Kristina Dietz:  Der Klimawandel als Demokratiefrage. Sozial-ökologische und politische Dimensionen von Vulnerabilität in Nicaragua und Tansania. Münster 2011. 320 S.

Die Folgen des Klimawandels fallen nicht zu jeder Zeit, an jedem Ort und für alle gleich aus. Was bedingt die unterschiedliche Vulnerabilität (Verwundbarkeit) von Menschen gegenüber zunehmenden Temperaturen, Niederschlagsvariabilitäten und Extremwetterereignissen? Dieser Frage nähert sich Dietz in ihrer Dissertation aus einer Perspektive, die sich gegen ein ökozentrisches Verständnis des Klimawandels als dem Gesellschaftlichen äußerlicher Einflussfaktor wendet. »Vulnerabilität ist politisch«, lautet ihre zentrale These (265). Ob und wie Menschen individuell und kollektiv mit Klimawandelfolgen umgehen können, »wird dadurch bestimmt, inwiefern [sie] über formale und informelle Wege Interessen artiku-lieren und die Gestaltung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse sowie die Verteilung von Zugangsrechten zu (im-)materiellen Gütern politisch beeinflussen können« (ebd.).

 

Diese These entwickelt Verf. in zwei empirischen Fallstudien zu den ländlichen Regionen León/Chinandega in Nicaragua und Morogoro in Tansania. Ihr theoretischer Ausgangspunkt ist dabei die in der Politischen Ökologie weit verbreitete, im deutschsprachigen Raum bes. von Christoph Görg im Konzept der »gesellschaftlichen Naturverhältnisse« entwi-ckelte Annahme, dass das Verhältnis von Gesellschaft und Natur wechselseitig konstitutiv vermittelt ist. Verwundbarkeit gegenüber Klimawandelfolgen versteht Verf. als »historisch eingebettetes und kontextualisiertes Phänomen, das über soziale und politische Prozesse in Wechselwirkung mit den materiell-stofflichen Folgen des Klimawandels produziert und reproduziert wird« (13). Um dieses Phänomen empirisch untersuchen zu können, entwickelt sie ein dreidimensionales Analysekonzept, das eine sozial-ökologische, soziale und politische Dimension von Vulnerabilität unterscheidet, die sich empirisch vielfach überlagern. Um die komplexen Bedingungsgefüge von Vulnerabilität theoretisch fassen und empirisch verstehen zu können, bezieht sich Verf. auf einen raumtheoretischen Zugang aus der Radical Geography, bes. der politics of scale, Theorien sozialer Ungleichheit sowie machtsensible Konzepte von Partizipation und Teilhabe. Scale bezeichnet hier räumliche Maßstabsebenen (von lokal bis global), die – anders als in herkömmlichen Mehrebenen-Ansätzen – nicht als starr und hierarchisch verstanden werden. Verf. untersucht im Hinblick auf Vulnerabilität, wie sich diese Ebenen zueinander verhalten und politisches Handeln beeinflussen, und zeigt dabei, dass oft bereits umkämpft ist, auf welcher Ebene ein Problem und die Verantwortung für seine Lösung anzusiedeln ist. Die lokalen Handlungsspielräume von Menschen im Umgang mit Klimawandelfolgen analysiert Verf. u.a. mit Andrea Cornwalls Konzept der spaces of participation, das – unter Rückgriff auf Henri Lefebvre – Räume politischer Aushandlung stets als von Macht durchdrungen auffasst.

Obwohl sich beide Regionen hinsichtlich der Geschichte der Kolonialisierung und Dekolonialisierung und ihrer vielfältigen sozialen und politischen Spuren unterscheiden, identifiziert Verf. bemerkenswerte Gemeinsamkeiten der Bedingungsgefüge von Vulne-rabilität. So stelle die Aneignung von Natur stets einen herrschaftsförmig gestalteten und von Machtverhältnissen durchzogenen Prozess dar. Dieser bedinge nicht nur die soziale Vermitteltheit von Vulnerabilität über Strukturkategorien wie race, Klasse, Ethnizität, Geschlecht und Generation. Er sei auch grundlegend für den politischen Gehalt von Vulnerabilität: Um die Handlungsspielräume marginalisierter Gruppen im Umgang mit Klimawandelfolgen zu erweitern, genügten institutionelle und prozessuale Reformen im Rahmen formeller ›Demokratisierung‹ und ›Dezentralisierung‹ nicht. Über sie hinaus seien Umverteilung und Anerkennung notwendig, »damit gesamtgesellschaftlich darüber debattiert werden kann, wie der Zugang zu und die Nutzung von natürlichen Ressourcen, der Zugang zu Produktions-und Konsumgütern und zu sozialen Dienstleistungen, die Normen der Produktion und des Konsums sowie der Wissensproduktion und -verfügbarkeit gestaltet werden sollen« (270).

Verf. identifiziert das Politische als entscheidenden Faktor für die Herausbildung von Vulnerabilität und damit einhergehend für die »Erklärung von Handlungs -und Anpassungsmöglichkeiten« (251). Die Fallstudien, die u.a. auf leitfadengestützten Interviews mit Angehörigen nationaler Ministerien, Nichtregierungsorganisationen, lokaler Verwaltungen und Regierungen sowie mit Bäuerinnen und Bauern beruhen, sind empirisch gehaltvoll. Verf. fragt danach, welche formellen und informellen Möglichkeiten der Partizipation von der lokalen bis zur nationalen Ebene politischer Aushandlung bestehen und was dies für die Handlungsspielräume ländlicher Armutsbevölkerungen bedeutet. Es wird deutlich, dass keineswegs nur umwelt-und klimapolitische Maßnahmen, sondern v.a. Land-, Sozial- und Armutspolitik darüber entscheiden, inwieweit Menschen auf veränderte Temperaturen und Niederschläge reagieren können. Marginalisierte Gruppen haben kaum Zugang zu formellen Räumen der Partizipation, wie sie z.B. infolge der Kritik an den Strukturanpassungsprogrammen der Bretton-Woods-Institutionen eröffnet wurden, und können somit staatliche Politiken schwer beeinflussen, die ihre Handlungsspielräume im Umgang mit klimatischen Bedingungen jedoch entscheidend prägen.

In ihrer anspruchsvollen Studie bindet Verf. mehrere theoretische Zugänge zu einem komplexen, aber konsistenten Ansatz zusammen. Sie bietet keine einfachen Definitionen oder kausalen Erklärungen für Vulnerabilität. Wer allerdings die Einschätzung teilt, dass Natur nicht ohne Gesellschaft und Materie nicht ohne Diskurs zu denken ist, stellt in der bestehenden sozialwissenschaftlichen Literatur zu den Folgen des Klimawandels erhebliche theoretische Defizite fest. So werden Fragen von Vulnerabililtät und Anpassung bislang kaum an Gesellschaftstheorie rückgebunden. Wo Klimawandel als ›globales Problem der Menschheit‹ aufgefasst wird, geraten die Differenzen im Umgang mit Klimawandelfolgen aus dem Blick. Nicht zuletzt fehlt eine theoretische Debatte über das komplexe Verhältnis lokaler, nationaler und globaler Ebenen in Bezug auf Vulnerabilität und Anpassung, die dieses nicht hierarchisch vereinfacht. Diese Defizite zu beheben, leistet Verf. einen wichtigen Beitrag.
Bettina Engels (Berlin)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 484-486

Lesen Sie auch die Besprechung von Sybille Bauriedl.

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