Christine Hannemann: Marginalisierte Städte. Probleme, Differenzierungen und Chancen ostdeutscher Kleinstädte im Schrumpfungsprozess. Berlin 2004. 381 S.

Die Stadtforschung beschäftigt sich schon seit längerem vorwiegend mit Großstädten, während die spezifischen Entwicklungen von Klein- und Mittelstädten recht stiefmütterlich behandelt wurden. Allenfalls konnten städtische Kerne, die im Rahmen der Suburbanisierung in Verdichtungsräume integriert wurden, mit einem gewissen Interesse rechnen, wohingegen Kleinstädte im ländlichen Raum häufig aus dem Blickfeld gerieten. Mit solchen Städten in den neuen Ländern beschäftigt sich die vorliegende umfangreiche Studie, der eine stadtsoziologische Habilitationsschrift zugrunde liegt.

Ausgangspunkt ist eine "Marginalisierung", die schon zu DDR-Zeiten viele Kleinstädte betraf, die aber nach der Wende durch ausgeprägte Schrumpfungsprozesse verstärkt wurde. Die Schrumpfung bezieht sich nicht nur auf Bevölkerungsverluste durch Geburtendefizite und Abwanderung, sondern ebenfalls auf Beschäftigungsrückgänge durch Deindustrialisierung, aber auch zentralörtliche Funktionsverluste und Abbau von Großbetrieben in der Landwirtschaft oder von militärischen Standorten. All diese Beschäftigungsverluste werden von der Autorin durch den etwas merkwürdigen Begriff "Deökonomisierung" zusammengefasst. Auf diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Zukunft solcher Kleinstädte, nach endogenen Potenzialen oder Attraktivitätsfaktoren, die neue Entwicklungsimpulse geben können. Christine Hannemann konzentriert sich auf soziokulturelle Handlungspotenziale der einheimischen Bevölkerung, die sie mit Hilfe von Haushaltsbefragungen und Gesprächen mit "Stadtaktiven" ermitteln will. Als Untersuchungsgebiet wurde ein dünnbesiedelter, peripherer ländlicher Raum mit großen Entwicklungsproblemen im Süden Mecklenburg-Vorpommerns und im Norden Brandenburgs ausgewählt, in dem 55 Kleinstädte identifiziert wurden. Zur eingehenden Untersuchung wurden vier Städte bestimmt (Angermünde, Bad Wilsnack, Goldberg, Teterow), die eine "angenäherte Typik innerhalb des Städtesamples" (S. 166) abbilden sollten. Die Städte unterschieden sich nach der Einwohnerzahl und nach ihren Entwicklungspotenzialen. Wenn sie aber als Ergebnis der Untersuchung einer Typologie von konsolidierten, stabilisierten, stagnierenden und erodierenden Städten zugeordnet werden, also jeder Individualfall einen Typ darstellt, ist die Vorgehensweise methodisch fragwürdig. Damit soll nicht in Frage gestellt werden, dass es bemerkenswerte Unterschiede in den realen Entwicklungen, aber auch in den Handlungspotenzialen und Zukunftserwartungen der lokalen Akteure gibt. Als besonders wichtige endogene Faktoren werden die Kommunikations-Netzwerke und das "lokale Sozialkapital" herausgestellt. Das Konzept des Sozialkapitals wurde allerdings erst im Laufe der Forschungsarbeiten als zentral erkannt, so dass keine speziell angepassten Fragen in den Fragebogen aufgenommen wurden. Insgesamt erschließt die vorliegende Arbeit ein bislang wenig behandeltes Untersuchungsfeld in differenzierter, empirisch sorgfältig erarbeiteter und dokumentierter Weise. Bisweilen wird die Lektüre durch formale Unzulänglichkeiten wie fehlende oder verdoppelte Zeilen erschwert. Der Zugriff ist interdisziplinär, denn stadtgeographische und stadthistorische Arbeiten werden durchweg berücksichtigt. Deshalb kann die Studie auch dem geographisch orientierten Leser empfohlen werden.

Autor: Franz-Josef Kemper

Quelle: Die Erde, 137. Jahrgang, 2006, Heft 1-2, S. 44-45

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