Andreas Drechsler: Die Geschichte der Stadt Qom im Mittelalter (650-1350): politische und wirtschaftliche Aspekte. Berlin 1999 (Islamkundliche Untersuchungen, Band 224). 378 S.

Vor nicht allzu langer Zeit (1990) hat der bekannte türkische Historiker H. Inalçik im Hinblick auf geographische Arbeiten zur orientalischen Stadt die folgende Aussage publiziert: "Anthropologists and geographers will discover 'meaning' only after the necessary 'fieldwork' in the court record of Islamic cities has been done". Die hier anzuzeigende Arbeit über die zentraliranische Stadt Qom im Mittelalter ist ein gutes Beispiel für Aussagekraft und Einsichtspotenziale islamischer Primärquellen und arabischer bzw. persischer Originalliteratur für die Rekonstruktion einzelner Städte in der islamischen Welt.

Ausgehend von der umfassenden zeitgenössischen Literatur zur Geographie, Geschichte und Religiosität Zentralpersiens, insbesondere der Auswertung des umfassenden Tarih-i Qom, legt der Verfasser eine Rekonstruktion der historischen Entwicklung der Stadt Qom und ihres Umlandes über mehr als sechs Jahrhunderte vor. Ganz abgesehen von der Rekonstruktion der durch ethnische (Araber - Perser - Türken) und dynastische Streitigkeiten und Diskontinuitäten geprägten herrschaftlichen Entwicklung von Stadt und Region sind insbesondere die Ausführungen zum Tode von Fatimah Massumah von besonderer Bedeutung. Der Tod der Schwester des achten Imam - Ursache der heutigen Bedeutung Qoms als religiösem Zentrum und neben Mashhad wichtigstem Pilgerzentrum Irans - sowie der Bau einer Freitagsmoschee im Jahre 878/9 werden zur entscheidenden Größe der weiteren Entwicklung der Stadt Qom und ihres Umlandes. Allerdings spielt während des ganzen Mittelalters die Verehrung der Fatimah Massumah offensichtlich eine vernachlässigenswerte Rolle. Insgesamt lassen die Auswertung der Reiseliteratur und Geographie-Handbücher sowie historischer Dokumente und Quellen - in Verbindung mit einer extensiven Nutzung der Einträge in der Enzyklopädie des Islam - ein erstaunlich differenziertes Bild der dynastischen, territorialen wie religiösen Kämpfe und Veränderungen in Zentralpersien zu. Diese Ausführungen nehmen den ersten Zentralteil der Abhandlung (S. 68-241) ein, wobei insbesondere die Ausführungen über die "Entstehung" der Stadt Qom (S. 103-111) auch für Stadtgeographen von großem Interesse sind. Die weitere Geschichte der Stadt und ihres Umlandes ist naturgemäß weder lückenlos noch widerspruchsfrei zu rekonstruieren, worauf der Verfasser in wohltuender Abwägung der Quellen und ihrer Argumente immer wieder nachdrücklich verweist. Der zweite Hauptteil des Buches (S. 242-312) enthält "Wirtschaftsgeographische Informationen über Qom bis in die Zeit der Ilhaniden". Hier zentriert sich der Text auf das 10. Jh. und auf die Auswertung des Tarih-i Qom. Dieses Buch vermittelt umfangreiche Materialien zur Besteuerung, zur Bewässerungspraxis, zum Anbau landwirtschaftlicher Produkte sowie ansatzweise auch zu sozialen Aspekten der Stadt, die überraschend detailliert sind. Wenn auch in diesem Kontext der Verfasser immer wieder mit Recht betont, dass ein vollständiges Bild der Stadt und ihrer Bevölkerung aufgrund der Quellenlage nicht rekonstruiert werden kann, so sind die Ausführungen dennoch geeignet, einen lebhaften Eindruck von Leben, Wirtschaft und Verwaltung einer iranischen Stadt zur Zeit des hohen europäischen Mittelalters zu vermitteln.
Wenn die hier angezeigte Publikation für eine gegenwartsbezogene stadtgeographische Forschung auch vielleicht nachgeordnet ist, so liegt ihr großer Wert dennoch in der ansatzweisen Ermittlung eines "meaning" im oben genannten Sinne. Das Buch ist zugleich ein Beweis für die mittelalterliche Blüte einer muslimischen Historiographie und Geographie, die zu jener Zeit allen europäischen Versuchen weit überlegen war.     
Autor: Eckart Ehlers

Quelle: Erdkunde, 56. Jahrgang, 2002, Heft 3, S. 329-330



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