Adekeye Adebajo: The Curse of Berlin. Africa After the Cold War. London 2010. 414 S.

Der Titel umreißt das Grundmuster der Argumentation: Die Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 hat die Grundlagen für die Kolonialherrschaft in Afrika gelegt, und die Folgen dieser Herrschaft bestimmen nach wie vor wesentlich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso wie die Politik auf dem Kontinent. Diese weder ganz falsche, noch sonderlich originelle Grunddisposition wird in 14, meist auf früheren Veröffentlichungen des Autors beruhenden Kapiteln durchgespielt, die etwa gleichmäßig dem Streben nach Sicherheit, Hegemonie und Einheit zugeordnet sind.

Dabei bemüht sich Adebayo, längere Kontinuitätslinien auszuziehen. Er interpretiert den von der Berliner Konferenz ausgehenden „Fluch“ recht wörtlich. Dieser sei wirksam nicht nur, was die gegenwärtigen Grenzen afrikanischer Staaten angeht, sondern etwa auch in Abhängigkeit und Marginalisierung. Letztere macht er nicht zuletzt an der mangelnden Bereitschaft des „Westens“ zur Intervention in afrikanische Konflikte, zumal während der 1990er Jahre fest (32), während ihm etwa die Gendarmen-Rolle Frankreichs auf dem Kontinent in den Jahrzehnten zuvor verständlicherweise weniger willkommen erscheint. Leider verzichtet Adebayo aber darauf, solche Ambivalenzen, die sich ja durchaus auch auf reale, dilemmatische Situationen beziehen können, zu diskutieren und aufzuklären. Ähnlich verhält es sich mit seiner stellenweise durchaus informativen, aber letztlich lückenhaften Darstellung und Bewertung des Einflusses Chinas, Indiens und in geringerem Maß auch Brasiliens. Hier tritt deutlich eine Präferenz zutage, den globalen Süden als relativ einheitlichen Akteur zu behandeln, auch wenn andernorts die Einsicht durchscheint, dass gerade die VR China inzwischen dabei ist, ins Lager der Arrivierten zu wechseln. An solchen Stellen vermisst man jedoch schmerzlich eine Reflektion auf die Konsequenzen solcher Beobachtungen.

Durchgängig tritt eine Tendenz zu Metaphorik und Personalisierung zutage, die zuweilen merkwürdige Blüten treibt. Das gilt zum einen für die Zentrierung eines Großteils der Überlegungen auf durchwegs männliche afrikanische Heldengestalten, die Adebayo unablässig miteinander vergleicht, zum anderen für den Hang zu einer merkwürdigen Zahlenmystik. Schon im Vorwort von Ali A. Mazrui werden wir etwa darauf hingewiesen, dass das Buch 125 Jahre nach der Berliner Konferenz und 20 Jahre nach dem Mauerfall erschienen ist. Adebayo fügt dem unermüdlich weitere Hinweise hinzu, deren Höhepunkt er vielleicht mit Feststellungen der Art erreicht, Jesus und Gandhi verbinde unter anderem, dass sie beide an einem Freitag umgebracht wurden, Nelson Mandela und Cecil Rhodes immerhin, dass sie beide lange Zeit in Kapstadt gelebt hätten – Mandela freilich auf Robben Island. Ich muss gestehen, dass meine Geisteskraft nicht ausreicht, den Sinn solcher bedeutungsschwangeren Überlegungen zu erschließen, die mich durch die Lektüre hindurch verfolgt haben. Der Hang zur diffusen Assoziation, gepaart mit der Annahme, wer immer irgendwie mit Afrika zu tun habe, müsse auch für Afrika etwas tun, dürfte noch problematischer sein, wenn die „Obamania“, die 2008/09 zumal in Kenya weit verbreitet war, soweit ernst genommen wird, dass Adebajo an keiner Stelle klar den entscheidenden Sachverhalt benennt – der verschiedentlich als „Kenyan Kansan“ apostrophierte Präsident der USA vertritt unweigerlich in erster Linie die Interessen der zumindest vorläufig noch einzigen Supermacht. Auch wer panafrikanische Bestrebungen durchaus mit Sympathien verfolgt, muss sich fragen, ob hier ideologische Scheuklappen nicht die Illusion einer Nähe produzieren, die schlimmstenfalls gefährlich in die Irre führen kann.

Reinhart Kößler

PERIPHERIE Nr. 125, 32. Jg. 2012, S. 132-133

 

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