Jürgen Hasse: Bildstörung: Windenergie und Landschaftsästhetik. Oldenburg 1999 (Wahrnehmungsgeographische Studien zur Regionalentwicklung 18). 328 S.

Das wissenschaftliche Werk des in Frankfurt arbeitenden Geographen JÜRGEN HASSE ist dabei, in der deutschsprachigen Geographie zu einem wissenschaftssoziologischen Phänomen zu werden. HASSE schreibt viel, er publiziert an leicht zugänglichen Stellen, er ist dabei stets mehr als anregend, er setzt sowohl methodisch wie inhaltlich innovative Akzente, mehr noch: er behandelt Themen, die fast niemand in der deutschsprachigen Geographie sonst in sein Blick- und Denkfeld nimmt. Er wird aber vom Mainstream der deutschen Humangeographie kaum beachtet: neuere Lehrbücher zur Sozialgeographie (B. WERLEN; K. WESSEL); B. WERLENs groß angelegter Versuch einer methodologischen Erneuerung der Humangeographie; das reichhaltige fachliche und hochschuldidaktische Schrifttum von H. H. BLOTEVOGEL zu methodologischen Grundfragen der Geographie, überall - JÜRGEN HASSE? - Fehlanzeige, wenn man von vereinzelten bloßen Nennungen in Literaturverzeichnissen absieht.
Ob sich an dieser Wertschätzung wenigstens nach der Publikation der hier angezeigten Studie "Bildstörung" etwas ändern wird? Mit ihr betreibt HASSE innovative Grundlagenforschung in einem mehrfachen Sinne. Der Bau von Windkraftanlagen (WKA) im Küstengebiet Ostfrieslands dient ihm als Fallbeispiel für die weitreichenden Anliegen der Studie. Sie rückt erstens die Anlagen der regenerativen Energiegewinnung in den Zusammenhang der gesellschaftlichen Machtkonstellationen in der Bundesrepublik. Sie liefert zweitens einen Beleg dafür, "dass Fragen der Landschaftsästhetik in ihrer Gefühlsbezogenheit durchaus einer sachbezogenen Argumentation zugänglich sind" (S. 262). Drittens erweist sich das zu diesem Zweck eingesetzte Verfahren einer qualitativen Delphi-Befragung tatsächlich als eine "Bereicherung der Methoden der empirischen Sozialforschung" (S. 257) - und, das sei ausdrücklich hinzugefügt, einer modernen, problemorientierten handlungstheoretisch begründeten Regionalgeographie. Denn, mit der HASSE eigenen, nicht immer leicht zugänglichen Ausdrucksweise: das Verfahren funktioniert als "imaginärer Brutraum dichter Argumentation" (S. 259).
Im ersten Kapitel fächert HASSE die relevanten Realitäten des energiepolitischen Handlungsfeldes mit seinen vielfältigen Dimensionen auf. Die energiepolitischen Rahmenbedingungen werden dabei ebenso präzise erläutert wie einzelbetriebliche Rentabilitätsrechnungen, wie die Einspruchsroutinen der ökologischen Seite, wie die bevorzugten Kampfplätze und Tabuzonen der laufenden Diskussion und wie die Praxis der Rechtsprechung. Mit der ihm gegebenen Sensibilität für die Dekonstruktion sprachlicher Ausdrücke wendet sich HASSE dann auf über 100 Seiten (Kapitel 1.3 und 2) einer theoretisch höchst differenzierten und sprachlich bewundernswert schmiegsamen Analyse des Dreifach-Konstrukts "Schönheit von Natur und Landschaft" zu. "Dabei liefert die Theorie der Ästhetik die geisteswissenschaftliche Grundlage für die philosophische und erkenntnistheoretische Präzisierung" (S. 51). Das ist lohnende Grundlektüre für alle, die sich interessieren für den Aspekt des Ästhetischen bei der Entwicklung und Planung von "Realräumen" und für die "Relevanz und Relativität ästhetischer Einstellungen", für das Verstehen von "sinnlich-ästhetischen Begegnungen" (S. 69) mit der Landschaft, die so anders ausfallen können als die aus der Sicht des "wissenschaftlich gleichsam sezierenden Geographen" (S. 69) vorgenommenen Analysen - ohne deshalb alltagsweltlich weniger bedeutsam sein zu müssen. Es folgt die zweiteilige Empirie der Studie. Zum einen (Kapitel 3 bis 5) sammelt HASSE von einigen für WKA wichtigen Handlungsträgern schriftliche Positionspapiere zum Thema WKA ein: von den im Bundestag vertretenen Parteien, von sechs großen Naturschutzorganisationen sowie von einigen Herstellern von WKA. Ihre Interpretation soll zeigen, "in welchem Argumentations- und Denkzusammenhang die windenergiespezifische Problemsensibilität" dieser Akteure steht (S. 197). Zum anderen führt HASSE eine dreiteilige Delphi-Befragung von sechs Experten durch; die Resultate dieses aufwendigen Verfahrens werden genauestens in einem über 50-seitigen Anhang dokumentiert. Diese beiden empirischen Zugänge zur (wahrnehmungs-)politischen Wirklichkeit werden dann allerdings nur in HASSEs eigenen Kommentierungen und Interpretationen miteinander verbunden; eine konsequente wechselseitige inhaltliche Verzahnung der politischen und fachlichen Abfragen erbrächte sicherlich zusätzliche Einsichten in das zur Zeit wenig konsensträchtige Diskussionsgeflecht.
Aber auch so ergeben die theoretischen und empirischen Befunde eine Fülle und Vielfalt an Erkenntniserträgen, die für eine monographische Einzelstudie ungewöhnlich sind. HASSE zeigt, wie einfühlsam man auf der Grundlage phänomenologischer Denkansätze vorgehen kann, wenn man eine konkrete Planungskontroverse in diskursivem Verfahren behandeln will. Er deckt auf, dass letztlich Rationalitäten, Interessen und Emotionen die maßgebenden Voraussetzungen für und Einflussgrößen auf das Empfinden und Bewerten von Räumen und Landschaften sind. Er zeigt konkret, wie derart tief verwurzelte, konträre Landschaftsnormen mit Hilfe der Delphi-Befragung für den politisch-planerischen Bereich aufbereitet und zu entscheidungsfähigen Vorgaben verarbeitet werden können. Und zugleich verdeutlicht HASSE, wie weit unsere Gesellschaft davon entfernt ist, der-artigen Überlegungen und Gesichtspunkten im Rahmen von Bildung, Politik und Planung einen angemessenen Raum zu geben. Dieses Defizit hat tief reichende gesamtgesellschaftliche Wurzeln. Es fehlt eine "schwingungsfähige Sensibilität für die eigene leiblich Wahrnehmung" (S. 255) - ein Appell an unsere Bildungs- und Schulpolitik. In unserem Planungssystem gibt es kaum Personen und Instrumente, die dafür sorgen, dass bei der Raumentwicklung ästhetische Gesichtspunkte angemessen beachtet werden, und nicht nur ökologische und, dies heute vor allem, ökonomische Kriterien. Der Wissenschaft schließlich mangelt es bisher weitgehend an einer begrifflich präzisierenden Beleuchtung und Ausarbeitung der Befunde sensiblen Empfindens (vgl. S. 245); die Phänomenologie bietet hier die aussichtsreichsten Zugänge. - Wer die im Mai/
Juni 2000 hoch aktuelle politische Diskussion um die Denkmalspflege in Deutschland verfolgt hat, erkennt sofort die praktische Bedeutung dieser Fragen. Ihr Gewicht wird in dem Maße zunehmen, wie wir auf eine post-industrielle Informationsgesellschaft zusteuern, in der Images und Bilder von Landschaften immer wichtiger (genommen) werden, als deren unmittelbares Erleben. Kaum jemand außer JÜRGEN HASSE stellt solche Fragen in der deutschsprachigen Geographie, niemand bereitet sie theoretisch so detailliert und einfallsreich auf, und keiner behandelt sie empirisch so überzeugend. Gute Gründe, sein Werk als Teil aktuellen geographischen Denkens in Deutschland endlich so einzuordnen, wie es angemessen und verdient ist. Vielleicht bleibt es JÜRGEN HASSE nun ja doch noch erspart, "nur" zum Objekt künftiger wissenschaftssoziologischer Analysen zu werden.
Autor: Heiner Dürr

Quelle: Erdkunde, 54. Jahrgang, 2000, Heft 4, S. 376-378