Johannes Wirths: Über Theorie. Probleme in der jüngeren deutschsprachigen Humangeographie. Kassel 2001 (Urbs et Regio, Bd. 72). 361 S.

Das Buch erstmals in der Hand, lässt mich die Umschlaggestaltung nicht den offiziellen Titel, sondern "Geographie als Sozialwissenschaft!?" als Titel lesen. Damit wäre dann jedenfalls auch die Klammer benannt, die verschiedene Probleme mit und in der jüngeren deutschsprachigen Humangeographie zu einer diskursiv handhabbaren Einheit zusammenzieht. Wirths nimmt sich damit in der Tat die zentrale methodologische Kontroverse der letzten zwei Jahrzehnte vor. Für ihn stellen sich die Probleme der Geographie vor allem als Aspekte ihrer unvollständigen oder unabgeschlossenen Versozialwissenschaftlichung dar.
Wenn jedoch eine neue Sozialgeographie nicht so ohne weiteres zu haben sei, was könnte sie dann wenigsten bedeuten? "Wie kann die gegenwärtige, sich als sozial(wissenschaftlich)e Regionalforschung beziehungsweise als regionale Sozialforschung begreifende - spätere und zukünftige - diskursive Praxis der Geographie angemessen beschrieben, die unübersichtliche schwierige Situation aufgeklärt werden?" (19) Auf diese Fragen, sofern sie die deutschsprachige Geographie berühren, will Wirths eine Antwort gegeben, nicht indem er Theorieprobleme löst, sondern indem er eine Perspektive entwickelt, die davon absieht, über Theorien zu urteilen. "Vielmehr sollen die verschiedene gegenwärtigen Theorieprobleme, -entwürfe und -praktiken überhaupt erst einmal in den Blick genommen und zueinander in Beziehung gesetzt werden." (19) Er scheint damit seinen Beitrag als eine Art Orientierungsarbeit zu verstehen, eine Arbeit, die indirekt dem kritisch-konstruktiven Umgang mit Theorie und letztlich auch entsprechenden Entscheidungen zugute kommen soll.

Seinem postmodernistischen Credo folgend, enthält sich Wirths linear-historischer Darstellungen und arbeitet auch nicht mit der Fiktion einer sich quasi notwendig und fortlaufend weiterentwickelnden Argumentationslinie. Er möchte vielmehr "den Blick des interessierten Lesers fokussieren" und eine Perspektive anbieten, die sich der Beurteilung einzelner Theorieangebote enthält - eine Metageographie (27). Durch Reflexion der Theorie soll der mit den Stichworten Disziplin, Diskurs und Denkstil angedeutete Problemraum in seinen verschiedenen Dimensionen ausgeleuchtet und dadurch eine umfassende Kontexturierung der Theoriefrage ermöglicht werden (36f). Wirths begreift dabei "die verschiedenen, teilweise divergierenden Theorieprogramme, -einstellungen und -praxen als Ausdruck einer, sich bedingt wandelnden spezifischen Konstellation (...). Dies bedeutet, daß weder eine neue Theorieposition zu begründen, noch eine bestehende zu vertreten ist. Vielmehr muß das geographische Theoriefeld in Ansätzen erst einmal entwickelt werden. Es sind die Voraussetzungen und Grundlagen desselben zu bestimmen, um dann, bestehende Geographiekonstrukte einordnend, Möglichkeiten der Theorieproduktion überhaupt erst aufweisen und einschätzen zu können." (37)
Wirths erachtet den Essay als für sein Vorhaben angemessene Darstellungsform und bezeichnet Stil und Struktur seiner Texte selbst als fragmentarisch, mehrfachperspektivisch und ohne starken Anspruch auf Objektivität. Sie wollen etwas zeigen, nicht unbedingt beweisen (39). Diese Darstellungsoption führt ihn zu einem einleitenden Kapitel und vier unterschiedlich strukturierten Textteilen.
Im ersten Teil werden jene Ansätze aus den 80er Jahren referiert, die versuchten, eine postmoderne Geographie zu etablieren. Teil zwei befasst sich mit dem Verhältnis von Geographie und Theorie, und zwar unter dem Gesichtspunkt der diskursleitenden Metapher des Theoriedefizits und ihrer Variationen. Im Gegensatz zum ersten Teil, behandelt Teil drei Ansätze, die nicht eine Postmoderne Geographie, sondern eine Geographie unter postmodernen Bedingungen anstreben. Es geht schwergewichtig um das Selbstverständnis der Geographie in den 90er Jahren und um ihre neuen Bezugspunkte (Ökologie, das Politische, regionale Entwicklung, kulturelle Pluralität etc.). Der Vierte und letzte Teil liefert in Form einer Theorie des Diskurses eine Methodologie für diesen Metadiskurs nach. Er ist als Assemblage aus Zitaten konzipiert, und Wirths tritt nur noch als Arrangeur in Erscheinung.
Insgesamt bezieht sich Wirths, so weit ich das beurteilen kann, auf alle konzeptionellen Beiträge innerhalb der deutschsprachigen Geographie, die eine gewisse Resonanz erfahren haben. Damit löst er sein Ziel, eine Landschaft der Theorien zu skizzieren, ein. Seine Auseinandersetzung geht jedoch nie so weit, Kern-Konzepte einzener Perspektiven zu rekonstruieren. Wer also beispielsweise Eisel, Hasse, Reichert oder Werlen nicht zumindest ansatzweise kennt, wird sich bei der Lektüre von Wirths nur eine blasse Vorstellung machen können. Mit dieser Distanz zu den theoretischen Konzepten, ihren internen Logiken und kritisch-konstruktiven Argumentationslinien´verliert Wirths' Metageographie leider auch den Boden unter den Füssen: Die methodologischen Probleme, die mit bestimmten Ansätzen und Perspektiven verbunden sind, werden nicht nur nicht beurteilt, sondern erst gar nicht angesprochen! Die Frage beispielsweise, ob sich eine räumlich oder regionalistisch definierende Disziplin zugleich als Sozialwissenschaft verstehen kann, wird zwar als Problem angedeutet; welche Antworten darauf aus verschiedenen Perspektiven gegeben wurden und auf welchen Annahmen und Argumentationen sie beruhen, bleibt jedoch im Dunkel.
Auch wenn die einzelnen Zugänge, die einzelnen Überlegungen und Darstellungen von "Problemen" meiner Ansicht nach treffend und interessant sind, auch wenn ich der Arbeit gerne einen hohen Stand von Fachwissen und einen hohen Reflexionsgrad zubillige, komme ich doch zum Schluss, dass der Autor an seinem Bestreben, eine postmoderne Perspektive durchzuziehen, gescheitert ist. Er hat meiner Ansicht nach postmoderne Literatur wie ein Kochbuch gelesen und gleichsam ein Gericht zubereitet, dessen Nährwert jenseits von Nouvelle Cuisine anzusiedeln ist, während er zugleich die Probleme der Geographie über weite Strecken als (theoretische) Magersucht beschreibt. Dass Sozialwissenschaft nur noch als eine Form von Kommentar auf andere Kommunikationen begriffen werden kann, bedeutet nämlich nicht notwendigerweise, dass jeder "Kommentar" einen wissenschaftlich gehaltvollen Text darstellt. Eine Metatheorie, die zur Lösung oder zumindest Transformation von Problemen nicht direkt beiträgt, weil sie sich der Probleme nicht mehr rekonstruktiv annimmt, ist zwar noch ein Kommentar, aber eben keine Metatheorie mehr, weil theoretisch nichts sagend, anschlusslos.
Solches kann mit Postmoderne kaum gemeint sein und widerspricht eigentlich auch Wirths` Absicht, Beiträge zur Orientierung in der Debatte zu leisten! Dass er sich durch postmodernistische Spielereien den Zugang zur Ebene der Verhandlung der von ihm lokalisierten und kontextualisierten Probleme verbaut und daher auch nur eine schwache Verbindung mit seinem Publikum aufnehmen kann, ist jammerschade. Denn auch wenn mich sein Buch theoretisch nicht weiterführen konnte, hat es mir doch gezeigt, dass es von einem klugen und originellen Kopf verfasst wurde. Ich bin gespannt auf sein nächstes Werk!
Autor: Wolfgang Zierhofer

Quelle: geographische revue, 4. Jahrgang, 2002, Heft 1, S. 97-99

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