Paul Claval et al.: La Postmodernité, visions anglophone et francophone.Paris 1999 (Géographie et Cultures, No. 31). 141 S.

Zum Auftakt der regulären Zusammenarbeit zwischen den Zeitschriften "Géographie et Culture" (Frankreich) und "Ecumene" (Großbritannien) ist eine Sondernummer von Géographie et Culture erschienen. Wer sich aufgrund des Titels eine gezielte Auseinandersetzung mit Konzepten und Verständnissen der Postmoderne verspricht, wird möglicherweise ein wenig enttäuscht werden. Das Heft führt vielmehr postmoderne Positionen (oder was die AutorInnen dafür halten) innerhalb der Géographie Culturelle und der New Cultural Geography in theoretischer Reflexion und empirischer Forschungspraxis vor.

PAUL CLAVAL, Gründer von Géographie et Culture, zeichnet in seinem Leitartikel die Entwicklungsgeschichte der Kulturgeographie nach, wie er sie seit den 60er Jahren miterlebt und mitgeprägt hat. Sie begreife Kultur nicht mehr als unveränderliche Gegebenheit, sondern als Medium und Produkt menschlicher Aktivitäten. Die Menschen seien nicht länger abstrakte Einheiten, sondern konkrete Individuen, die in einem materiellen und sozialen Milieu - der Landschaft! - situiert seien. In diesem kontextualistischen Verständnis des Menschen äußert sich für Claval die postmoderne Perspektive der Kulturgeographie.
Es folgen Beiträge von SCOTT WILLIAM HOEFLE und DENIS COSGROVE, dem Hauptherausgeber von Ecumene, zu den epistemologischen Grundlagen der anglophonen Kulturgeographie. Während HOEFLE eine Zyklik von Phänomenologie, Empirismus und Rationalismus am Werke sieht, demonstriert COSGROVE am Beispiel des Milleniums und seiner Feiern, was eine kritische und postkoloniale Perspektive innerhalb der Humangeographie leisten kann. JEREMY FOSTERS subtile und kontextsensitive Analyse des Erlebnisberichtes eines jungen Engländers im Transvaal-Krieg (1903) schließt fast nahtlos daran an.
Mit LOUIS DUPONT kommt die Postmoderne doch noch - buchstäblich - ins Spiel. Geschickt und leichtfüßig wechselt er zwischen einer Interpretation von Postmoderne als Bruch mit der Moderne oder aber als ihr endogener kontinuierlicher Wandel, um über das Problem der Autorisation von Interpretationen die LeserInnen zum (postmodernen?) Abgrund zu führen: Wer kontrolliert nun welche Lesart zu welchem Zweck?
MATHIAS LE BOSSÉ setzt sich mit der Vielfalt von Identitätskonzepten auseinander. Schade, dass er die Argumentationslinie von regionaler Identität als Aspekt territorialer Differenzierungen (in Rückgriff auf PAASI) nicht vertieft, denn hier hätte er eine interessante Perspektive auf den Nexus von Herrschaft und Kultur eröffnen und eine Brücke zur kritischen politischen Geographie schlagen können. Viel direkter geht schließlich CHRISTINE CHIVALLON dasselbe Problemfeld an: Sie zeigt auf, dass das Konzept der Territorialität - auf dem nota bene unser gesamtes modernes Staatswesen beruht - mit einer Gleichsetzung von abgegrenzter Fläche und "sozialem Körper" operiert. Dies komme einem essentialistischen, ja totalisierenden Zugriff gleich und sei dem Sozialen vollkommen unangemessen. Soziale Gebilde befinden sich nicht nur in ständigem Wandel, sie bestehen auch nur durch Interaktionen mit ihrer Umwelt fort. Deshalb sei das Soziale nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als Netzwerk von wechselnden Beziehungen zu verstehen. Analog dazu sei das Konzept der Territorialität durch jenes der Räumlichkeit zu ersetzen.
So bliebe eigentlich nur noch zu klären, was denn nun mit Kultur gemeint ist. Kann Kultur weiterhin, wie bei CLAVAL, als eigenständiger Forschungsgegenstand der Geographie angesehen werden? Oder lässt sich der "cultural turn" als Einsicht in die Kulturgebundenheit allen menschlichen Handelns begreifen? Wie wäre dann aber zwischen einer Human- bzw. Sozialgeographie im Allgemeinen und einer Kulturgeographie im Besonderen zu unterscheiden? Wir dürfen vorderhand zur Kenntnis nehmen: An diesem Unterschied wird wacker festgehalten.
Autor: Wolfgang Zierhofer

Quelle: Erdkunde, 54. Jahrgang, 2000, Heft 4, S. 378-379

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