Johannes Kammer: Die Windenergieindustrie. Evolution von Akteuren und Unternehmensstrukturen in einer Wachstumsindustrie mit räumlicher Perspektive. Stuttgart 2011. 333 S.

Auf der Windenergieindustrie ruhen derzeit große Hoffnungen, die Ziele der sogenannten Energiewende zu erreichen. Die vorliegende Diss. ist somit zu einem sehr günstigen Zeitpunkt erschienen. Als hervorragender Branchenkenner liefert der Autor einen einzigartigen Einblick in die Entstehungsgeschichte dieser vergleichsweise jungen Wachstumsindustrie.

In der Arbeit werden zwei übergeordnete Zielsetzungen verfolgt: Erstens wird die Frage aufgeworfen „Wer ist die Windenergieindustrie“? Um diese Frage zu beantworten, werden entlang der Wertschöpfungskette die verschiedenen Tätigkeiten einschließlich der jeweiligen Akteure im Detail erfasst und es wird dargelegt, wie die Wertschöpfungskette strukturiert ist. Darauf aufbauend erfolgt die Bearbeitung der zweiten Leitfrage „Wie haben sich welche räumlichen Strukturen gebildet?“ Der Argumentationsgang der Arbeit orientiert sich theoretisch-konzeptionell an dem dynamisch-evolutionären Ansatz industrieller Entwicklungspfade nach STORPER/WALKER 1989.


Bezüglich des gewählten Untersuchungsgegenstands Windenergieindustrie ist die Arbeit ausgesprochen reich an Informationen und gewährt umfangreiche Einsichten in eine Branche, die aktuell viel Aufmerksamkeit erfährt. Überzeugend wird argumentiert, dass zum genauen Verständnis der Evolution einer neuen Wachstumsindustrie eine auf einzelne Untersuchungsregionen fokussierte empirische Analyse zu kurz greift. Der Autor hat demgegenüber eine Vollerhebung aller relevanten Unternehmen vorgenommen, die in den ca. 35 Jahren dieser Industrie tätig waren, um die organisatorischen und räumlichen Strukturen sowie deren Entwicklung aufzuarbeiten. Dadurch gelingt es ihm, nicht nur Erfolgsgeschichten nachzuzeichnen, sondern auch Irrwege und gescheiterte Entwicklungspfade zu erfassen. Dies mündet in der Identifizierung zentraler Selektionskriterien, welche für das Scheitern oder Überleben der Unternehmen von entscheiden-der Bedeutung gewesen sind. In diesen Aspekten hebt sich die Arbeit positiv von vielen vergleichbaren Studien ab. Die enorme Tiefe der Branchenkenntnisse des Autors gibt letztlich den Ausschlag, dass die Beantwortung der bei-den übergeordneten Fragestellungen überzeugend gelingt.


Auf der theoretischen Ebene fällt die Beurteilung etwas weniger euphorisch aus. Der theoretische Rahmen ist einerseits solide abgesteckt und auch gut mit den empirischen Ausführungen verzahnt. Der Argumentationsgang wird durch die gelegte theoretische Basis gelungen strukturiert. Andererseits entspricht der Theorieteil nicht immer dem derzeitigen Stand evolutionärer wirtschaftsgeographischer Diskussionen. Ein Beispiel, wie das hervorragende empirische Material mit einem etwas aktuelleren theoretischen Rahmen gewinnbringend analysiert und interpretiert werden kann, hat der Autor selbst in seinem lesenswerten Aufsatz zur Überlebensanalyse dänischer und US-amerikanischer Windanlagenhersteller geliefert (MENZEL/KAMMER 2011). Um die Theorie der industriellen Entwicklungspfade anhand der durchgeführten Branchenstudie sinnvoll weiter zu entwickeln, wäre zudem eine intensivere Auseinandersetzung bezüglich der Rolle der Politik erforderlich gewesen. Der Autor zeigt beispielsweise detailliert auf, wie in Portugal, Kanada, Spanien, Brasilien oder China verschiedene Maßnahmen angewendet wurden, um die Standortentscheidungen der Hersteller zu beeinflussen und einen Markt für die Windenergieindustrie zu bereiten. Die verarbeitete theoretische Literatur, aber auch viele andere Branchenstudien schenken dem Aspekt,ob die räumlichen Strukturen einer Branche im Entwicklungsverlauf politisch gestaltbar sind,vergleichsweise selten Aufmerksamkeit. Angesichts der weitreichenden Bedeutung politischer Entscheidungen für die Windenergieindustrie stellt sich somit die Frage, ob der verwendete theoretische Deutungsrahmen nur eingeschränkt geeignet gewesen ist, um das Wachstum und die Evolution dieser Branche zu betrachten. Oder, positiv gewendet, könnten die empirischen Erkenntnisse besser genutzt werden, um die Theorie weiter zu entwickeln, indem die Rolle politischer Akteure stärker als bislang integriert wird. Der Autor kommt selbst zu dem Schluss, dass die verwendete Theorie „zwar durchaus eine günstige Strukturierungs- und Erklärungshilfe [war], jedoch musste sie flexibler angewendet werden als vorhergesehen“ (vgl. 287). Die gemachten Ausführungen bestätigen jedoch, dass die vor-liegende Publikation als sehr detailreiche Branchenstudie eine gute Grundlage bietet, eigene Gedanken zu entwickeln und gängige Theorieansätze zu hinterfragen. Die Lektüre kann daher jedem empfohlen werden, der sich für die Windenergieindustrie interessiert.
Ingo Mossig, Bremen

Literatur
MENZEL, M.-P./KAMMER, J. (2011): Unterschiede der Evolution von Industrien in Varieties of Capitalism – eine Überlebensanalyse der Windanlagenhersteller in Dänemark und den USA. In: Geographica Helvetica, (66)4, 243-253.
STORPER, M./WALKER, R. (1989): The capitalist imperative. Territory, technology, and industrial growth. New York, Oxford.

Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg.56 (2012) Heft 4, S. 284 - 285

Kommentar schreiben