Sandro Mezzadra u. Andrea Fumagalli (Hg.): Die Krise denken. Finanzmärkte, soziale Kämpfe und neue politische Szenarien. Münster 2010. 176 S.

An Krisenerklärungen besteht kein Mangel. Marxistische Ansätze pflegen eine historische Perspektive und beanspruchen, Ursachen zu benennen, ohne deren Bearbeitung Krisenlösungen scheitern müssen. So auch die mit Antonio Negri arbeitende italienische Gruppe UniNomade. Ihre These ist, dass eine Trennung zwischen ›realer‹ und ›finanzieller‹ Ökonomie faktisch nicht mehr möglich sei. Verf. sprechen von einem »Rente-Werden« (21) von Profit und Lohn, da immer größere Teile dieser Einkommen unentwirrbar mit dem Finanzmarkt verwoben seien. Vorschläge zur politischen Regulierung des Finanzkapitalismus greifen daher zu kurz; Versuche, einen neuen sozialen Kompromiss zu formulieren, wie sie von den DGB-Gewerkschaften und Parteien wie der SPD und der Linkspartei formuliert werden, seien illusionär.

 

Christian Marazzi sieht die Ursache für eine derartige ›Finanzialisierung des Kapitalismus‹ im »dramatischen Rückgang industrieller Gewinne (um rund 50 Prozent) Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre« (36). Dieser sei nicht nur durch technologische Grenzen und Marktsättigungen bedingt gewesen, sondern auch durch den Widerstand der Arbeiterklasse. Neoliberalismus und Finanzialisierung erwiesen sich als probate Mittel die relative Stärke der Arbeiterklasse zu brechen. ›Finanzialisierung‹ bedeute vor allem eine »Privatisierung des deficit spending« (39): das Gesamtkreditvolumen werde ausgedehnt, um neue Nachfrage zu schaffen. So entstünden neue Formen der Akkumulation durch Direktinvestitionen im Ausland, vor allem aber durch Investitionen außerhalb der Produktionssphäre. Die fortschreitende Finanzialisierung speise sich aus dem Anstieg der Profite, der durch die kapitalistische Expansion in diese neuen Bereiche möglich wurde (49).

Carlo Vercellone dagegen sieht die neuen Profitstrategien scheitern. In der Krise drücke sich die Unfähigkeit des Kapitals aus, die »Wissensökononomie als Basis für eine neue Expansion der Absatzmärkte« (88) zu nutzen. Das Kapital müsse daher eine Rentiers-Logik der künstlichen Verknappung entwickeln, um weiter Gewinn zu erwirtschaften. Nach einer Phase der Marginalisierung nach 1929 erlebe die Rente nun besonders in Form der intellektuellen Eigentumsrechte (privates Eigentum an Software, Medienprodukten, Patenten etc.) einen Neuaufstieg. Aber auch Eigentumsrechte in Form von Aktien und Staatsanleihen seien nur »Rechte zur Abschöpfung eines Teils des geschaffenen oder zu schaffenden Wertes von einer außerhalb des Produktionsprozesses liegenden Position aus« (101). Der Widerspruch bestehe in einem Antagonismus zwischen den kollektiven sozialen Ansprüchen und Fähigkeiten und den spezifischen Verwertungsansprüchen des wissensbasierten Kapitalismus.

Ausgehend von den marxschen Analysen im 3.Band des Kapital und in den Grundrissen zur »Kooperation« und den Analysen Negris zur immateriellen Arbeit, schlussfolgert Verf., dass die lebendige Arbeit nun »eine hegemoniale Rolle im Verhältnis zur Wissenschaft und zum kodifizierten Wissen […] spielt« (105). Der Verweis auf die Fähigkeiten der Produzierenden begründet aber nicht überzeugend die These, dass die lebendige Arbeit hegemonial sei. So wichtig es ist, auf die im computerisierten Kapitalismus schlummernden Potenziale hinzuweisen, Hegemonie muss auch politisch ausgeübt werden. Die Widersprüche der wissensbasierten Ökonomie bringt Verf. jedoch auf den Punkt: Der Verkauf von Software und anderen Produkten, die unendlich oft kopiert werden können, kann die traditionellen Sektoren der Güterproduktion nicht wirklich ersetzen. Die Widersprüche spitzen sich zu, weil der Schuldendienst die Wohlfahrtsstaaten weiter schwächt -deren Gläubiger eben die Banken sind, die von ihnen mit hohem finanziellem Aufwand gerettet wurden. Verf. plädiert für die demokratische Wiederaneignung der Institutionen des Wohlfahrtsstaates als Ausgangspunkt einer anderen gesellschaftlichen Entwicklung. Negris Beitrag formuliert Überlegungen zu den Protagonisten einer Wiedereroberung von Demokratie und materiellen Ressourcen. Er sieht im Kampf um ein Grundeinkommen einen ersten Schritt, um ein neues politisch-soziales Subjekt zu begründen, das einen umfassenderen Kampf um »die Wiederaneignung des Communen und dessen demokratische gemeinschaftliche Kontrolle« (171) führen könne.

Geboten wird eine informierte, wenn auch oft nicht klar formulierte Analyse der Zusammenhänge der Krisendynamiken. Daher empfehlen sich die 10 Thesen am Ende des Bandes als konzentrierte Zusammenfassung. Die sich zuspitzenden Konfrontationslinien von Renteneinkommen und den Institutionen des Öffentlichen werden jedoch in allen Beiträgen deutlich formuliert.

Jörg Nowak (Berlin)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 629-630

 

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