Dietrich Fliedner: Die komplexe Natur der Gesellschaft: Systeme, Prozesse, Hierarchien. Frankfurt am Main et al. 1997. 189 S.

Dietrich Fliedner: Komplexität und Emergenz in Gesellschaft und Natur: Typologie der Systeme und Prozesse. Frankfurt am Main et al. 1999. 153 S.

Wie lassen sich Natur und Gesellschaft methodologisch unter einen Hut bringen? Für die Geographie in der Tat eine zentrale Frage. In den hier besprochenen Büchern erhebt FLIEDNER den Anspruch, das Verhältnis von Gesellschaft und Natur systemtheoretisch zu erschließen. Den komplexen Prozessen der Selbstorganisation, in denen Familie, Betrieb, Gemeinde, Staat und andere soziale Strukturen entstehen, nimmt er sich mittels einer Theorie der Gleichgewichts-, Fließgleichgewichts- und Nichtgleichgewichtssysteme an.

Diese Systeme repräsentieren aufeinander aufbauende Grundtypen von Informations- und Energieflüssen. Indem FLIEDNER nun menschliche Handlungen primär als informationsgeleitete Energieumwandlungen (Körperbewegungen) versteht und sie als Konstituenten der erwähnten Systeme begreift, bezieht er sich zugleich auf "Gesellschaft" und "Natur" (im Sinne der physischen Welt). In konsequenter Weiterführung dieser Perspektive wird die Gesellschaft als Population betrachtet, deren zeit-räumliche Verteilung durch ihre arbeitsteilige Struktur erklärt werden soll. Wie russische Puppen sind schließlich bis zu sechs Systemebenen ineinander verschachtelt. In seinem Werk von 1997 diskutiert FLIEDNER sein Schema in erster Linie anhand der Dynamik von Siedlungsstrukturen (z. B. Stadt-Umland-Populationen), im darauffolgenden Buch anhand der Organisation eines Bauernhofes.
Obwohl beide Bücher aufwendig (Glossar und Register!) und sorgfältig erarbeitet wurden, und obwohl FLIEDNER durchaus ansprechend schreibt, sind sie alles andere als leichte Kost. Dies hat mehrere Gründe. Zunächst fällt es schwer, der Verschachtelung der Systemebenen zu folgen und den Überblick zu bewahren. Denn die Differenzierungen, die auf jeder Ebene eingeführt werden, multiplizieren sich. Relativ einfache und allgemein bekannte gesellschaftliche Sachverhalte, wie z. B. die Zweckmäßigkeit der raumzeitlichen Verteilung von Arbeitsschritten, lassen sich nun in FLIEDNERs Systemtheorie auch auf sehr komplizierte Weise ausdrücken. Der Leseaufwand ist hoch, der Erkenntnisgewinn eher bescheiden und die "Komplexität" der Gesellschaft wird dadurch kaum verständlicher.
Paradoxerweise liegt gerade in der Eigensinnigkeit von FLIEDNERs Werk eine Qualität, die es zu würdigen gilt: Hier verfolgt ein Geograph mit stoischer Konsequenz einen Ansatz, der weder aus traditionellen Gründen noch aus purer Gewohnheit vom Raum oder der Landschaft ausgeht, sondern der ganz grundlegend mit der Frage beginnt, wie denn die interessierenden Phänomene - Gesellschaft und Natur - überhaupt begrifflich zu erschließen seien! Dass die Wahl auf eine Systemtheorie fällt, kommt nicht von ungefähr. Denn der rein formale Begriff des Systems eignet sich bestens dafür, Brücken zwischen verschieden organisierten Bereichen der Realität zu schlagen. Diese Grundidee könnte für die Geographie richtungsweisend sein.
Leider bleibt FLIEDNER am Ende doch zu sehr traditioneller Geograph und dem "Räumlichen" (im Sinne des Gegenständlichen) verhaftet. Er reduziert das Soziale auf seine körperlichen Aspekte; er macht aus Handlungen Bewegungen. Folgerichtig weist er Luhmanns Theorie autopoietischer (sich selbst hervorbringender) Systeme zurück, weil Luhmann soziale Systeme nur als Formen der Kommunikation betrachtet und ihre räumliche (körperliche) Existenz ihrer Umwelt zuweist. FLIEDNER zahlt einen hohen Preis dafür: Er muss sich mit einer Kybernetik erster Ordnung begnügen. Systemtheorien dieses Zuschnitts sind nicht in der Lage, die Verwendung der Unterscheidung von System und Umwelt zu thematisieren. Sie können damit zwar Rückbezüglichkeiten abbilden, nicht aber Prozesse der Selbstorganisation, wie es FLIEDNER doch im Sinn hat.
Um die relativ autonome Eigendynamik von Sinn und sozialer Welt im Rahmen einer Systemtheorie zu thematisieren, um die Emergenz neuer Strukturen erklären zu können, dürfte eine Kybernetik zweiter Ordnung mehr Erfolg versprechen: Theorien dieses Zuschnitts behandeln Systeme als Formen, mit denen BeobachterInnen ihre Welt ordnen. Die Ordnung geht aus dem Akt des Beobachtens hervor und wird nicht, wie dies FLIEDNER explizit anstrebt, aus einer den Dingen zugrunde liegenden Ordnung abgeleitet. Ja, die Suche nach vorausliegenden Ordnungen widerspricht schon definitionsgemäß dem Ansinnen, Prozesse der Selbstorganisation erklären zu wollen. Das Soziale als eigenständige Sphäre lässt sich nicht aus Energieflüssen ableiten; diese stellen bestenfalls einige seiner Rahmenbedingungen dar.
Autor: Wolfgang Zierhofer

Quelle: Erdkunde, 54. Jahrgang, 2000, Heft 4, S. 379-380

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