Benno Werlen: Sozialgeographie: eine Einführung. Bern/Stuttgart/Wien 2000. 400 S.

Dieses Buch schließt eine seit langem bestehende Lücke, so dass ihm eine weite Verbreitung zu wünschen ist. Angesichts der Vielfalt der Fragestellungen, der theoretischen Perspektiven und Methoden der Sozialgeographie kann man ein Lehrbuch über Sozialgeographie auf sehr unterschiedliche Art und Weise schreiben. WERLEN sieht seine Aufgabe nicht so sehr darin, die Disziplingeschichte, die Fragestellungen und Theoriebildung einzelner Teilgebiete der Sozialgeographie (z.B. Wahrnehmungsgeographie, Religionsgeographie, Geography of Social Well Being, Radical Geography, Bildungsgeographie, Wahlgeographie, Kriminalgeographie etc.) im Detail zu erörtern. Er stellt vielmehr die von ihm als Kernidee der Sozialgeographie bezeichnete Beziehung zwischen "Gesellschaft" und "Raum" in den Mittelpunkt und befasst sich dabei mit den grundlegenden Fragen: wie hängt Räumliches und Gesellschaftliches zusammen, welche Rolle spielen die räumliche Dimension oder erdräumliche Bedingungen für das gesellschaftliche Zusammenleben, was können wir über diese Zusammenhänge wissen, wie sicher ist unser Wissen darüber, durch welche Sinnzusammenhänge und Sinnzuordnungen erhalten materielle Gegebenheiten ihre Bedeutung, wie wandelbar sind räumliche Bezüge, mit welchen Begriffen sollte das Gesellschaft-Raum-Verhältnis untersucht werden, kann man mit räumlichen Kategorien und Begriffen über gesellschaftliche Wirklichkeit sprechen?
Die ersten zwei Kapitel des Buches stellen auf rd. 30 Seiten einige Grundkonzepte der Sozialgeographie vor. Im dritten Kapitel werden die Anfänge der Sozialgeographie als Ausdruck der Moderne skizziert, wobei Reclus und Le Play im Vordergrund der Betrachtung stehen. Darauf folgen zwei Kapitel, in denen die Entwicklungslinien sozialgeographischen Denkens und der disziplinhistorische Kontext sozialgeographischer Forschung diskutiert werden. Im Rahmen dieser Disziplingeschichte werden auch die Auseinandersetzungen um die Landschaftsgeographie, die Länderkunde und die funktionale Betrachtungsweise vorgestellt. In den Kapiteln Landschaftsforschung (Bobek), Gesellschaftsforschung (Hartke), Bedürfnisse und Raum (Ruppert und Mitarbeiter), Raumgesetze der Gesellschaft (Bartels) sowie Gesellschaft - ein räumliches Mosaik (Chicagoer Schule der Sozialökologie), die rund ein Drittel des Buches umfassen, werden die Konzepte der in Klammer angeführten Sozialgeographen ausführlich diskutiert. Anschließend folgt ein Kapitel über Umweltwahrnehmung und verhaltensorientierte Geographie (37 Seiten). Im abschließenden Kapitel über "Gesellschaft, Handlung und Raum" stellt WERLEN in knapper Form die wichtigsten Aussagen und Grundlagen seines eigenen handlungsorientierten Ansatzes dar. Mancher Student, der vor den mehr als 1000 Seiten der früher erschienenen Bände zur "alltäglichen Regionalisierung" kapituliert hat, findet hier die wesentlichen Kernpunkte der WERLEN'schen Handlungstheorie klar und leicht verständlich zusammengefasst.
Die Konzentration auf die Grundfragen oder "Kernideen" einer allgemeinen Sozialgeographie ist als eine besondere Stärke dieses Lehrbuchs positiv hervorzuheben. Sie lenkt die Studierenden auf die wesentlichen Fragen, zeigt ihnen, was die Kernpunkte der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen waren und sind und führt sie auch in einer Weise an die philosophischen und wissenschaftstheoretischen Debatten heran, wie es bisher noch kein deutschsprachiges Lehrbuch zu leisten vermochte. Sehr verdienstvoll ist auch der Versuch, die unterschiedlichen sozialgeographischen Denkweisen in größere gesellschaftliche Zusammenhänge einzubetten.
Macht es bei so viel Lob noch einen Sinn, in einer Besprechung nach Schwachstellen zu suchen oder Desiderata zu monieren? Wenn es nur um die Besprechung der Qualität dieses Buches ginge, könnte der Rezensent seine Besprechung an dieser Stelle mit Lob und Anerkennung beenden. Wenn es jedoch darum geht, die Diskussion innerhalb der Sozialgeographie weiter voranzutreiben oder sich zu überlegen, wie ein möglicher zweiter Band oder eine zweite Ausgabe dieser Sozialgeographie aussehen könnte, sind noch einige Anmerkungen zur Diskussion zu stellen.
WERLEN hat sich in diesem Buch bewusst nicht das Ziel gesetzt, die Disziplingeschichte, Theorien und Methoden der verschiedenen Teilgebiete der Sozialgeographie zu behandeln, es geht ihm eher um allgemein anwendbare Konzepte als um die theoretischen Grundlagen einiger Teilgebiete der Sozialgeographie. Deshalb erfährt man wenig über Kriminalgeographie, Radical Geography, Religionsgeographie, Bildungsgeographie, Geography of Social Well-Being, Kunstgeographie, feministische Geographie und andere Bereiche der Sozialgeographie. Eine solche Schwerpunktsetzung ist legitim und sollte nicht Gegenstand einer Kritik sein. Denn wenn er alle diese Zweigbereiche der Sozialgeographie behandeln würde, müsste das Buch dreimal so umfangreich sein. Wenn die Konzentration auf Kernfragen allerdings zu strikt befolgt wird, besteht die Gefahr, dass man auch Argumente, Thesen und Erkenntnisse, die dem "eigenen" Konzept zugute kommen könnten, übersieht. Denn fast jede sozialgeographische Teildisziplin hat ihre eigenen theoretischen Ansätze entwickelt und kann Thesen und Erkenntnisse vorweisen, die sehr wohl auch die Diskussion um die WERLEN'sche Handlungstheorie weiter bringen könnten.
Eine stärkere Auseinandersetzung mit den theoretischen Ansätzen einiger Zweigdisziplinen der Sozialgeographie würde nicht nur zu einer differenzierteren Betrachtung der Ideengeschichte führen, sondern auch dazu beigetragen, einige Glieder der Wirkungskette zwischen Raum und Gesellschaft überzeugender darzustellen. Was damit gemeint ist, sei anhand eines Beispiels erläutert: anhand der Theoriediskussion in der modernen angelsächsischen Kriminalgeographie (Opportunitätstheorien, symbolischer Interaktionismus, Environmental Psychology) könnte man z.B. den Zusammenhang zwischen Motiv, Situation und Handeln des Subjekts oder die Bedeutung von physischen und sozialen Stimuli für das Handeln noch etwas differenzierter erläutern als es die bisherige handlungszentrierte Sozialgeographie getan hat. Die moderne Kriminalgeographie kann anhand ihrer Erkenntnisse sehr überzeugend darlegen, wie eine lokale Situation und der Entscheidungsprozess eines Subjekts verknüpft sind, warum die Situation an sich und die Bewertung der Situation durch den Akteur gleich wichtig sind. Auch andere Bindestrich-Sozialgeographien hätten interessante theoretische Ansätze zu den zentralen Themen WERLEN's anbieten können. Auch die Frage, mit welchen Begriffen das Gesellschaft-Raum-Verhältnis erforscht werden sollte (S. 29), hängt z.B. in hohem Maße vom geographischen und sozialwissenschaftlichen "Vorwissen" eines Wissenschaftlers ab. Ein Sozialgeograph, der sich intensiv mit Religionswissenschaften, Environmental Psychology, der räumlichen Konzentration von Wissen und Macht, sozialer Evolution oder Systemtheorie befasst hat, wird sich beispielsweise den Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie mit ganz anderen Begriffen und theoretischen Konzepten nähern als ein Kollege, der sich den Begriffen Zentrum und Peripherie vorwiegend aus dem Blickwinkel der Zentralitätsforschung nähert. Auf dieses Buch übertragen hieße dies, dass eine intensivere Auseinandersetzung mit einigen Bindestrich-Sozialgeographien zu einer Weiterentwicklung der handlungsorientierten Sozialgeographie beitragen könnte. Der Rezensent ist der Auffassung, dass die von WERLEN angestrebte und mehrfach betonte "Reinheit der Methode" und "Methodenstrenge" nicht dazu führen darf, Ansätze, die auf den ersten Blick mit den Grundthesen seiner Handlungstheorie wenig zu tun haben oder diesen zu widersprechen scheinen, zu einem großen Teil auszublenden. Da wissenschaftliche Kreativität und auch Fortschritte in einer Theoriediskussion in der Regel aus dem Diskurs zwischen unterschiedlichen Auffassungen entstehen, sollten diese unterschiedlichen Ansätze mit ihren Vor- und Nachteilen dargestellt werden.
Obwohl sich WERLEN in diesem Buch sehr um eine ausgewogene Darstellung verschiedener konkurrierender Ansätze bemüht und ihm dies auch besser gelingt als in seinen beiden ersten Bänden zur "Alltäglichen Regionalisierung", wären die Studierenden sicherlich dankbar, wenn er in einem zweiten Band oder einer zweiten Auflage auch auf die von anderen Autoren geübte Kritik an den Konzepten der "Entankerung", der "traditionellen" und "spätmodernen Lebensformen" oder auf die Frage, "ob man in räumlichen Kategorien und Begriffen über gesellschaftliche Wirklichkeiten sprechen kann" (S. 30) näher eingehen würde. Mit der Diskussion von Gegenpositionen könnte man auch die Ursachen von Missverständnissen aufzeigen, die bei der Diskussion seiner früheren Arbeiten entstanden sind. Eine Wurzel solcher Missverständnisse liegt z.B. in der Frage, was man unter den Begriffen "räumlich", "Räumlichkeit" oder "Raum" versteht. Wer den Raumbegriff im Sinne von Newton verwendet, wird WERLEN zustimmen, dass man über gesellschaftliche Wirklichkeiten nicht in räumlichen Begriffen und Kategorien sprechen sollte. Wer jedoch unter den Begriffen Raum oder Räumlichkeit eine Verortung von Strukturen, Beziehungen und Orientierungspunkten mit symbolischer Bedeutung versteht und nicht einen geometrischen sondern einen topologischen Raum im Auge hat, wird begrün-
den können, dass man gesellschaftliche Wirklichkeiten ohne räumliche Begriffe und Kategorien gar nicht beschreiben kann.
Meine beiden letzten Argumente beziehen sich nicht auf die Sozialgeographie von B. WERLEN. Das erste richtet sich an fast alle deutschen Sozialgeographen, die den Versuch unternommen haben, eine Disziplingeschichte der Sozialgeographie zu verfassen. Leider werden als Väter oder Vorläufer der Sozialgeographie seit Jahrzehnten (seit Thomale) immer wieder dieselben Arbeiten und Namen (Le Play, Reclus, Geddes, Hoke) angeführt und viele andere, die aus heutiger Sicht mehr geleistet oder modernere Konzepte vertreten haben, ausgeblendet. Das berühmte Social Survey Movement in Großbritannien und Frankreich, das viele Fragestellungen und Methoden einer modernen Sozialgeographie vorweggenommen hat, bleibt in deutschsprachigen sozialgeographischen Arbeiten genau so unerwähnt, wie die Arbeiten von Charles Booth, der in den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. im Rahmen seiner Arbeiten über die Armut in London viele Themen und Modelle der Chicagoer Schule der Sozialgeographie vorweggenommen hat, oder die Arbeiten von Dupin, der schon in den 1820er Jahren Kernfragen der späteren Bildungsgeographie untersucht hat. Ein zweites Monitum an die Sozialgeographie bezieht sich darauf, dass der Mensch von den meisten Sozialgeographen ausschließlich als ein vorwiegend rational handelndes Wesen behandelt wird, das von seiner Biologie mehr oder weniger unabhängig ist. Die bisherige Sozialgeographie hat die Erkenntnisse der Soziobiologie über Instinkte, Gefühle, Ängste, Unterbewußtes, über vom Verstand nicht Steuerbares zum größten Teil außer acht gelassen. Dies ist um so paradoxer, als die Werbewirtschaft bei ihren Manipulationsversuchen genau diese Bereiche anspricht, die von der Sozialgeographie übersehen oder tabuisiert werden. Die Angst des "Kaninchens" Sozialgeographie vor der "Schlange" "biologische Erkenntnisse" (die von Psychologen längst akzeptiert sind) sollte überwunden werden.
Autor: Peter Meusburger

Quelle: Erdkunde, 55. Jahrgang, 2001, Heft 3, S. 295-297

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