Stefan Brauckmann: Eisenbahnkulturlandschaft. Erlebbarkeit und Potentiale. Stuttgart 2010. 386 S.

Die als Dissertation an der Universität Hamburg eingereichte Abhandlung beschreibt ausführlich Entwicklung, Zustand und Folgenutzung der regionalen Eisenbahnnetze in den Landkreisen Herzogtum Lauenburg (östlich von Hamburg) und Demmin (südöstlich von Greifswald) im Vergleich. Damit ist auch schon ein wesentliches Problem des gewichtigen Werkes angesprochen: Der Inhalt entspricht nicht völlig der Erwartungshaltung beim Lesen des Titels.

So wird aus dem Titel nicht erkennbar, dass es sich um eine vergleichende Fallanalyse handelt, in die zwar auch gut und interessant aufbereitet die Rahmenbedingungen der Eisenbahnentwicklung und ihrer Infrastruktur eingebettet sind, diese jedoch nur den Rahmen für die detailreich dokumentierten Fallbeispiele bieten. Ergänzt werden diese Ausführungen ferner durch Darstellungen und Analysen der Einrichtung von Draisinenfahrten zur touristischen Folgenutzung stillgelegter Bahnstrecken. Der ursprüngliche Titel der Dissertation "Nutzungspotentiale stillgelegter Eisenbahnliegenschaften im ländlichen Raum. Steigerung der Erlebbarkeit von Eisenbahnkulturlandschaft insbesondere durch Draisinen-Tourismus. Am Beispiel der Landkreise Demmin und Herzogtum Lauenburg" wird dem Inhalt besser gerecht, ist durch seine Länge und Zusammensetzung aus drei Satzfragmenten jedoch kaum als verkaufsfördernder Titel für die Veröffentlichung geeignet. Bedauerlich ist, dass so mancher an einzelnen behandelten Aspekten Interessierte den Inhalt nicht vermittelt bekommt.

So drohen die Erläuterungen zur phasenweisen Entwicklung des Eisenbahnnetzes in Deutschland insgesamt und den beiden Untersuchungsgebieten im Besondern nicht wahrgenommen zu werden. Diese Darstellungen sind jedoch für den eisenbahninteressierten Leser eine attraktive Ergänzung zur in Eisenbahnerkreisen verbreiteten Epochengliederung, die sich auf die Fahrzeugtechnik und -gestaltung bezieht. Die Passagen zu den Kulturlandschaftselementen der Eisenbahn beinhalten für den mit dem Objekt vertrauten Leser - und wer ist das eigentlich als Bahnnutzer nicht? - wenig Neues, denn beispielsweise Typisierungen von Brücken müssen im Rahmen dieser Arbeit zwangsläufig unvollständig bleiben. Die empirischen Arbeiten in den beiden Untersuchungsgebieten, namentlich die Kartierungen von Art und Anteil verschiedener Folgenutzungen nach Stilllegungen, münden in ausführliche tabellarische Teilstreckensteckbriefe, die Bau, Betrieb, Weiterentwicklung, Einstellung und Folgenutzung in Datenübersichten zusammenstellen. Folgerichtig schließen sich hier systematische Darstellungen zu Inwertsetzungsmöglichkeiten aktiver und stillgelegter Bahnanlagen und -strecken an. Die Idee, Draisinenfahrten als Tourismusangebot anzubieten, hat den Autor offensichtlich besonders begeistert. Hierzu hat er detaillierte Analysen durchgeführt, die von der Sichtung des bundesweiten Angebots an Draisinenfahrten, die verschiedenen Betriebskonzepte bis hin zur Akzeptanz durch die Nutzer und deren Wahrnehmung der Bahnstrecken reicht.

Hierin drückt sich das breite Spektrum der behandelten Aspekte aus, die unter dem Oberbegriff der Eisenbahnkulturlandschaft zusammengefasst werden. Diese detailreiche Dokumentation der verschiedensten Aspekte wurde in der Besprechung von kf (Modelleisenbahner 9/2011, S. 24) bereits als "gründliche wissenschaftliche Abhandlung" über sinnvolle Nachnutzungen charakterisiert. Schade nur, dass die sorgfältig zusammengestellte regionale Eisenbahngeschichte der beiden Untersuchungsgebiete unter diesem Oberbegriff kaum noch wahrgenommen wird.

Jürgen Herget

Quelle: Erdkunde, 66. Jahrgang, 2012, Heft 1, S. 77

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