Norman Backhaus: Zugänge zur Globalisierung. Konzepte, Prozesse, Visionen. Zürich 1999 (Schriftenreihe Anthropogeographie 17). 255 S.

Seit Anfang der 1990er Jahre hat die Zahl wissenschaftlicher Publikationen über das Thema Globalisierung sintflutartig zugenommen, so dass die Suchmaschinen mit diesem Begriff und die Leser mit der Destillierung von Argumenten ihre Mühe haben. Nun also noch eine weitere Veröffentlichung! Das Buch von Norman Backhaus hat zwei Besonderheiten: Es ist meines Wissens das erste in der deutschsprachigen Geographie, das sich mit dieser Thematik allgemein auseinandersetzt. Zum anderen - und sicherlich von größerer Relevanz - ist es ein Buch, das nicht eine eigene Theorie oder 'Wahrheit' über Globalisierung den vielen vorhandenen hinzufügen will, sondern einen Diskurs anregenden, breiten Überblick über unterschiedliche theoretische Konzepte von Globalisierung geben will. Entstanden aus Vorlesungen an der Universität Zürich geht es dem Verf. darum, "etwas mehr Transparenz in den diffusen Diskurs über Globalisierung" zu bringen und das "komplexe und unübersichtliche Phänomen" in seiner Breite und Tiefe auszuloten (S. 11). Dieses unternimmt er, indem er Theorien und Konzepte auswählt, vorstellt, kommentiert, gelegentlich auch kritisiert, darin eingestreut weitgehend bekannte Fakten zur Illustration präsentiert und immer wieder Gefahren und Chancen der Globalisierungsprozesse diskutiert und mögliche Wege für die Zukunft thematisiert.
Es ist also kein analytisch-explizierendes Buch, kein prä-postmodernes Buch, das sich mit Fragen nach richtigen und falschen Urteilen aufhält. Differenzen und sogar Widersprüche zwischen Globalisierungstheorien (ausgenommen natürlich "eindimensionale" und ökonomistische Theorien) stellen keinen Grund für Kritik oder Ideologieverdacht dar, spiegeln sie doch für den Verf. nur die Komplexität, die Ambivalenz und die Prozeßhaftigkeit des Phänomens wider. Für die Begriffsklärung reicht die (Er-)Kenntnis suggerierende, zugleich vernebelnde Bestimmung von Globalisierung als die in Breite und Tiefe hoch komplexe "Ausbreitung und Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen" (S. 18) aus.
Interessant ist an den verschiedenen wissenschaftlichen Konzepten für Backhaus etwas anderes, nämlich ob mit ihnen wichtige Fragen zur Globalisierung, genauer: Fragen zum Umgang mit Globalisierung "adäquat" beantwortet werden können. Daher stellt die Präsentation der Konzepte (vor allem soziologische und politologische von Giddens, Luhmann, Baumann, Pieterse, Robertson, Barber sowie von Appadurai und Wallerstein) auch nur einen der fünf angebotenen "Zugänge" dar. Die anderen thematisieren, wie unter den Bedingungen der Globalisierung bestimmte Bereiche weiterhin funktionieren könnten: das Individuum (= Zugang 2: "Kultur als menschliche Software"), die kapitalistische Ökonomie (= Zugang 3: "Globale Ökonomie"), der Staat (= Zugang 4: "Der Transnationalstaat") und die Gesellschaft (= Zugang 5: "Reflexive Moderne und Risikogesellschaft").
Welche Fragen sind es, die die Globalisierung nach Ansicht des Verf. uns angeblich stellt?
Da soll es zum einen die Frage sein, wie der Nationalstaat, der "den Bedingungen der Globalisierung nicht mehr gerecht" (S. 206) wird, in eine Art "Transnationalstaat" reformiert werden kann. Welche Modelle gibt es dafür? Könnte die "kosmopolitische Demokratie" ein taugliches Modell sein, in dem partizipative Demokratie von unten "wiederbelebt" wird, Zwangsmittel und militärische Strukturen auf supranationaler Ebene entwickelt werden (Nato als Vorbild?), Nationalstaaten sich neu als "Knotenpunkte und Koordinatoren transnationaler Abhängigkeiten" verstehen lernen (EU ein Pionier?) und in der "Ausweitung" der Macht auf supranationale Institutionen nicht ihre Schwächung, sonder ihre Stärkung sehen? Könnten auf diese Weise die Staaten nicht aus ihrer "territorialen Falle" herausgelöst werden (S. 211 f.)?
Zum anderen gehe es um die Frage, ob "Prozesse der wirtschaftlichen Globalisierung Potenziale (bergen), welche Arbeitslosigkeit und wachsenden Einkommensunterschieden entgegenwirken können" (S. 122). Wie kann Arbeit (!) neu gestaltet werden (S. 171 f.)? Durch solidarische Selbsthilfe und Sozialdienst? Durch eine "Gesellschaft von LebensunternehmerInnen" mit Bildungsgutscheinen und negativer Einkommenssteuer? Oder durch "Life Maintenance Organisationen"?
Eine nach Backhaus wichtige, aber zu selten gestellte Frage sei darüber hinaus, wie das Individuum zukünftig Identität herstellen kann angesichts der Tatsache, dass ein statisches, im Territorium verhaftetes Kulturverständnis den Bedingungen der Globalisierung nicht mehr gerecht werde. Wie kann ein Konzept von "translokaler", "fließender", "hybrider" Kultur Identität stiften? Welche Möglichkeiten und Probleme resultieren aus der "Tyrannei der Reflexivität", d.h. alltäglich und individuell kulturelle Ordnung neu herzustellen, zu entscheiden, was das "Richtige" sei, einerseits und "der Freiheit der fast unendlichen Breite neuer Optionen", der Unordnung und Beliebigkeit, dem Fehlen von Autoritäten für Identitäten andererseits (S. 92 f.)?
Derartige Fragen machen zweierlei deutlich: 1. Globalisierung ist für den Verf. wie für viele Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, ein Phänomen, eine "Lage", ein nicht weiter hinterfragbarer Sachzwang, weshalb es darauf ankomme, mit diesem "Prozess" 2. irgendwie umzugehen und zurecht zu kommen. Was es beinhaltet, sich konstruktiv der "Situation", den Herausforderungen der Globalisierung, zu stellen, macht dieses Buch deutlich: statt Analyse und Kritik der Ursachen Anerkennung der "Lage" in der Diskussion von Lösungsmodellen, welche die bemängelten negativen Wirkungen der vorherrschenden politischen und ökonomischen Interessen mildern oder "korrigieren" sollen, ohne die Zwecke und das Funktionieren dieser Interessen zu stören oder außer Kraft zu setzen. Diese Diskussion, pardon: dieser "Diskurs", wie die nähere Zukunft gestaltet werden kann (S. 14), "welche Art von Gesellschaft und welche Art von Natur wir haben wollen" (S. 237), bemüht notwendigerweise enttäuschte Idealismen über Staat, Demokratie, bürgerliche Gesellschaft und kapitalistische Ökonomie: Wie kann Kultur weiterhin als Ich- und Wir-identitätsstiftender "Leim", der Gesellschaft zusammenhält (S. 91), funktionieren? Wie kann der ohnmächtig gewordene Nationalstaat in einem demokratischeren, mächtigeren Transnationalstaat gerettet werden? Wie kann im "galoppierenden Kapitalismus" mit "totalem Markt" und "ungebremste[m] Geldfluss" dennoch Wohlfahrt für die Arbeitslosen und Armen erreicht werden, wie können die "Tendenz (! v.F.) zur Klassengesellschaft" und soziale Unruhen eingedämmt werden?
Die im Buchtitel versprochenen "Zugänge" dienen nicht der Aufklärung, sondern als Wegweiser für "Ausgänge" oder besser "Weitergänge".
Ein flüssig geschriebenes Buch, das viele Facetten der Globalisierung, dieser "Summe von historischen Veränderungen" ohne Gesetzmäßigkeit und Ziel (S. 18), anspricht und einen breiten Überblick über den Globalisierungsdiskurs bietet. Ein Beispiel der postmodernen Konstruktion eines Weltbildes, in dem zwar Natur als gesellschaftlich konstruiert diskutiert wird, Globalisierung aber ontologisiert und als Sachzwang vermittelt wird und die Erklärung von Weltmarkt und staatlichem Handeln zu einem unnützen wie unmöglichen Vorhaben deklariert wird.
Autor: Hans-Dieter von Frieling

Quelle: geographische revue, 2. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 95-97



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