Susan Arndt u. Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv derdeutschen Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster 2011. 786 S.

Das vorliegende Buch geht der Frage nach, „in welcher Weise sich Rassismus in ein herrschendes Wissensarchiv eingekerbt hat, […] wie stark Sprache durch rassistische Diskurse und Wissensfelder geprägt ist und somit einen Rahmen dafür bietet, Rassismus weiterhinaktiv auszuüben. Zugleich verleiht es den marginalisierten Gegenerzählungen jener Menschen Ausdruck, die mit den Konsequenzenrassistischen Sprechens und Handelns konfrontiert sind und sich – sei es künstlerisch, politisch oder akademisch – seit jeher einerselbstbestimmten kritischen Aufarbeitung widmen.“ (11)

 

Bei dem umfangreichen Sammelband handelt es sich um ein Nachschlagewerk ungewöhnlicher Art. Zwischen politischem Aktivismus, wissenschaftlicher Analyse und ästhetischer Formgebung in literarischen Texten bedient es sich eines nicht-objektivistischen Wissenschaftsbegriffs: Im ersten, satirischen Eintrag zum gattungsreflexiven Stichwort Lexikon, der dem Band vorangestellt ist, präzisiert Noah Sow: „Ein Lexikon ist eine Schriftensammlung Unabänderlicher Universeller Wahrheit und Wahrhaftigkeit…“ (6). Gegen diese Auffassung versammelt der Band Texte unterschiedlicher Gattungen, deren Formenvielfalt der großen Bedeutung Ausdruck gibt, die die Herausgeberinnen der Sichtbarkeit der AutorInnen in ihren jeweiligen Texten beimessen. Gemäß der zugrundeliegenden Auffassung werden Standpunkte vor dem Hintergrund spezifischer Erfahrungen vertreten. Unsichtbar bleiben dabei nur diejenigen gesellschaftlichen Sprechpositionen, die der jeweils dominanten Norm entsprechen, welche einen Universalitätsanspruch erhebt. Die Herausgeberinnen stellen diesem Umstand eine Markierungspraxis gegenüber, die Schlaglichter auf die als weiß apostrophierte Norm wirft und demgegenüber widerständige Selbstbenennungspraxen hervorhebt. Solche widerständigen Sprachakte durchziehen den ganzen Band, etwa in den Wiederabdrucken von Sows satirischen Kommentaren zu Rassismus im deutschen Alltag (aus Deutschland. Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus. München 2008). Sprache ist damit als Feld rassismuskritischen Aktivismus eingeführt, in das sich der umfangreiche Band als Intervention einschreibt. Nach einem knappen Geleitwort der Herausgeberinnen steht dem Band ein ausführliches Gespräch zwischen Iman Attia (Professorin für Diversity Studies), Esther Dischereit (Schriftstellerin) und Philippa Ebéné (Leiterin der Berliner Werkstatt der Kulturen) voran (18ff). Ausgehend von der Frage, „warum wir über Rassismus sprechen müssen, ohne es eigentlich zu wollen“, lotet das immer wieder auf politische Auseinandersetzungen im Deutschland der Gegenwart zurückkommende Gespräch der drei in Berlin lebenden Frauen die Kontextabhängigkeit und Vielgestaltigkeit von Rassismus aus. Ebéné und Attia berichten, wie sie in ihren jeweiligen Berufen als  Rezensionen „zuständig“ für zahlreiche als „abweichend“ stigmatisierte Gruppen erklärt wurden (18f). Mit seiner Komplexität, die durch die im Gespräch verschränkte Analyse zustande kommt, gehört dieser einleitende Text zu den herausragenden Beiträgen des Bands, weil in  ihm sowohl die dem Rassismus zugrundeliegenden Strukturen als auch die Unterschiede und Interdependenzen der einzelnen Diskurse am deutlichsten sichtbar werden.

In vier Teilen widmet sich das Buch dem deutschen Kontext und den Sedimen­tierungen von Rassismus in der Sprache. An erster Stelle nimmt er „Geschichte(n), Kontexte und Theorien“ von „Rassismus und Kolonialismus“ in den Blick. Dabei gehen die Beiträge zum einen davon aus, dass Rassi.zierungen in konkreten historischen Prozessen vorgenommen werden und in diesen ihre spezi.schen Gestalten annehmen. Entsprechend enthält der Teil neben zwei Einträgen zu „Rassismus“ (Noah Sow, 37, und Susan Arndt, 37ff) einen weiteren zu „Rassismen“ (Birgit Rommelspacher, 46ff). Zum anderen heben die Beiträge die anhaltende Wirkung des Kolonialismus als „katalysatorisches Moment der Geschichte und konzeptuelle Meis­tererzählung“ (12) hervor. Dieser Teil umfasst Einträge zu Stichworten wie „Kolonialen Kontinuitäten in Deutschland“ (Nadja Ofuatey-Alazard, 136ff), aber auch Ausschnitte klassischer Texte wie Ngugi wa Thiong’os „Lehren der Sklaverei“ (100ff) und literarische Texte wie Esther Dischereits „Kein Ausgang aus diesem Judentum“ (80ff).

Der „Wörter und Begriffe“ übertitelte zweite und zugleich umfangreichste Teil widmet sich Kernkonzepten und Artikulationsräumen eurozentrischer und rassistischer Wissenskonstruktionen. Er analysiert zentrale Konzepte der dominanten europäischen Geschichtsschreibung wie „Antike“ (Jobst Paul, 217ff), „Aufklärung“ (Sabine Broeck, 232ff), „Entwicklung“ (Daniel Bendix, 272ff), „Europa“ (Frank Schulze-Engler, 289ff) und „Weltkarte“ (Julia Roth, 554ff). Er enthält ferner Ausdrücke, die in der jüngeren deutschenGeschichte als Rassifizierungen figurieren wie „Kopftuch“ (Mariam Popal, 389ff) oder „Migrationshintergrund“ (Deniz Utlu, 445ff). Darüber hinaus weitet er die Kritik unbenannter Normen auch auf Felder wie „Antirassismus“ (Fei Kaldrack & Ingmar Pech, 229ff) oder „Queer“ (Elisabeth Anschütz, 505ff) aus und rückt somit ein sich des Rassismus oft unverdächtig wähnendes Feld in den Blick. Beiträge wie der zu „Essay“ (Carsten Junker, 278ff) machen auf gattungsspezifische Herausbildungen hegemonialen Wissens und die Möglichkeit aufmerksam, es zu unterlaufen. Als eine formal wenig festgelegte Gattung, argumentiert Junker, diene der Essay marginalisierten AutorInnen häufig als Mittel, um öffentlich wahrgenommen zu werden. Nicht bei allen Beiträgen wird deutlich, warum sie diesem Teil zugeordnet sind. Ebenso wie mit den im jeweiligen Feld vor­herrschenden Rassismus befassen sich etwa die Artikel zu „Kunst“ (Sandrine Micossé-Aikins, 420ff) und „Straßennamen“ (Joshua Kwesi Aikins & Rosa Hoppe, 521ff) auch mit Strategien des Widerstands gegenExotisierung bzw. der Subversion kolonialer Repräsentationen.

Die Übergänge zum „Widerstand und Sprache. Begriffliche Interventio nen und Neuschreibungen von People of Color“ überschriebenen dritten Teil sind also fließend. Hier werden einige der Neologismen vorgestellt, die in den letzten Jahren als Eigenbezeichnungen dem Rassismus entgegengestellt wurden: „Afrodeutsch/Afrodeutscher“ (Mauren Maisha Eggers & Ekpenyong Ani, 577ff), „People of Colo(u)r“ Jasmin Dean, 597), „Schwarze Deutsche“ (Nicola Lauré al-Samarai, 611). Sprache wird zudem als widerständiger Gestaltungsraum sichtbar, wie die Gedichte von May Ayim (591ff; 614) und Texte von Philipp Khabo Köpsell (575ff; 582f) verdeutlichen.

 Im abschließenden vierten Teil geht es um die alltägliche Macht rassistischer Wörter. Der Teil leitet die Stichworte etymologisch her, legt ihren rassistischen Gehalt frei und diskutiert sprach­liche Alternativen. Darauf bedacht, die sprachliche Gewalt der Begriffe nicht zu wiederholen, wird ihre mehrmalige Nennung vermieden. Diese Beiträge können wie ein sprachkritischer Baukasten gelesen und verwendet werden.

Der Band schreibt sich in die theoretischen und aktivistischen Strömungen ein, die „Rasse“ als sozialer Strukturkategorie eine zentrale Bedeutung beimessen und in ihren politischen Praxen starke Bezüge zu afrodeutschen Communities sowie zu deren Beziehungen untereinander zum Kern der Empowerment-Strategien zählen. Gekoppelt mit dieser Herangehensweise gehören die Critical Whiteness Studies zu den wesentlichen Bezugskonzepten. Darüber hinaus versammelt das Nachschlagewerk heterogene Positionen auch zu deren Zentralbegriffen. So wird in mehreren Beiträgen die mit den letztgenannten Studien einhergehende Gefahr hervorgehoben, zu einer Zentrierung auf die mit sich selbst beschäftigten weißen Subjekte sowie zur Fixierung . uider Zugehörigkeiten beizutragen (z.B. 34; 310).

Einen deutlichen Akzent legt das Buch auf rassistische Repräsentationen, die im Zusammenhang mit der Kolonialisierung Afrikas stehen. Die Beiträge beziehen darüber hinaus multiple Diskriminierungsdimensionen und Formen eurozentrischer Überlegenheitsdiskurse ein, etwa unter den Stichworten „Antisemitismus“ (Benjmin Kryl, 54ff) und „Antiziganismus“ (Jan Severin, 66ff) im ersten Teil oder „Islam“ (Sibille Merz, 365ff), „Latein/Amerika“ (Julia Roth; 430ff) und „Orient“ (Markus Schmitz; 483ff) im zweiten Teil. Ohne sich des Begriffs „Intersektionalität“ zu bedienen, zeigen auch Analysen wie die von Christiane Hutson („Krankheit/ Behinderung“, 403ff) diesen Aspekt auf.

Unabhängig davon, ob die Rezensentin die begrifflichen und methodischen Zugänge der Analysen im Einzelnen teilt, versammelt der Band eine Vielzahl von Positionen eines derzeit sehr aktiven Teils der rassismuskritischen Bewegungen in Deutschland. Seiner Stoßrichtung gibt er durch die Auswahl der vorgestellten Konzepte und AutorInnen Ausdruck und bewahrt dabei eine Offenheit für unterschiedliche Analysen und antirassistische Strategien. Zu den Stärken des Bandes gehört die Verzahnung der Analyse des Fortwirkens kolonialer Konzepte mit sprachlichen Widerstandsstrategien.
Lotte Arndt

PERIPHERIE Nr. 126/127, 32. Jg. 2012, S. 373-376

 

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