Martina Grimmig: Goldene Tropen. Die Koproduktion natürlicher Ressourcen und kultureller Differenz in Guayana. Bielefeld 2011. 293 S.

Im Zuge einer steigenden globalen Nachfrage lässt sich weltweit – jedoch vor allem in Lateinamerika, Afrika und Asien – eine verstärkte Rohstoffausbeutung beobachten. Diese ist einerseits durch Intensivierung, Effizienzsteigerung und Mechanisierung sowie andererseits durch die Inwertsetzung bisher als „wertlos“ oder „leer“ beschriebener Räume und Naturelemente gekennzeichnet. Natur wird dabei nicht nur zerstörerisch angeeignet, sondern auch im Namen der Nachhaltigkeit, des Klimaschutzes und der Sicherung der biologischen Vielfalt mit dem Ziel kommodifiziert, Schutz, Aneignung und Verwertung miteinander zu vereinen.

 

Während in diesem Zusammenhang immer wieder die negativen Auswirkungen kapitalistischer Naturaneignung für lokale Bevölkerungsgruppen und Ökosysteme betont werden, bleibt die Frage meist unbeantwortet, wie sich diese Aneignungsformen und Ausbeutungspraktiken in die konkreten gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozesse einschreiben. Hier schließt die vorliegende Arbeit eine Forschungslücke. Anhand einer ethnographischen Studie zu der Lebenssituation der Kar’iña, einer indigenen Tropenwaldgruppe in der Region Guayana im Süden Venezuelas, zeigt Martina Grimmig, wie der „externe Zugriff auf Ressourcen … über Jahrhunderte prägend gewirkt hat – und zwar sowohl auf die Natur selbst wie auf die kulturellen und sozialen Verhältnisse der Indigenen“ (10). Aus einer betont „situierten“ Perspektive beschreibt und analysiert sie die Wechselwirkungen zwischen den Transformationsprozessen der lokalen sozialen Verhältnisse und den Formen der Naturaneignung vom Beginn der kolonialen Eroberung bis in die Gegenwart. Dabei gelingt es ihr eindrücklich, die je spezifischen lokalen Artikulationen externer Ressourcenausbeutung an politisch-ökonomische, geo­politische und politisch-institutionelle Änderungsprozesse auf nationaler und globaler Ebene rückzubinden.

Das Konzept für die Analyse der Wechselwirkungen nennt Grimmig „Koproduktion“. Der Ausdruck meint zum einen die „gleichzeitige Hervorbringung natürlicher Ressourcen und kultureller Differenz“ (19). Mit anderen Worten, die Geschichte der natürlichen Ressourcen und die Geschichte kultureller Dynamiken greifen konstitutiv ineinander, sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Zum anderen erfasst die Autorin mit dem Begriff das Wechselspiel innerer und äußerer Antriebskräfte im Prozess des sozial-ökologischen Wandels. Mit dieser Sichtweise räumt Grimmig mit binären Ordnungen und dichotomen Sichtweisen von Natur versus Kultur, global versus lokal, Tradition versus Moderne ebenso auf wie mit verbreiteten eindimensionalen Erzählungen, die indigene Bevölkerungsgruppen ausschließlich als „Opfer“ von Entwicklung und Modernisierung darstellen. Die als isoliert, politisch, ökonomisch und sozial marginalisiert beschreibbare Lebenssituation der Kar’iña ist gemäß der vorliegenden Arbeit also nicht einfach nur das Ergebnis jüngerer räumlicher und ökonomischer Erschließungsprozesse oder der oftmals rassistisch konnotierten Vorstellung vom Indigenen als dem in Traditionen verhafteten „Anderen“, das sich nicht integrieren will und lässt. Im Gegenteil, sie ist das Resultat eines relationalen historischen Prozesses der Begegnung zwischen der Bevölkerungsgruppe und zunächst europäischen Kolonialmächten und Missionen, später nationalen und transnationalen Akteuren – einer Begegnung, die „in hohem Maße von natürlichen Ressourcen strukturiert worden ist“ (18f).

Dabei ergibt sich jedoch keineswegs ein eindimensionales Bild. Anhand der Herausbildung und Ausbeutung unterschiedlicher „Ressourcen“ zeigt Grimmig, wie sich die je spezifische Materialität der Natur, aber auch ihre unterschiedlichen symbolischen Bedeu­tungen in den Prozess der Koproduktion einschreiben, unterschiedliche Praktiken der Kooperation, des Widerstands sowie Brüche und Friktionen hervorbringen und wie dabei kulturelle Differenz immer wieder neu bestimmt wird.

Das Buch ist entlang zentraler Ressourcen und der unterschiedlichen Formen ihrer Aneignung gegliedert: Gold – einmal als Fetisch, der die Eroberungsfeldzüge der Spanier antrieb, ein anderes Mal als reales, durch transnationale Unternehmen ausgebeutetes Edelmetall –, Kautschuk, Öl, Holz und schließlich biologische Vielfalt. Dieser Aufbau verleiht dem Buch eine erfrischende Struktur. Er hebt es von der sonst in historisch kontextualisierten Analysen üblichen Darstellungsform nach historischen Phasen ab. Allerdings ergibt sich dadurch zwangsläufig eine Reihe von Redundanzen und Wiederholungen, die den Lesefluss an manchen Stellen behindern. Zwar gelingt es Grimmig nicht immer, die konkreten Mechanismen der Koproduktion herauszuarbeiten, doch zeigt sie auf beeindruckende Weise, wie unterschiedliche, sich überlagernde „Boomphasen“ spezifischer Ressourcen die Geschichte der Kar’iña auch unter ihrer aktiven Teilnahme und der Herausbildung spezifischer Widerstandspraktiken präg(t)en (räumlicher Rückzug, Aufrechterhaltung von auf Subsistenz ausgerichteten Wirtschaftsformen statt Unterordnung in kapitalistische Lohnarbeits- und Ausbeutungsverhältnisse). Im Aufweis, dass auch unter den Bedingungen globaler kapitalistischer Inwertsetzung und Vereinnahmung, wenngleich marginalisiert, so doch lokal widerständiges Handeln möglich ist, liegt das besondere Verdienst des Buches. Die konkreten Handlungsstrategien und Widerstandspraktiken als ein Ergebnis historisch komplexer Interaktionen zu fassen, ist eine Grundvoraussetzung zum Verständnis aktueller Kämpfe um Territorien und Ressourcen nicht nur im Globalen Süden.
Kristina Dietz

PERIPHERIE Nr. 126/127, 32. Jg. 2012, S. 371-373

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