Michael Pesek: Das Ende eines Kolonialreiches. Ostafrika im Ersten Weltkrieg. Frankfurt am Main/New York 2010. 419 S.

In den vergangenen Jahren hat relativ zaghaft die Ansicht in die Historiographie Eingang gefunden, dass die gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Millionen von Toten im Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht nur auf den mehr oder minder erinnerten Schlachtfeldern in Europa und dem Atlantischen und Pazifischen Ozeanen stattfanden, sondern auch an der Peripherie. Einige, wenn auch noch nicht allzu viele Publikationen sind zu dieser Thematik, die eine globalere Sicht auf die „Welt"kriege einfordert, erschienen.

Nicht mehr einzelne Kampfhandlungen, Regionen oder Nationen stehen im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Auswirkungen auf die gesamte Menschheit. Es wird in Arbeiten dieses Genres betont, dass die in einer in Entstehung begriffenen globalisierten Welt geführten Kriege wahrhaft weltweite Auswirkungen – in der einen oder anderen Form – gehabt haben. Aber nicht nur dies, auch Teile der Welt, die weit ab der bekannten Kriegsschauplätze sich befanden, wurden in die Kampfhandlungen mehr oder minder direkt einbezogen, sei es im Süden Afrikas oder in Neuseeland. Und wenn man sich die einzelnen militärgeschichtlichen Forschungsergebnisse in den verschiedenen Weltregionen anschaut, kann man nur konstatierten, dass dies gar keine so neue Erkenntnis ist. Nur mussten diese Einzelergebnisse unter einer globalen Sichtweise zusammengeführt und verstanden werden.

Diese Feststellung trifft umso mehr auf das Kriegsgeschehen im Ersten Weltkrieg in den deutschen Kolonien zu, von denen es in Afrika vier gab. In Togo, Kamerun und in Deutsch-Südwestafrika waren die Karten recht bald neu gemischt. Die deutschen Kolonialtruppen hatten den alliierten Gegnern nichts entgegenzusetzen. Die drei genannten Kolonien in Afrika sowie in China Tsingtau und die Südsee-Kolonien fielen in die Hände Frankreichs und Großbritanniens bzw. in denen der Commonwealth-Verbündeten.

Anders war es nur in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania und in gewissem Maße in Ruanda und Burundi. Hier versuchte Paul von Lettow-Vorbeck, Kommandeur der deutschen Schutztruppe in Ostafrika, eine möglichst hohe Zahl an alliierten Truppen durch eine Art Guerillataktik zu binden. Trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit und trotz der britischen Seeblockade, die die Deutschen vom Nachschub abschloss, konnte Lettow-Vorbeck mit seinen Leuten zwar angeschlagen, aber ungeschlagen das Kriegsende erleben. Wohl kaum ein Ereignis der deutschen Kolonialgeschichte ist daraufhin so stark glorifiziert worden. Dazu trug bei, dass er hoch zu Ross an der Spitze seiner noch verbliebenen 143 Soldaten nach Kriegsende durch das Brandenburger Tor in der deutschen Hauptstadt öffentlichkeitswirksam paradierte. Dies begründete in der Zeit des Kolonialrevisionismus in der Zwischenkriegszeit sowie im Dritten Reich die Mär der tapferen sich einer überlegenden Streitmacht im afrikanischen Urwald erwehrten „Schutztruppe". Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Büchern und Erzählungen sind darüber entstanden.

Pesek macht in seiner nicht immer verständlich formulierten und auch nicht stringent seine Aussagen verfolgen wollender Darstellung darauf aufmerksam, dass es sich hier nicht nur um einen Krieg der Europäer gehandelt hat. Denn immerhin war die Mehrzahl der Kombattanten auf dem am längsten im Ersten Weltkrieg umkämpften Schlachtfeld Afrikaner und Inder. Sie wurden zu Kriegsdiensten von beiden Seiten verpflichtet. Da in Ostafrika keine Infrastruktur, wie sie in Europa bekannt und vorhanden war, existierte, mussten Hunderttausende afrikanische Träger und Arbeiter für Transportleistungen verpflichtet werden. Auf beiden Seiten. Verpflegung wurde oftmals gewaltsam rekrutiert; regelrechte Raubzüge wurden organisiert. Der einheimischen Bevölkerung blieb oft nichts weiter übrig, als sich durch Flucht der einen oder anderen herannahenden Truppe zu entziehen.

Von der Betroffenheit der Afrikaner, ihrer konkreten Einbeziehung in die militärischen Auseinandersetzungen, die im fernen Europa begonnen hatten und nun zu ihnen hinüber geschwappt war und so ihr Leben, ihre Existenz, ihre Zukunft bedrohten, handelt dieses Buch.

Wenngleich die Rolle der afrikanischen Bevölkerung in den Kämpfen des Ersten Weltkrieges in der bisherigen Geschichtsschreibung unterbelichtet war (allerdings ist dieser Themenbereich nicht gänzlich ausgeklammert worden, wiewohl das Buch gern diesen Eindruck hervorrufen möchte), existiert doch, wie das recht umfangreiche Literaturverzeichnis ausweist, eine Reihe einschlägiger Quellen. Diese komprimiert unter der Sichtweise der Afrikaner auf das kriegerische Geschen ausgewertet und zusammengefasst zu haben, ist das Verdienst des Berliner Afrikahistorikers Michael Pesek.

Der Verfasser erzählt die Geschichte des Ersten Weltkrieges in Ostafrika unter der besonderen Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Afrikanern und Europäern – einer sich in relativ kurzer Zeit verändernden militärischen, politischen, ökonomischen und sozialen Situation, die er als „koloniale Ordnung" subsumiert.

Darüber hinaus gelang ihm noch die Aufdeckung einer bislang kaum bekannten Komponente der deutschen Kolonialgeschichte. Denn seit etwa 1916 versuchte das Deutsche Reich den Panislamismus als Verbündeten für die antikolonialen Bestrebungen vornehmlich in den britischen Kolonien Afrikas – und somit den Interessen Deutschlands dienend – zu nutzen. Millionen Reichsmark investierten die Deutschen dafür, um den Jihad der muslimischen Bevölkerung in Afrika gegen die Alliierten zu richten – ein Versuch, der auch im Zweiten Weltkrieg wiederholt wurde. Der Erfolg blieb zwar gering, verstärkte jedoch die Sympathien der Muslime für die deutsche Kolonialtruppe. Denn ein Großteil der afrikanischen Hilfstruppen, die sogenannten Askaris, war muslimischen Glaubens.

Trotz des Schwergewichts der Darstellung auf die Beschreibung der Einbeziehung der afrikanischen Bevölkerung in den Krieg, gelingt es Pesek, nicht zuletzt durch die bisher wenig fortgeschrittene Auswertung belgischer Archivmaterialien, die militärgeschichtliche Erforschungen der Interaktionen der Kampfhandlungen der europäisch geführten Truppen in Ostafrika voranzubringen. Eine verdienstvolle Arbeit.

Ulrich van der Heyden


Zitierweise:  
Ulrich van der Heyden 2012: Rezension von: Michael Pesek: Das Ende eines Kolonialreiches. Ostafrika im Ersten Weltkrieg. Frankfurt am Main/New York 2010. In: http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1541-michael-pesek-ostafrika 
 
Anschrift des Verfassers:
PD Dr. Dr. Ulrich van der Heyden
Humboldt-Universität zu Berlin
Theologische Fakultät
Seminar für Religions- und Missionswissenschaften
Unter den Linden 6
Sitz: Invalidenstraße 110
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