Meinhard Miegel: Exit. Wohlstand ohne Wachstum, Propyläen. Berlin 2010. 304 S.

Verf. stellt sich gegen den "Konsens von Parteien und Politikern" (12), der wirtschaftliches Wachstum als notwendiges Ziel und unabdingbare Voraussetzung für gesellschaftliches Wohlergehen und Wohlstand setze. Wachstum sei zur "Ideologie" geworden, zum "Wachstumswahn ", der "Züge des Metaphysisch-Religiösen" trägt und "keiner rationalen Begründung mehr" bedarf (56). Diese "Entrückung des Wachstums ins quasi Kultische" (ebd.) hat mehrere Generationen geprägt, die "mit einer gewissen Automatik in den Kategorien von Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstandsmehrung fühlen, denken und handeln" (28).

 

Doch durch den sorg- und arglosen Umgang mit den natürlichen/fossilen Ressourcen und Lebensgrundlagen habe sich die Menschheit geschichtlich zum ersten Mal in eine Situation gebracht, in der es "um wirkliche Existenzfragen" (95) gehe: "Die schöne Epoche" mit den "Annehmlichkeiten des Industriezeitalters [...] neigt sich dem Ende entgegen". Unsere "Art des Wirtschaftens, des Produzierens und Konsumierens", der "exzessive Verbrauch terrestrischer Substanzen" hat die "Erde in Bedrängnis" gebracht (88). Er prognostiziert eine langfristig anhaltende Entwicklung sinkender Wachstumsraten (89). Neben der - zunehmend wahrgenommenen - Endlichkeit natürlicher Ressourcen begründet er diese Annahme mit zwei weiteren Tendenzen: Die zunehmende Alterung und die abnehmende Bevölkerungszahl in den früh industrialisierten Gesellschaften lasse keine steigende wirtschaftliche Dynamik erwarten, biologisch alternde Gesellschaften würden "betulich und ängstlich und schätzen nichts höher als ihre Sicherheit" (128). Der Anstieg der Weltbevölkerung von 6,9 auf neun Mrd Menschen bis zum Ende des Jahrhunderts macht ein steigendes Pro-Kopf-Wachstum zur "wilden Phantasterei" (63). Dem stellt Verf. zentrale Zukunftsfragen entgegen: "Wie viel Wachstum und welches Wachstum wollen wir eigentlich?" (92) "Wie viel Wachstum ist möglich, ohne dass die Menschen daran Schaden nehmen?" (93) "Wie lebt es sich mit geringem oder keinem wirtschaftlichen Wachstum, wie mit wirtschaftlicher Schrumpfung?" (96) "Der eigentliche Gegenstand der Wachstumskontroverse ist nicht Wachstum, sondern Wohlstand." (159) Beide seien nicht deckungsgleich: "Wachstum ist nicht Wohlstand, sondern enthält allenfalls Wohlstandselemente. " (160) In vielen Bereichen der Erwerbsarbeit sei der Zusammenhang bereits entkoppelt, es "wird nur Wachstum, nicht aber Wohlstand erzeugt" (26). "Wachstum und materielle Wohlstandsmehrung sind für beachtliche Bevölkerungsteile nur noch leere Worte." (90) "Der Wohlstand des 21. Jh. ist ein anderer" (171). Hier setzt Verf. den zentralen Hebel zur ›Umwertung der Werte‹ an. Die Fixierung auf - gar zunehmenden - materiellen Wohlstand habe ausgedient: "Es geht nicht. Die Erschöpfung von Ressourcen, Umwelt, Mensch und Gesellschaft ist zu weit fortgeschritten." (165) Die "Wiederentdeckung und Entfaltung immaterieller Wohlstandsformen" (228) sei geboten.   Aber wer wird auf welchen Wohlstand verzichten und Neues erproben müssen? Rhetorisch bemüht sich Verf. um Ausgeglichenheit, in den früh industrialisierten Ländern seien Wohlhabende wie Nichtwohlhabende gefordert: "Die große Sause ist vorüber, die Bar geschlossen. [...] Für Durstige wie für Nichtdurstige steht auf dem Schild: ›Geschlossen‹." (165) Hauptsächlich gibt er seinen Lesern aber ideologisches und argumentatives Futter für bevorstehende Verteilungskämpfe: "Die Wirtschaft mag wachsen, stagnieren oder schrumpfen, die BIPZahlen steigen oder fallen - der materielle Wohlstand breitester Bevölkerungsschichten wird so oder so nur in eine Richtung gehen: abwärts." (175f) Ein zunehmend größerer Teil der Bevölkerung habe sich damit abzufinden, "auch ohne ›gutes Geld für gute Arbeit‹ tätig sein zu müssen" (185). Verf. äußert zwar die Auffassung, dass Armut "in wohlhabenden Ländern nur durch eine gleichmäßige Verteilung der erwirtschafteten Güter- und Dienstemenge beseitigt werden" könne (39), vernebelt aber die Möglichkeiten der Umverteilung von oben nach unten auf vielfache Weise. Denn der "Reichtum der Reichen" kann "real nur innerhalb enger Grenzen verteilt werden", da es sich dabei v.a. um Produktivkapital handelt, "weshalb eine gleichere oder gar gleiche Vermögensverteilung nur heißen kann, dass möglichst vielen Menschen ideelles Miteigentum an diesem Kapital eingeräumt wird" (178f). Der Staatssozialismus habe aber gezeigt, dass die "Vergesellschaftung von Produktivkapital" (179) den Wohlstand nicht erhöht, sondern gesenkt hat. Zum anderen schmeißt er absurde Zahlen und Behauptungen in die Manege, mit denen reale Besitz- und Einkommensverhältnisse verklärt werden sollen: "Denn auch die Reichen sind nicht mehr, was sie einst waren." (176) Der "Jo-Jo-Reichtum" (177) des 21. Jh. bedeute, das Wohlhabende rasch aufsteigen, aber ebenso schnell alles wieder verlieren können (ebd.). Außerdem würden "die wohlhabenden Schichten meist nur noch virtuell wohlhabender". Schließlich seien die privaten Vermögenswerte im Jahr 2008 um ein Achtel auf 63,7 Bil € gesunken. Ohne Quellenangaben behauptet Verf., nur wenige würden mit ihrem monströsen Reichtum noch aus der Einkommensskala herausstechen, bis zu 99 Prozent der Bevölkerung befänden sich "einkommens- und vermögensmäßig recht dicht beieinander" (180).

Strategien für einen ökologischen Gesellschaftsumbau finden sich nicht. Seine Konzept beruht auf zwei Säulen: Die eine besteht in der Senkung des Werts der Arbeitskraft und der Absenkung der Ansprüche des Einzelnen an Staat und Gesellschaft. Die zweite Säule soll die dadurch entstehenden materiellen Verluste durch das, was er "immateriellen Wohlstand " nennt, kompensieren.

"Alle Produktivfaktoren" seien "mit Preisen zu belegen, die [...] auch ihrer künftigen Knappheit Rechnung tragen. Dann wird sich zeigen, dass in den früh industrialisierten Ländern der Preis für menschliche Arbeit zu hoch, für viele Rohstoffe, aber auch Luft, Wasser und Boden hingegen zu niedrig ist. Sobald die Preise die wirklichen Knappheiten widerspiegeln [...] wird die menschliche Arbeitskraft eine Renaissance erfahren. Im Vergleich zu anderen Produktivfaktoren ist sie dann nämlich wohlfeil" (187). Dabei sollen die Menschen zunehmend weniger auf abhängige Beschäftigung angewiesen sein, bzw. zu eigenverantwortlicher Kombination mit Selbstständigkeit angehalten werden: "Wo immer möglich, sollte abhängige Beschäftigung gepaart sein mit profitabler selbstständiger Tätigkeit." (198)

Sozialversicherungssysteme sollen abgeschafft bzw. von Lohn- und Erwerbseinkommen entkoppelt werden. Finanziert werden sollen die Sozialsysteme im Wesentlichen über das allgemeine Steueraufkommen, v.a. Konsumsteuern (204). Der Staat werde außerdem "nicht umhinkommen, den breiten Strom materieller Leistungen spürbar einzudämmen" (201f). Der Politik spricht er Mut zu, damit offen umzugehen. Sinkende Alterseinkommen und Leistungskürzungen bei der Arbeitslosenversicherung sowie im Kranken- und Pflegebereich sind "politisch gewollt und in der Sache richtig" (202). Dadurch rückt für ihn "der schöne Traum von einer Bürgergesellschaft" (206) näher. Die "anonymen staatlichen Zahlungsströme " würden zurückgehen, sodass zwischenmenschliche Solidarität wieder erfahrbar werden könne, indem "Familienverbände vermehrt wirtschaftliche und soziale Funktionen übernehmen" (ebd.). Er träumt von einer Bedarfsgemeinschaft XXL, in der "jeder Einzelne" und "seine Familie und dann seine Freunde, Bekannten und Nachbarn alle ihre Möglichkeiten ausschöpfen müssen, ehe mit Hilfe vom Staat gerechnet werden kann" (ebd.). Verf. sieht darin den Wohlstand des 21. Jh. drastisch zunehmen, weil die "Lücken, die beim materiellen Wohlstand auftreten", durch "immaterielle Wohlstandsgewinne stabilerer zwischenmenschlicher
Beziehungen" gefüllt würden (ebd.).
Jan Latza (Berlin)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 475-477

 

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