des Bandes geht auf eine Konferenz zurück, welche in Timbuktu abgehalten wurde, anlässlich des 150. Jubiläums der Ankunft Heinrich Barths in der Stadt. Hier hielt sich Barth während seiner großen Nordafrika-Reise von 1850 bis 1855 über mehrere Monate auf; von europäischen Geographen des 19. Jahrhunderts war Timbuktu damals bereits zu einem Mythos verklärt worden (Beitrag Surun).

Gleich im ersten Beitrag nehmen die Herausgeber des Bandes Bezug auf die letzte umfangreiche Publikation zu Heinrich Barth in deutscher Sprache, den 1967 von Heinrich Schiffers herausgegebenen Sammelband „Heinrich Barth. Ein Forscher in Afrika. Leben –
Werk – Leistung". Wenn die Herausgeber des zu besprechenden Bandes zunächst rechtfertigen, warum sie nach rund vierzig Jahren eine weitere Textsammlung zu Heinrich Barth vorlegen, mag dies als eine rhetorische Figur erscheinen: Zu offenkundig haben sich
die Perspektiven und Paradigmen kulturwissenschaftlicher Forschung in den dazwischenliegenden Jahrzehnten verändert, als dass man die Vorlage eines neuen Bandes rechtfertigen müsste, und dies wird dem Leser bei der parallelen und kontrastierenden
Lektüre des älteren, von Schiffers herausgegebenen Bandes und der zu besprechenden Textsammlung unmittelbar bewusst. Der frühzeitige Verweis auf die Textsammlung Schiffers erweist sich für denjenigen Leser als hilfreich, der sich erstmals das
wissenschaftliche Werk Barths näher erschließen will; hierzu ist die parallele Lektüre beider Textsammlungen sinnvoll. Während bei Schiffers die akribische Dokumentation von Barths wissenschaftlichem Werk und die Herausarbeitung seine Beiträge für verschiedene Disziplinen im Vordergrund steht, erhält der Leser in dem zu besprechenden Band Einordnungen und Interpretationen zu Barths Werk aus gegenwärtiger kulturwissenschaftlicher Sicht. Gerd Spittlers Beitrag beispielsweise erschließt den
Ethnographen Heinrich Barth und macht ihn damit, zumindest als historische Referenz und anregendes, wenn auch ambivalentes Modell fruchtbar für die gegenwärtige methodologische Diskussion in Ethnographie und qualitativer Sozialforschung. Heinrich
Barths fünfjährige Nordafrikareise führte von Tripolis durch die Sahara in den Sahel, mit längeren Aufenthalten unter anderem am Tschad-See und in Timbuktu. Wie Gerd Spittler und Maria Grozs-Ngaté herausarbeiten, war die Art und Weise des Reisens sowie der
Wechsel von Ortsveränderung und längeren Aufenthalten maßgeblich für den Erkenntnisprozess Barths. Seine Reise fand zunächst im Kontext einer Expedition der britischen Royal Geographical Society statt; eine solche Art der Expedition erlaubte keinen
näheren Umgang mit den Bereisten, sodass Barth bei der ersten sich bietenden Möglichkeit den Expeditionstrupp verließ und sich zunächst einer Tuareg-Karawane anschloss. Barth adaptierte sich dabei bewusst an das Verhalten seiner Mitreisenden, zeigte sich avant la lettre als teilnehmender Beobachter und setzte damit einen Kontrapunkt zur Vorgehensweise vieler Forschungsreisender und ihrer Art der Wissensproduktion im 19. Jahrhundert.Weitere Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit einer Interpretation Barths aus Sicht des Postkolonialismus (Muhammad Umar) und mit Facetten der Wirkungsgeschichte Barths und seiner unterschiedlichen Rezeption in Nordafrika und den europäischen Wissenschaftskulturen. Georg Klute fragt in seinem Beitrag nach dem Wissen, welches Westafrikaner im 19. Jahrhundert über Europa hatten, soweit sich dies aus den historischen Quellen einschließlich Barths Reiseberichten erschließt.

Als häufig wiederkehrendes Motiv durchzieht die Texte die Frage, inwiefern Barths Forschungen und ihre Verschriftlichung in den Berichten durch zeitgebundene, europäische Vorstellungen oder durch eine Offenheit gegenüber den von ihm Bereisten gekennzeichnet
waren (vgl. etwa die Beiträge von Grosz-Ngaté, S. 137 und de Moraes Farias, S. 216). Auch den Autoren des Sammelbandes drängt sich gelegentlich die vergleichende Bezugnahme auf Alexander von Humboldt auf, von dessen Reiseerfahrungen in Lateinamerika Barth methodisch profitieren konnte, und mit welchem er – ebenso wie mit seinem geographischen Lehrer Carl Ritter – auch während seiner Nordafrika-Reise in Briefkontakt stand.

Die Herausgeber führen im Eröffnungsbeitrag aus, dass die Autoren der von Heinrich Schiffers herausgegebenen Textsammlung zu einem großen Teil Geographen waren und Barth offensichtlich in den 1960er Jahren vor allem als Geograph gesehen wurde. Hingegen wurde die zu besprechende Textsammlung vor allem von Ethnologen und Historikern verfasst; an ihr war kein einziger Geograph beteiligt. Dieser Umstand scheint emblematisch für die geringe Kenntnisnahme Barths in der zeitgenössischen Geographie und seine eher marginale Rolle, die ihm in den Versuchen einer Konstruktion einer Fachgeschichte der Humangeographie zufällt. Gerade für den in den letzten Jahren wieder intensivierten Gedankenfluss zwischen der Humangeographie und der Ethnologie dürfte die Person Heinrich Barths allerdings Anknüpfungspunkte bieten. Neben dem regionalwissenschaftlich oder disziplingeschichtlich Interessierten ist die vertiefende Auseinandersetzung mit Barth auch für diejenigen Geographen vielversprechend, die sich ethnographischer Forschungsmethoden bedienen.

Somit bietet die Textsammlung einen vielschichtigen Blick auf einen Wissenschaftler, der noch vor der scharfen institutionellen Distinktion der sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen im 19. Jahrhundert agierte. Lediglich die Auswahl der behandelten Themen mag in manchen Fällen kontingent erscheinen; diese Kritik teilt die Textsammlung allerdings mit der Mehrzahl der Bände, die in Folge einer wissenschaftlichen Konferenz konzipiert wurden.
Thomas M. Schmitt

Literatur:
Schiffers, Heinrich (1967): Heinrich Barth. Ein Forscher in Afrika. Leben – Werk – Leistung. Wiesbaden.
Barth, Heinrich (1857f.): Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849 bis 1855. 5 Bde. Gotha

Quelle: Erdkunde, 64. Jahrgang, 2010, Heft 1, S. 74-75

 

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