Ulrich Päßler (Hg.): Alexander von Humboldt und Carl Ritter. Briefwechsel. Unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Berlin (= Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung 32) 2010. 320 S.

Jüngst schrieb Iris SCHRÖDER in ihrer für die Geschichte der Geographie bedeutenden Habilitationsschrift „Das Wissen von der ganzen Welt“, Paderborn 2011, S. 305, Anm. 166, dass der hier zu besprechende Band mit dem Briefwechsel Alexander von Humboldts und Carl Ritters zeige, „wie unangemessen es wäre, die methodischen Ansätze“ beider „als zwei gegensätzliche Modelle aufzufassen“ (Schröder 2011, S. 305). Auch der Herausgeber des Briefwechsels konstatiert einleitend ein „ähnliches Selbstverständnis“ Ritters und von Humboldts, die beide dem „Fortschrittsoptimismus“ (S. 14) ihres Jahrhunderts verpflichtet gewesen seien.

 

In der Tat sprechen eine ganze Reihe von Äußerungen in den abgedruckten Briefen für fundamentale Gemeinsamkeiten (übrigens ist der Titel etwas schief geraten, weil fast nur Briefe von Alexander von Humboldt an Ritter abgedruckt sind und von Wechsel keine Rede sein kann). Mehrere Briefstellen zeigen: Alexander von Humboldt überschlug sich geradezu mit Elogen auf Ritters Geographieverständnis (vgl. im vorliegenden Band S. 39, 79, 112, 146f.), dessen Gedankenreichtum er rühmte. Seine Darstellung sei anregend, anmutig, ja großartig, sie gehe in die historische Tiefe und biete im Gegensatz zu den auf pure Aktualität bedachten Engländern und Franzosen wirkliche Wissenschaft. Er, von Humboldt, giere nach Ritters Abhandlungen und brenne darauf, dem König daraus vorzutragen. Mit Ritter hatte nach von Humboldt geradezu ein neues Zeitalter der Geographie begonnen. Ritter wiederum stand, wie man aus seinen Arbeiten weiß, in seinen Lobreden auf von Humboldt diesem an hohen Formulierungen kaum nach und erklärte ihn zum Schöpfer der „vergleichenden Geographie“, so wie von Humboldt dies umgekehrt mit ihm tat. So stilisierten sie sich wechselseitig zu Gründerfiguren.

Freilich gibt es auch einen anderen Alexander von Humboldt, der z.B. Julius FRÖBEL (Ein Lebenslauf, Bd. 2, 1891, S. 67) nach dessen eigener Aussage auf ver-schiedene Schwächen Ritters, speziell des-sen „mystisch-doktrinäre Züge“, aufmerk-sam gemacht und ermutigt haben soll, seine Kritik an diesem auszubauen. Er schien Fröbel sogar so, als hätte er es gern gese-hen, wenn er sich zum „Gegner“ Ritters aufgebaut hätte. Und an einen befreundeten Mediziner schrieb von Humboldt, nachdem er in dem „bezauberten Schlosse“ von Rit-ters Erdkunde, konkret seinem Afrikaband
(2. Aufl. von 1822), vergeblich nach einer Information gesucht hatte, dieser sei bezüg-lich historischer Ereignisse ein oberfläch-liches „Machwerk“. „Man muß es anbeten, aber es ist ein heillos confuses Buch“ (We-stermann’s Jahrbuch 1864, S. 195). Wie man sieht, muss man mit hochtönenden Wertschätzungen durchaus vorsichtig um-gehen und sich fragen, ob ihr Nennwert nicht womöglich einer überhöflichen Kon-vention folgt und eine rhetorische Übertrei-bung darstellt.

Unabhängig davon geben die Briefe dem Fachmann, wie vom Herausgeber versprochen, einen interessanten Einblick in die „Arbeitsbeziehungen“ der beiden Wissenschaftler und ihre internationalen Kontakte, ob auch wirklich „eine neue Sicht auf Forschungsgegenstände und Forschungspraxis der Berliner Geographie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ (S. 11) eröffnet wird (Was ist neu gegenüber dem Bekannten?), erschließt sich mir nicht auf Anhieb. Auf jeden Fall aber wird deutlich: Vergleicht man die heutigen Kommunikationswege mit den damaligen Möglichkeiten (Wie komme ich an dieses oder jenes Buch heran?), so steigt die Hochachtung für den Wissenschaftsbetrieb der Ritter-Humboldt-Ära. Eine wichtige Rolle spielte seinerzeit das Überlassen von Manuskripten, Schriften und Karten. Hochachtung auch vor Alexander von Humboldt, der hellwach noch im Greisenalter die Forschungslandschaft verfolgte. Wenig verwunderlich sind angesichts des Erschließungsstandes der Erde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Überprüfungen geographischer Namen und die ausführliche Diskussion topographischer Angaben. Ist der Fluss eben jener, der dort hinein mündet? Stimmen die angegebenen Entfernungen, Längen und Höhen von Objekten? Wie lassen sich widersprüchliche Zeitungsnachrichten über geographische Sachverhalte erklären? Ausführlich werden die Resultate von Expeditionen und Messungen diskutiert. Auch die Rolle des Königs als neugieriger Interessent und Förderer der Geographie, der als wichtiger Geldgeber bei Laune gehalten und von Projekten überzeugt werden muss, wird deutlich. Politisches wird hier und da eingestreut, auch von Humboldts aufklärerische Einstellung blitzt verschiedentlich durch. Natürlich fällt für die Briefe auch mancherlei Banales ab, etwa wenn von Druckfehlern in der Staatszeitung berichtet wird („Hiebe lies Liebe“), was aber eher einer Ermüdung bei der Lektüre vorbeugt.

Handwerklich ist der Band in jeder Hinsicht exzellent ausgeführt: Glückwunsch!
Die Editionsprinzipien werden transparent gemacht und akribisch befolgt. Andeutungen und Bemerkungen, die sich selbst sachkundigen Lesern der Korrespondenz nicht von selbst erschließen, werden in Fußnoten präzise geklärt.

Zum Schluss sei noch einmal auf den durch Iris SCHRÖDER und den Herausgeber verneinten Unterschied zwischen Ritter und von Humboldt als Wissenschaftler zu sprechen gekommen: Es gibt bei aller Übereinstimmung gewiss auch Unterschiede, und zwar nicht nur den häufiger angeführten Unterschied zwischen dem Forschungsreisenden (von Humboldt) und dem „Stubengelehrten“ (Ritter). Die vielfach herausgestellte doppelte Traditionslinie der Geographie – hier die auf Alexander von Humboldt zurückgeführte naturwissenschaftliche, dort die auf Carl Ritter zurückgeführte historische – ist nicht aus der Luft gegriffen und kann nicht als reine Fehlwahrnehmung abgetan werden. Wer eine im Kern naturwissenschaftliche Geographie favorisierte, fand eher in von Humboldt eine Berufungsinstanz, wer das Mensch-Natur-Verhältnis als historischen Entwicklungsgang betrachtete, sah sich eher in der Nachfolge Ritters. Nach Ritters Tod gab es zeitweise sogar eine regelrechte Distanzierungswelle von seinem Geographieverständnis, das in eine Sackgasse geführt habe, und eine Berufung auf von Humboldt als den eigentlichen Begründer einer neuen Epoche der Geographie. Um zu einer Klärung der Frage nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Berliner Monumente beizutragen, muss man allerdings in die Werke der beiden einsteigen. Die in dem vorliegenden Band präsentierten Briefe von Humboldts und die wenigen Ritters geben hierfür jedoch nichts her.

Hans-Dietrich SCHULTZ, Berlin

Berichte zur deutschen Landeskunde, Bd. 85, H.2, 2011, S. 216-217

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