Torsten Heinemann u. Christine Resch (Hg.): (K)ein Sommermärchen: kulturindustrielle Fußballspektakel. Münster 2010. 236 S.

"Sportliche Großveranstaltungen heute [...] werden verwendet, um öffentliche, patriotisch konnotierte Begeisterung herzustellen, die freilich streng kontrolliert und überwacht ausgelebt werden soll" (9). Die aus kulturwissenschaftlichen Feldstudien im Kontext der Fußball-EM 2008 in Österreich und der Schweiz resultierenden Beiträge um den Frankfurter/Wiener Soziologen Heinz Steinert belegen diese These vielfach, behandeln aber auch weitere Themen wie Fußball als TV-Zuschauer-Sport; mediale Herstellung von Begeisterung; ideologische Praxen im Fanbereich; ökonomische Verflechtungen der Organisationen im Fußballmarketing.

 

"Begeisterung" - als ein "emotionaler Ausnahmezustand, in den man sich gezielt versetzt" - werde bei Großveranstaltungen "durch eine Industrie von Dienstleistern aufgebaut" (31), wofür eigens die wissenschaftlichen Spezialdisziplinen "Kultur-Betriebswirtschaft " und ein Teil der "Polizeiwissenschaft" herausgebildet wurden, die in Zusammenarbeit mit öffentlichen Verwaltungen, Medien, Marketing-, Security- und Catering-Organisationen das "Groß-Event" publizistisch, verwaltungstechnisch und pragmatisch vorbereiten und durchführen.

Wie Fußball als "Proletensport" inzwischen von den ökonomisch bessergestellten und "gebildeten Schichten" goutiert wird und welche medialen Strategien dies bewirken, wird von Martina Niederauer mit dem Begriff der "distinktiven Integration" aufgeschlüsselt. Ihre Materialanalyse zeigt, wie "die Hürde, sich als ›Intellektueller‹ in das Ereignis zu integrieren und Gefallen am Ballsport zu finden, abgebaut" (55) wird: Wenn Dirk Schümer, FAZ-Korrespondent, Fußball als geeigneten Ort empfiehlt, wo deutsche Gemeinschaft und Nationalität erfahrbar sei und Marlene Streeruwitz das "große Drama" Fußball für Theaterbesucher schmackhaft machen will (beide in der TV-Sendung kulturzeit von 3sat), so arbeiten sie an der real-imaginären Konstruktion einer Menge, die gleichwohl klassenheterogen strukturiert ist (vgl. 58f). Für Deutschland war die österreichische Fußball-Nation 2008 der ideale Gegenpart, um sich selbst als große Fußballnation feiern zu können (trotz der ›Schmach von Córdoba‹). Die "Proleten" wurden durch die Bild-Schlagzeile vom "Feind Österreich" zufriedengestellt, die Intellektuellen dagegen "mokierten" sich über die recht provinzielle Fußballwelt Österreichs (im Gegensatz zur Welt-Nation Deutschland, die bei der WM 2006 bewiesen hatte, wie grandios sie ist): "Das Subjekt, gegen das Stimmung gemacht wird, bleibt dasselbe: Proletariat und gebildete Schicht haben einen gemeinsamen Gegner. Die Klassengrenze wird [...] oberflächlich aufgehoben. Jedoch wird über die Art, wie Stimmung produziert wird, Klassenzugehörigkeit gleichzeitig reproduziert" (58).

Andreas Kretschmann rekonstruiert die Begeisterungsverläufe in Gaststätten und Orten des public viewing und stellt fest: "Begeisterung entsteht vor allem dann, wenn sie nationalistisch aufgeladen wird bzw. werden kann. [...] Anders als es das EM-Motto ["Erlebte Emotionen"] suggeriert, ist der ›verbindende Charakter der Begeisterung‹ beim nationalisierten Fußball somit immer nur partiell. Konfrontation befördernd, wird Begeisterung beim national organisierten Fußball vorrangig auf Kosten Anderer ausgetragen" (74). Gerade die wie Labors eingerichteten public viewing-Zonen seien "Inseln konform-nonkonformen Verhaltens" (ebd.), in denen im Alltag nicht gelebte, z.T. gewalttätige Handlungen durchaus akzeptiert seien. Geschichte und Funktion des public viewing (PV) als inzwischen "professionell organisiertes und von Fußballverbänden kontrolliertes Spektakel" (96) untersucht Kai Praum. War das öffentliche Ansehen von Fußballspielen anfangs eine zivilgesellschaftlich organisierte Form, dem Kartenmangel für die Stadionbesuche etwas entgegenzusetzen, haben UEFA und FIFA erkannt, dass die Ware PV Geld bringen kann: Nun wurden Lizenzen erhoben, wenn eine Leinwand diagonal größer als 3 Meter war, für zusätzliche Stimmung konnten Bands und andere Muntermacher sorgen, die wiederum die Leute zum Konsumieren in den PV-Zonen anregen sollten. Den Wirten, die ebenfalls hohe Lizenzgebühren berappen mussten, konnte damit eine lange Verweildauer versprochen werden. FIFA und UEFA müssen keinerlei Risiken eingehen. Von Abgaben und Steuern sind sie in allen Ländern der Welt befreit, und die Gewinne werden auf Konten in der Schweiz verbucht, in der sie - ebenso wie das IOC - im Wirtschafts- und Finanzbereich Straffreiheit für Korruption genießen.

Der Frage, wie weibliche Fans Fußballveranstaltungen wahrnehmen und wie sie sich - im Verhältnis zu den männlichen - öffentlich darstellen, gehen Susanne Martin und Christine Resch nach. Fanartikel wurden vor der EM 2008 speziell für Frauen produziert: Schminke, Lippenstifte, Pants und Trikots - die ganze Palette körpernaher Waren konnte von ihnen (meist in den deutschen Nationalfarben) erworben werden. Dabei mag eine Rolle spielen, dass eine weibliche Fan-Fraktion soziale und erotische Ambitionen (›viel Party‹ und ›gute Stimmung‹) mit den Fan-Aktivitäten verbindet. Verf. zeigen, dass gerade die Anordnung des PV die Wünsche von Frauen negierte: weder kümmerten sich die fußballinteressierten Männer viel um noch so erotisierte Frauen, noch war der soziale Austausch unter den Frauen so unterhaltend wie im privaten Rahmen - der Ort des PV ist vornehmlich durch männliche Interessen bestimmt (Trinken, Pöbeln, Jubilieren etc.), den Frauen zwar ›dekorieren‹, nicht aber für sich einnehmen können. Einen großen Teil des Buchs nimmt die Analyse der ökonomischen Aspekte ein: Verwertungsrechte, Lizenzpolitik der FIFA und UEFA, Versprechungen gegenüber den Austragungsorten und anschließende Enttäuschungen, die wiederum real zu Belastungen auf Seiten der nationalen Steuerzahler/innen führen. Selbst wenn man die Behauptungen einer "Umwegrentabilität" (langfristig positive Auswirkungen durch Imagegewinn und Touristenströme etc.) der FIFA glauben würde: die Zahlen und Kostenrechnungen werden bei Großveranstaltungen verzögert bekannt gemacht, sodass öffentliche Empörung verunmöglicht wird.

"Die Herrschaft ermuntert das ›Volk‹, verrückte Welt zu spielen, nur gegen sie selbst zu rebellieren, dafür wird keine Lizenz erteilt" (228), resümieren Resch und Steiner. Dass Sport - und also auch Fußball - jedoch nicht nur als ideologische und ökonomische Maschine zur Aufrechterhaltung des Status quo betrachtet werden kann, sondern auch Befreiungspotenzial beinhaltet, dafür wird Adorno paraphrasiert: "Gewaltfähigkeit als Voraussetzung, um Gewalt zu beenden, ist ein Beispiel, Lust an der Bewegung, Befreiung des Leibes, die im Sport, wenn auch nur in äußerster Entstellung bewahrt sei, ein anderes" (219; mit Bezug auf GS 3, 329). Bleibt die Frage, wie Sport in all seinen Varianten der ihn warenförmig organisierenden Kulturindustrie entrissen werden kann, ohne ihn dem staatlichen Zugriff - wie dies der Nationale Olympische Sportbund momentan plant - auszuliefern.
Klaus Weber (Neuried/München)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 116-117

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