Joyce Appleby: Die unbarmherzige Revolution. Eine Geschichte des Kapitalismus. Aus d. Engl. v. U.Gräber-Seißinger, mit einem Vorw. v. P.May. Hamburg 2011. 686 S.

Verf. versteht ihr Buch als »Erzählung der Kapitalismusgeschichte« (229, hier bezogen auf das 19. Jh.), sie sei »ein erzählender Bericht über einen Gegenstand wie den Kapitalismus« (266 – an dieser Stelle als allgemeine Charakterisierung ihres Verfahrens). In Auseinandersetzung mit Marx – den sie neben Adam Smith und Max Weber als einen der drei Autoren nennt, die sie beeinflussten (32) – betont sie, dass »die Akkumulation kulturellen Kapitals« wichtiger für Geschichte und Gegenwart dieser Gesellschaftsordnung sei als die generelle, hier wohl vor allem materiell verstandene Kapitalakkumulation (28).

Beispiel ist für sie weit entwickelter Reichtum im Mittelalter, der es, wie die Kathedralen zeigen, erlaubte, »große Bauten und viele andere Werke wie Straßen, Kanäle, Windmühlen, Bewässerungssysteme und Kaianlagen zu errichten« (ebd.), ohne dass zunächst Kapitalismus daraus entstand. Max Weber habe Verf. »am tiefsten beeindruckt, da er die Herausbildung des Kapitalismus vor allem durch Zufälligkeiten und unabsichtliche Handlungsfolgen erklärt. Auch Webers Bezug auf die Rolle, die kulturelle und geistige Eigenheiten für den Lauf der Geschichte spielen, kommt meinen Auffassungen entgegen.« (32) Sie fährt fort: »Ich sollte mich bei dieser Gelegenheit auf der zeitgenössischen Skala der Ideologien einordnen und bekennen, dass ich eine linksgerichtete Liberale mit starken, zuweilen auch widersprüchlichen libertären Zügen bin. Seit jeher ist mir sehr an einer fortschrittlichen Politik gelegen, und meiner Auffassung nach wäre es falsch zu glauben, dass der Kapitalismus ein System ist, das sich unabhängig vom Charakter der ihn tragenden Akteure und von den Zielen der Gesellschaft, in die er eingebettet ist, begreifen lässt.« (ebd.) Eine Zwischenüberschrift lautet »Kapitalismus als kulturelles System« (34). Verengung von Analyse und Geschichtsschreibung der Wirtschaft auf Ökonometrie werde dem Gegenstand nicht gerecht (166). »Es gab einen kritischen Moment im Laufe des Aufstiegs des Kapitalismus, in dem kulturelle Faktoren und soziale Fragen in ein begriffliches Waisenhaus verschickt wurden. Wir müssen sie aus der Vergessenheit zurückholen.« (41)

Trotz ihrer Betonung kultureller Faktoren bei der Darstellung ihrer Methode schreibt Verf. im praktischen Vollzug ihrer »Erzählung« dann doch vor allem Wirtschafts- mit starker Betonung der Technikgeschichte. Beide sieht sie durch große Unternehmerpersönlichkeiten, denen sie ausführliche biographische Abschnitte widmet, vorangetrieben. Hervorhebung von deren Bedeutung ist ein Leitthema des Buches. »Am Anfang der Geschichte stehen die Unternehmer.« (280) Die Begrenzung von deren Wirkungsmöglichkeiten durch staatliche Eingriffe im Übergang zum 20. Jahrhundert sieht Verf. kritisch: »Im Rückblick könnten wir sagen,dass der Kapitalismus einen düsteren Anstrich erhielt, als die Regierungen den privaten Investoren, die zuvor in der Wirtschaft die Regie geführt hatten, die Initiative entrissen.«(335)

Solche wertenden Bemerkungen sind allerdings selten. Sie werden weit überwogen durch die faktenreiche Darlegung kapitalistischer Entwicklung, in die für das 20. Jahrhundert und für die USA auch zunehmend Beschreibung eigener erlebter Alltagswirklichkeit (etwa der Veränderung von Landschaft und von Gewohnheiten durch das Automobil, 362f) eingeht. Den Spezifiken jeweiliger nationaler Varianten (Vereinigte Staaten, Japan, Deutschland) wird große Aufmerksamkeit zuteil. Verf. zieht hierfür nahezu ausschließlich US-amerikanische Spezialliteratur, nicht aber die in den von ihr behandelten Ländern selbst erschienenen einschlägigen Arbeiten heran. Eine Überprüfung am deutschen Beispiel zeigt, dass so dennoch die zentralen Informationen aufgefunden und wiedergegeben werden können. Der außereuropäische Standort, von dem aus diese Geschichte verfasst ist, erweist sich für den Übergang zum 20. Jahrhundert (z.B. bei der Darstellung der Entwicklung in den Kolonien) und für das 20. Jahrhundert selbst (angemessen detaillierte Darstellung kapitalistischer Dynamik in den USA) als Vorteil. Bei der westeuropäischen Einigung nach 1945 übersieht Verf. die Bedeutung des Kalten Krieges für diesen Prozess und führt letzteren wieder auf große Einzelne zurück: Monnet und Schuman (414).

Die Kritiker des Kapitalismus werden unterschieden in ästhetisch-moralische Oppositionelle, Globalisierungsgegner und diejenigen, die ihn prinzipiell positiv beurteilen, aber »offener und fairer gestalten« (601) wollen. Sie erscheinen Verf. »als die interessanteste Gruppe, und sei es auch nur, weil sie am effektivsten zum Kampf gegen Not, Armut und Ungerechtigkeit beiträgt« (ebd.). Positiv beurteilt sie das Konzept der Mikrokredite von Muhammad Yunus, der ein in den Ländern der Peripherie verbreitetes Defizit überwinde: »Woran es den Armen ganz offensichtlich mangelt, ist das Wissen um die Kraft des Kapitals, ganz zu schweigen von seiner Verfügbarkeit.« (604)

Verf. behauptet, dass Europa »im Jahr 1819 seine letzte große Hungersnot durchlitt« (118). Dies war aber wohl erst 1847 der Fall. Die Gründung des norddeutschen Zollvereins datiert sie nicht auf 1834, sondern auf 1817 (239), die Verabschiedung des Sozialistengesetzes auf 1883 statt auf 1878 (298). Deutschland habe 1871 von Frankreich das Ruhrgebiet erworben (242), gemeint sind offenbar Teile Lothringens. Die Einstellung der Menschen 1914 sei durch die Wahrnehmung geprägt gewesen, dass es in Europa »seit dem 17. Jahrhundert keinen großen Krieg mehr gegeben habe« (370). Hier wird die Napoleon-Ära übergangen. Die Verwechselung von 18. und 19. Jahrhundert (365) dürfte auf einen Übersetzungsfehler zurückgehen. Gleiches gilt wohl für die Formulierung »Auf der Schwelle ins zweite Jahrtausend« (512) (statt: ins Dritte).

Das Vorwort der deutschen Ausgabe schrieb Peter May, Begründer der Akademie für Familienunternehmen und Honorarprofessor an der Otto Beisheim School of Management Vallendar, die INTES Akademie für Familienunternehmen unterstützte die Übersetzung.
Georg Fülberth, Marburg

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 634-636

 

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