Uwe Altrock und Grischa Bertram (Hg.): Wer entwickelt die Stadt? Geschichte und Gegenwart lokaler Governance.Wer entwickelt die Stadt? Akteure, Strategien, Strukturen. Bielefeld 2012. 350 S.

Anliegen und Ausgangspunkt des Sammelbands ist die Exploration eines neuen Analyseansatzes für die Planungswissenschaften, insbesondere der Stadtplanungswissenschaft, der zum einen die Rolle der Wirtschaft in der Stadtentwicklung stärker in den Blick nimmt und zum anderen Beziehungen zwischen Akteursgruppen und die daraus entstehenden Folgen für die Stadtentwicklung untersucht. Dieser Analyseansatz wird als „Governance-Perspektive“ bezeichnet, welcher „eine Erforschung der Einflüsse unterschiedlichster nicht-staatlicher Akteure auf die Stadtproduktion“ (S. 12) zum Ziel hat. Dadurch, so die Herausgeber, soll „auf zwei Ebenen eine neue Sichtweise“ deutlich werden, indem sie zum einen dazu herausfordert, die „Kräfteverhältnisse zwischen den gesellschaftlichen Sphären im Dynamischen Feld der Stadtproduktion empirisch zu bestimmen“ und zum andern soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass „die Form und Intensität der Interaktion zwischen den beteiligten Akteuren relevant [ist] für die Stadtproduktion“ (S. 11). Die Autorinnen und Autoren sind nicht nur in den Planungswissenschaften, sondern auch in anderen Disziplinen der Stadtforschung verankert (Architektur, Stadt- und Regionalplanung, Städtebau, Stadtgeographie, Stadtsoziologie).

 

Nach einer Einführung, in der das Anliegen des Sammelbands erläutert wird, umreißt Klaus Selle diese dem Band zu Grunde liegende Governance-Perspektive als „spezifische Beschreibungs- und Analyseform“ (S. 47), welche „hilft, Akteure, Interdependenzen und Raumbezüge ‚elementar‘ zu verstehen“ (S. 46). Darauf folgen vier inhaltliche Blöcke, die die Rolle unterschiedlicher Akteursgruppen und Akteurskonstellationen in der Stadtproduktion zwischen 1600 und 1975 (mit einem Schwerpunkt auf den Zeitraum 19./20. Jahrhundert) in den Blick nehmen; so geht es zunächst um das „Staatsverständnis im Wandel“, dann um „Staatliche Aufgabenerledigung im Wandel“, um „Unternehmerische Stadtentwicklung“ und zuletzt um „Zivilgesellschaft im Wandel“.

In insgesamt zwölf detailreichen und angenehm zu lesenden Fallstudien, vorwiegend aus Deutschland, untersuchen die Autorinnen und Autoren stichprobenartig das Verhältnis von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Auf ganz unterschiedliche Weise wird deutlich, dass viele Akteurskonstellationen bereits früher existierten. Als begrenzende Rahmenbedingung für ihr Anliegen benennen die Herausgeber die Schwierigkeit, geeignete Daten zu historischen Fallbeispielen zu finden, welche Rückschlüsse auf die Einflüsse und Beziehungen unterschiedlicher Akteure in der Stadtproduktion geben könnten. Für die dennoch daraus entstehenden Möglichkeiten ist das Buch Beleg. Entsprechend können und müssen die einzelnen Kapitel auf ganz unterschiedliche Aspekte eingehen und teilweise auch Vergleiche zwischen gleichzeitig stattfindenden Projekten der Stadtproduktion anstellen: So kann zum Beispiel Hildegard Schröteler-von Brandt in ihrem Beitrag „Stadtbaupläne in der rheinischen Provinz im frühen 19. Jahrhundert“ intensiv auf Konflikte zwischen Akteursgruppen eingehen, da diese belegbar sind; andere Autorinnen und Autoren müssen sich auf eine Beschreibung des Planungs- und Bauablaufs sowie der beteiligten Akteursgruppen beschränken.

Einzelfallstudien im Band gehen u.a. auf die Bedeutung veränderter politischer Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Idealvorstellungen für Stadtproduktion und beteiligte Akteursgruppen ein (Gerhard Fehl über „Fürstenwille und Bürgerwille bei der Stadtplanung. Zur Stadterweiterung von Hanau a. M. um 1600“, Jan Volker Wilhelm zu „Auf dem Weg zur idealen Stadt. Die Ausprägung der lokalen Govnernance in Göttingen“ und Otto Kastorf zu „Konkrete Utopie. Peter Rehders Gutachten ‚Die bauliche und wirtschaftliche Ausgestaltung und Nutzbarmachung der lübeckischen Hauptschiffahrtsstraßen‘“). Andere Fallstudien konzentrieren sich auf die Rolle städtischer Wirtschaftsakteure (wie u.a. Renate Kastorff-Viehmann zu „Die Stadt der Unternehmer. Oder: Das diskrete Geschäft der kleinen Bourgeoisie“) oder die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure wie u.a. Ulla Terlinden zu „Kommunale Wohnungsversorgung als Tätigkeitsfeld der ‚bürgerlichen Frauenbewegung‘ in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg“.

Darüber hinaus finden sich auch vergleichende Fallstudien im Sammelband, wie zum Beispiel die Beiträge von Friedhelm Fischer zur Governance von Gartenstädten („Zur Governance der Gartenstadt. Magdeburg zwischen ‚Rotenburg‘ und ‚Protzenheim‘“), von Steffen Krämer zu Arbeitersiedlungen („Deutsche Unternehmer und ihre Arbeiterkolonien im 19. und frühen 20. Jahrhundert“), von Celina Kress zu zwei Berliner Bauunternehmen („Haberland und Sommerfeld. Akteure und Strukturwandel in der Berliner Stadtentwicklung vor und nach dem Ersten Weltkrieg“). Diese machen die Gleichzeitigkeit von Stadtproduktion deutlich, dass zum gleichen Zeitpunkt ganz unterschiedliche Akteurskonstellationen Stadt produzierten. Und durch internationale Beispiele wird auch die Bedeutung der rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich, zum Beispiel in einem transnationalen Vergleich, dem Beitrag von Dirk Schubert „Governancestrukturen, Pfadentwicklungen und räumliche Auswirkungen auf das Verhältnis von Stadt- und Hafenentwicklung in London und Hamburg“ sowie je einer Fallstudie von Barbara Schönig zu „Der ‚Regional Plan for New York and Its Environs‘ und die Macht zivilgesellschaftlicher Kompetenz in Zeiten gesellschaftlicher Krise“ und von Ingrid Lübke zu „Die Rotterdamer Projektgruppen. Ein Beispiel für lokale Governance beim behutsamen Umbau der Stadt in den 1970er und 1980er Jahren“.

Im abschließenden Kapitel werden diese ganz unterschiedlichen und vielfältigen Eindrücke und Anregungen, die man beim Lesen gewinnt, zusammengefasst und im Hinblick auf eine Ausweitung bzw. Verfeinerung der Governance-Perspektive diskutiert. Es handelt sich dabei notwendigerweise, und wie die Herausgeber schreiben, um „erste tastende Schritte“ (S. 304), um punktuelle Stichproben, aus denen sich vielfältigste Anknüpfungspunkte und Forschungsfragen ergeben können. Deutlich wird auf jeden Fall, dass es zu keinem historischen Zeitpunkt nur einen Lösungsweg gab, dass vielmehr ganz unterschiedliche Entwicklungsmodelle mit unterschiedlichen Akteursgruppenkonstellationen parallel existierten. Über die Erkenntnis hinaus, dass Planung schon seit vielen Jahrhunderten auch von Nicht-Planern bestimmt war, folgern die Herausgeber auf Grundlage der Beispiele, dass enge Kooperationen zwischen Staat und Wirtschaft vor allem in Zeiten des Strukturwandels von Bedeutung seien (hierdurch erklären sich dann auch die „Wandel“-Überschriften der vier Abschnitte); wann die Zivilgesellschaft in der Stadtproduktion an Bedeutung gewinnt, das bleibt, wie die Herausgeber betonen, leider noch im Unklaren. Insofern lohne es sich durchaus, zukünftig in den Planungswissenschaften sowohl Akteurskonstellationen stärker in den Blick zu nehmen als auch stärker mit anderen Disziplinen der Stadtforschung und insbesondere den Historischen Wissenschaften zusammenzuarbeiten, um heutige Prozesse der Stadtproduktion besser zu verstehen.

Ein Erkenntnisgewinn für die Leserinnen und Leser erfolgt zunächst daraus, dass alle Autorinnen und Autoren direkten Bezug nehmen auf die Ausgangsthesen und -fragen des Buchs bzw. der Tagung 2007 in Kassel, auf der dieses Buch basiert. Was im Weiteren u.a. fehlt, und auch das benennen die Herausgeberinnen und Herausgeber, sind einerseits Theorien und Modelle, die den Einfluss von Akteuren sowie Zusammenhänge zwischen politischem System und Stadtentwicklung erklären und andererseits systematische Ansätze, aus denen Erkenntnisse für die heutige Stadtproduktion gezogen werden könnten. Aufgrund des oben bereits angedeuteten Problems der Quellenverfügbarkeit ist dies wahrscheinlich schwierig. In der Folge stellt sich bei der Lektüre der Fallbeispiele die anregende Frage, ob und in welcher Form diese als exemplarisch verstanden werden können, welche Beiträge Disziplinen außerhalb der Stadtforschung leisten könnten – und nicht zuletzt, ob die Unterteilung in wirtschafts-, politik- und zivilgesellschaftliche Akteure auch zukünftig ausreichend und zielführend sein wird.
Carolin Schröder

Quelle: Erdkunde, 66. Jahrgang, 2012, Heft 4, S. 374-376

 

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