Katharina Fleischmann: Botschaften mit Botschaften. Von Raumbildern und einer Neuen Länderkunde. 332 S. Oldenburg (Wahrnehmungsgeographische Studien 24) 2008.

"Botschaften mit Botschaften" - die Autorin des zu besprechenden Werkes spielt im Titel mit der Polysemie des Wortes Botschaft, um die kulturtheoretische Ausrichtung ihrer Arbeit anzudeuten. Im Blickpunkt stehen Objekte der gebauten Umwelt, die in der Geographie nur selten Beachtung finden: Botschaftsbauten. Zur Debatte steht aber nicht (in erster Linie) deren Verteilung im Stadtraum oder deren Funktion für das städtische Gesamtsystem, sondern die Botschaft, die diese Botschaftsbauten transportieren, das heißt die symbolische Bedeutung, die sie durch ihre spezifische Bauweise, durch die verwendeten Materialien und durch ihre Platzierung vermitteln.

Botschaftsbauten repräsentieren, so die Grundannahme dieser Studie, ein bestimmtes Länderbild. Insbesondere bei Botschaftsneubauten, wie sie in Berlin nach 1990 in beträchtlicher Zahl entstanden sind, ist die Darstellung landestypischer Merkmale durchaus intendiert. Botschaften gelten als Aushängeschild und geben damit Aufschluss über das Selbstbild eines Landes. Sie sind nicht nur im staatsrechtlichen Sinne Repräsentationen, sondern repräsentieren aus kulturtheoretischer Sicht auch Vorstellungen, die die Erbauer (welche in der Regel die entsprechenden Regierungen sind) von ihrem Land haben und vermitteln wollen. Es versteht sich von selbst, dass die intendierte Darstellung eines Länderbildes nicht unbedingt mit den Interpretationen der Besucher und Passanten übereinstimmen muss. Ob die Botschaften gelesen und wie sie verstanden werden, steht auf einem ganz anderen Blatt. Folgerichtig analysiert Katharina Fleischmann in ihrer Untersuchung sowohl die intendierten Raumrepräsentationen als auch die Rezeption des Erscheinungsbildes und die Wahrnehmung der Botschaftsbauten.

Mit ihrem Interesse für die symbolische Bedeutung von Elementen der gebauten Umwelt ordnet sich Fleischmanns Studie dem Forschungsfeld der Neuen Kulturgeographie zu. Trotz der weitläufigen Rezeption von diskurs- und sprach- oder zeichentheoretischen Methoden gibt es in diesem Forschungsfeld bisher kaum Instrumente für eine Analyse der Bedeutung materieller Objekte. Fleischmann gelingt es, diese Lücke zu schließen, indem sie die Materialikonographie als Methode für die Untersuchung der intendierten Darstellung landestypischer Merkmale einführt. Aus Kunstwissenschaft und Architekturtheorie entlehnt, kann diese Herangehensweise auch (und gerade) in der Geographie bei der empirischen Erforschung der Bedeutung materieller Artefakte wichtige Dienste leisten. Fleischmann kommt das Verdienst zu, die materialikonographische Betrachtung erstmals als Methode für die Geographie verfügbar gemacht zu haben.

Als kulturgeographischer Beitrag zur Stadtforschung liefert die Studie viele spannende und aufschlussreiche Einblicke in ein bisher vernachlässigtes Thema: die Produktion von Raumbildern durch konkrete Gestaltung der baulichen Umwelt und deren unvorhersehbare Rezeption durch Bewohner und Besucher der Stadt. Gerade weil anhand der beiden eingehend analysierten und detailliert beschriebenen Botschaftsbauten (Indien und Südafrika) so viel über die Botschaften der Botschaften zu Tage gefördert wird, stellt sich am Ende allerdings ein leichtes Bedauern darüber ein, dass nur zwei Objekte empirisch bearbeitet wurden. Man würde gerne weiterlesen und Vergleiche mit anderen Botschaften ziehen. Auch so ist der Autorin jedoch eine Publikation gelungen, die zeigt, wie aktuelle kulturtheoretische Geographie in der Stadt betrieben werden und wie viel Erkenntnisgewinn in der Analyse eines einzelnen Gebäudes stecken kann.
Roland Lippuner

Quelle: Erdkunde, 65. Jahrgang, 2011, Heft 1, S. 88

 

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