Michaela Paal: Metropolen im Wettbewerb. Tertiärisierung und Dienstleistungsspezialisierung in europäischen Agglomerationen. Münster et al. 2005 (Forschungsbeiträge zur Stadt- und Regionalgeographie 1). 183 S.

Wer die Autorin kennt, schlägt das vorliegende Buch mit einiger Spannung auf, wartet man doch seit nunmehr einem halben Jahrzehnt auf die Publikation der Habilitationsschrift, mit der das Verfahren in Österreich abgeschlossen werden kann. Trotz Titelgleichheit handelt es sich bei dem dünnen Band sicher nicht um die genannte Schrift, wohl aber wurde die dafür angelegte Datenbank aktualisiert und die Länderbasis erweitert.

Es fragt sich also, ob den kritischen Stimmen zur Habilitationsschrift und der in einem EU-Projekt, das die Autorin im Vorwort nennt, aufgekommenen Kritik zu Theorie und Methode mit dem vorliegenden Band Rechnung getragen wurde. Der Anspruch jedenfalls, der erhoben wird, ist nicht gerade bescheiden: Sie konstatiert ein "methodisches Defizit" der bisherigen Metropolenforschung und sieht "die geographische Stadtforschung in Europa erst am Beginn eines langen Weges", für den der vorliegenden Arbeit offenbar Wegweiser-Funktion zugeschrieben wird. Dafür ist aber die theoretische Basis der Arbeit völlig unzureichend. Es werden zwar einige (ältere) theoretische Ansätze beschrieben, eine eigene theoretische Durchdringung oder gar Theoriebildung erfolgt nicht. So bleibt der für die Grundthese der Arbeit ausschlaggebende Zusammenhang von Wettbewerbsfähigkeit und Dienstleistungsspezialisierung theoretisch unbelegt. Da die Autorin aber kein Theorie-, sondern ein Methodikdefizit ortet, sei dies dahingestellt. Von ihr selbst angeregt, erweckt vielmehr die von ihr entwickelte Methodik ein besonderes Interesse. Diese beschränkt sich bei genauerem Hinsehen jedoch auf eine langatmige Diskussion der national unterschiedlichen Datenqualität, einem Bekenntnis zur seit 1994 bekannten morphologischen Metropolenabgrenzungsmethode der N.U.R.E.C. und einer komparativen Beschreibung von ISIC und NACE in Bezug auf Dienstleistungen. Die Autorin behauptet, dass sie sämtliche Agglomerationen nach der N.U.R.E.C.-Methode in ihren Grenzen aktualisiert und die Metropolen der Beitrittsländer überhaupt erstmalig abgegrenzt habe. Eine solche Arbeit beansprucht Personenjahre, und es wird an keiner Stelle dargelegt, wie dies bewerkstelligt wurde. Ebenso wenig erfahren die Leserinnen und Leser, wie die von der Autorin erstellte "projektbezogene Datenbank" mit den Problemen der Datenharmonisierung in Bezug auf Zeit, Raum und Qualität fertiggeworden ist. Dies aber wäre entscheidend gewesen, um die Qualität der folgenden Auswertungen abschätzen zu können. Es wäre auch eine Grundanforderung an eine wissenschaftliche Arbeit gewesen, die Ergebnisse transparent herzuleiten und demzufolge nachprüfbar zu machen. Indem die Autorin diese Transparenz nicht herstellt und sich der Nachprüfbarkeit entzieht, sind ihre Ergebnisse wissenschaftlich wertlos. Diese Kritik ist bereits der Habilitationsschrift gegenüber geäußert worden und hat zu negativen Urteilen geführt. Damals gehörte der Rezensent noch zu dem im Vorwort genannten Personenkreis der "Unterstützer", daher ist die Enttäuschung jetzt also umso größer. Man darf gespannt sein, wie die Arbeit der "Marburg Working Group on Comparative Urban Research" weitergeht und welche Qualität die Folgebände der Forschungsbeiträge zur Stadt- und Regionalgeographie haben werden. Es wäre sicher wünschenswert, wenn sie von einem Fachmann lektoriert würden, um zumindest die Terminologie an den Standard anzupassen. Wenn es dann noch gelingt, den wissenschaftlichen Standards zu entsprechen, hätte die Reihe eine Existenzberechtigung.

Autor: Axel Borsdorf

Quelle: Die Erde, 137. Jahrgang, 2006, Heft 1-2, S. 48-49

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