Johannes Wirths: Geographie als Sozialwissenschaft!? Über Theorie: Probleme in der jüngeren deutschsprachigen Humangeographie. 361 S. . Kassel 2001 (Urbs et Regio 72). 361 S.

Nach längerer Zeit liegt mit der bei HANS BÖHM erstellten Dissertation von JOHANNES WIRTHS wieder einmal ein theoretisch anspruchsvolles Werk über das humangeographische Paradigma vor. Es stellt die Frage, was denn aus dem Anspruch der Humangeographie, eine moderne Sozialwissenschaft zu werden, nach dreißig Jahren Diskurs geworden ist. Der umfassende
theoretische Anspruch schlägt sich zunächst einmal in einem weiten Theoriebegriff nieder, der den kritisch-rationalen übersteigt und den Blickwinkel für neue Aspekte des Diskurses öffnet.

JOHANNES WIRTHS steht souverän über den verschiedenen Wissenschaftstheorien und Erkenntnisphilosophien. Dies ist bemerkenswert in einer Zeit, in der es zum einen die auf
dem Niveau des Positivismusstreits stehen Gebliebenen und zum anderen die in der Wolle gefärbten Postmodernisten gibt.
Der erste Teil der Arbeit widmet sich der Postmoderne und dem Verhältnis der Geographie dazu. Allein schon diese Reflexionen lohnen die Lektüre der Arbeit, denn dieser erste Hauptabschnitt bietet das Potenzial, eine inhaltliche und nicht nur eine - mehr oder weniger - methodologische Bestimmung einer postmodernen Geographie vorzunehmen oder gar sich als Geograph einfach nur postmodern zu benehmen. Der Hauptteil der Arbeit ist m. E. der mittlere Teil, überschrieben mit "Theorie und Geographie". Hier wird in eher klassischer Weise die Theoriedebatte in der Humangeographie diskutiert. Zwar wird in diesem mittleren Abschnitt mit Hilfe postmoderner Kategorien wie Differenz oder Distanz strukturiert, aber wirklich postmodern ist der Teil eigentlich nicht. Das Ergebnis, wenn man die Stimmung nach der Lektüre überhaupt so benennen will, ist eher deprimierend: Die
Geographie ist keine theoriezentrierte Sozialwissenschaft geworden, und sollte sie es je werden, dann gibt es vielleicht schon keine Sozialwissenschaft mehr. Die geringe "Versozialwissenschaftlichung" zeigt m. E. ein Blick in die Lehrbücher. (Welche Position wirklich gilt, kann man ja zumeist in den Veröffentlichungen erkennen, die den gesicherten Wissensbestand eines Faches darstellen sollen.) Hier ist zumeist außer dem methodologischen Individualismus (und empirischer Sozialforschung) wenig
Sozialwissenschaftliches zu finden, am ehesten noch eine rudimentäre Handlungstheorie. In dem als Standardeinführung gedachten Werk von LESER und SCHNEIDER-SLIWA wird zwar sehr viel von System geredet, aber auf NIKLAS LUHMANN wird nicht Bezug genommen und selbiger taucht auch nicht im Literaturverzeichnis auf.
Im letzten Hauptteil wird eher wieder der Diskussionsstrang des ersten Teils aufgenommen. Hier geht es um das postmoderne Potenzial von geographischen Diskursen wie Regionalismus, Geopolitik, (ideographische) Kultur u. a. m. WIRTHS ist nicht völlig pessimistisch, dass es der Geographie gelingen könnte, ihr im Grunde gegen die Moderne gerichtetes Paradigma nach dem absehbaren Ende des aufklärerischen Szientifismus in eine postmoderne Zukunft zu retten. Bemerkenswert ist u. a., dass er nicht nur die z. Zt. sehr beliebte Humanökologie aufgreift.
Die Arbeit von JOHANNES WIRTHS kann in weiten Teilen als überällige Fortsetzung der Dissertation von ULRICH EISEL angesehen werden, die vor rund 20 Jahren als Band 17 in derselben Reihe erschienen ist. Damit ist schon ausgesagt, dass es sich um ein wichtiges Werk für alle diejenigen handelt, die an Fragen der Theorie und der Geschichte der (Anthropo-) Geographie interessiert sind. Das Verdienst von WIRTHS liegt mit Sicherheit darin, kritische Fragen über den Theoriediskurs und den Fortschritt der theoretischen Debatte in der Geographie zu stellen. Dennoch bleibt nach der Lektüre ein gewisses Gefühl der Ratlosigkeit zurück. Andere reflexive Autoren dieses Kalibers haben - bei allem "Defaitismus", den ihnen manche orthodoxe Fachvertreter unterstellen - doch eine klare Ausrichtung: H.-D. SCHULTZ etwa besticht durch eine intensive historisch-philologische Analyse, HARD durch seine disziplinpolitische Polemik, EISEL durch seine marxistische Interpretation. Verglichen damit ist der Tenor bei WIRTHS vergleichsweise schwer herauszufinden bzw. etwas unbestimmt. Für eine empirische
Situationsanalyse sind Argumente zu wenig belegt bzw. verweist er immer wieder auf diesselben Werke als pauschale Belegstellen. Vielleicht ist der Tenor des Werkes seine postmoderne Attitude, aber genau dann fehlt aus meiner Sicht die Kontur. Vielleicht ist dies aber auch eine Generationenfrage oder eine der intellektuellen Kapazität und der Rezensent kann die "eigentliche Botschaft" nur nicht fassen.Schließlich ist darauf aufmerksam zu machen, dass die Arbeit von JOHANNES WIRTHS auch eine psychologische oder pragmatische Dimension und Funktion hat. Der Verfasser dieser Rezension verhehlt nicht, dass er sich auch persönlich angesprochen fühlt. WIRTHS Buch hält ihm den Spiegel vor und lässt bei ihm Fragen auftauchen wie: Wo sind deine alten Ideale geblieben? Hast auch du dich von der geographischen Disziplin disziplinieren oder gar korrumpieren lassen? Hast du geholfen, ihr ein theoretisches Mäntelchen umzuhängen, obwohl du eigentlich genau wusstest, dass sie aus strukturellen Gründen nicht theoretisierbar ist? Er fühlt sich in vielen Verhaltensweisen ertappt. Wenn WIRTHS den an
der Theorie (immer noch) Interessierten neue Impulse geben kann, dann wäre das nicht das geringste Verdienst dieser Arbeit.
Der Leser oder die Leserin mag den Eindruck gewonnen haben, das in dieser Rezension eigentlich wenig Konkretes über den Inhalt der Dissertation ausgesagt wird. Dies ist richtig, aber fast unvermeidlich, weil es eben eine klare Fragestellung und eine klare Antwort in diesem Buch nicht gibt, weil es sich eher um ein postmodernes Makro-Essay handelt. Der weite Titel, der gleichzeitig mit einem Ausrufe- und Fragezeichen versehen ist, hält, was er verspricht - das Buch ist sperrig und widersprüchlich. Wer sich aber mit dem Theoriediskurs in der Disziplin auseinandersetzen will, der wird an den metatheoretischen Reflexionen von JOHANNES WIRTHS nicht vorbeikommen. Er / sie sollte aber viel Zeit für die Lektüre dieses mit viel Sprachakrobatik geschriebenen Werkes mitbringen.    
Autor: Jürgen Pohl

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 1, S. 74

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