Jürgen Specht: Industrielle Forschung und Entwicklung: Standortstrategien und Standortvernetzungen: Am Beispiel der Regionen Rhein-Main, Bodensee und Dresden. Münster 1999 (Wirtschaftsgeographie, Band 14). 245 S.

Industrieunternehmen sind einem enorm zunehmenden Druck nach immer neuen, innovativeren Produkten mit immer kürzeren Verwertbarkeitszeiträumen ausgesetzt. Dies gilt in besonderem Maße für Unternehmen der Spitzen- und Hochtechnologie. Effiziente Organisation von Forschung und Entwicklung (F+E) ist für sie überlebenswichtig und hat eine zentrale Stellung in Unternehmensstrategien und -konzepten. Und was bedeutet das für die Standorte und Regionen?

In diesen hochaktuellen Kontext begibt sich der Autor mit einer die wissenschaftliche Diskussion über industrielle Forschung und Entwicklung sicher anregenden Dissertationsschrift. Der Focus der Betrachtungsebene, die erstaun- und bedauerlicherweise von der Geographie bisher nicht annähernd ihrer Bedeutung angemessen bearbeitet wurde, wird akzentuiert auf die Region gelenkt. Bereits dies macht die Arbeit lesenswert.
Als theoretischen background nimmt der Autor Konzepte der Unternehmensorganisation bzw. Regionalökonomie auf und hinterfragt Veränderungen in den Organisationsstrukturen (sachlich und räumlich) von Forschung und Entwicklung in Industrieunternehmen - vor allem neue Trends bei internen und externen Vernetzungsstrategien von F+E - mit dem Ziel des Aufdeckens von Einbettungsmustern dieser Strategien in regionale Zusammenhänge.
Am Beispiel der drei F+E-Regionen Rhein-Main, Bodensee und Dresden werden empirisch Standortstrategien und Standortvernetzungen der Industrieunternehmen, die Forschung und Entwicklung betreiben, offengelegt (Befragungsumfang: 139 Betriebe) und die Funktionsweise von F+E-Agglomerationen aufgedeckt. Das Ergebnis ist ernüchternd. Danach findet industrielle Forschung und Entwicklung in Deutschland nach wie vor nur in ausgewählten Regionen statt, weil - wie der Autor feststellt - die Unternehmensstrategien bisher weitgehend die Konfiguration bestehender F+E-Standortsysteme in ihrem intern hierarchischen Aufbau beibehalten und lediglich Ansätze einer Internationalisierung (Kriterium: Standorte außerhalb Deutschlands bzw. Europas) bzw. Globalisierung (Kriterium: räumlich dezentral, intern vernetzte Organisationsstrukturen) ausgemacht werden können. Für die F+E-Regionen bedeutet das, daß die Hoffnung auf Ausbildung neuer, regionaler Netzwerkstrukturen und hierdurch Initiierung hoher Entwicklungsdynamik wohl aufrechterhalten, aber nicht schnell erfüllt werden wird. Erkennbar ist eine Differenzierung der F+E-Aktivitäten in den drei ausgewählten Regionen durch deren spezifische Involviertheit in die Strategie der jeweiligen Industrieunternehmen und deren Branchenzugehörigkeit. Die hier vorgeschlagenen F+E-Agglomerationstypen sind - da auf schmaler Fallbeispielbasis fußend - als Anregung zur Diskussion und Weiterarbeit geeignet.
Autor: Bärbel Leupolt

Quelle: Erdkunde, 54. Jahrgang, 2000, Heft 4, S. 378

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