Norbert Gestring, Herbert Glasauer, Christine Hannemann, Werner Petrowsky und Jörg Pohlan (Hg.): Jahrbuch StadtRegion 2002. Schwerpunkt: Die sichere Stadt. Opladen 2002. 224 S.

"Die sichere Stadt" lautete das Schwerpunktthema, das die Herausgeber, die überwiegend in der Soziologie beheimatet sind, für das Jahrbuch StadtRegion 2002 ausgewählt haben. In vier Schwerpunktaufsätzen, drei Analysen und Kommentaren sowie zwei Dokumentationen werden unterschiedliche Scheinwerfer positioniert, um das in der Stadtforschung aktuelle Thema zu beleuchten. Sicherlich wird man das Jahrbuch nicht von der ersten bis zur letzten Seite lesen, doch beim Blättern werden Leserin und Leser bestimmt öfter einhaken, als es üblicherweise bei Readern der Fall ist. Das ist ein gutes Zeichen.

JAN WERHEIM leitet den Schwerpunkt mit einer aktuellen Retrospektive zu "Großstadt zwischen Ambivalenz und Überwachung" ein. Er diskutiert die These, dass das Thema der "gefährlichen Stadt" immer dann in den Vordergrund tritt, wenn sich die Gesellschaft in einer Phase der sozialen Transformation befindet. Es geht um den Blick auf die "gefährlichen Armen" zur Zeit der Industrialisierung ebenso wie auf die Abschottung von Eliten in suburbs. GEORG GLASZE vertieft den letztgenannten Aspekt in seinem Beitrag über bewachte Wohnkomplexe. Er belegt die Entstehungshintergründe des "Wohnens hinter Zäunen" mit Beispielen aus den USA und dem Libanon und fragt, wie die Stadtplanung der Ausbreitung solcher Wohnkomplexe begegnen kann.
Videoüberwachungen öffentlicher Räume sind eine nicht unumstrittene Reaktion auf vermeintlich unsichere Plätze in der Stadt. DETLEF NOGALA fragt deshalb in seinem Beitrag "Ordnung durch Beobachtung", ob durch die permanente Kontrolle nicht auch unerwünschte soziale Nebenwirkungen ausgelöst werden können. Der verbleibende Schwerpunkt-beitrag von RENATE RUHNE zielt auf ein sehr grundsätzliches Problem ab. Sie differenziert geschlechtsspezifische (Un)-Sicherheiten im öffentlichen Raum und rückt soziale Implikationen von Unsicherheitsgefühlen ins Zentrum der Überlegungen. Denn Sicherheit ist nicht die Abwesenheit von Unsicherheit.
Auf rund 80 Seiten leisten die Autoren einen fundierten Beitrag zur Debatte um die sichere Stadt. Natürlich kann es sich nur um Bausteine handeln, die mal planungsbezogen, mal eher theoretisch angelegt sind. Diese Bausteine werden durch die Analysen und Kommentare von INGRID BRECKNER, KLAUS SESSAR und KATJA VEIL ergänzt, die ebenfalls auf das Schwerpunktthema ausgerichtet sind. Einzig die Gedanken von MARCO VENTURI über die Stadt als Innovationsort stehen thematisch etwas verloren im Buch. Das ist schade, denn die anregende Übersetzung wird an dieser Stelle zu diesem Thema möglicherweise übersehen.
Einen echten Service bieten abschließend WERNER PETROWSKY und Jörg POHLAN in der Rubrik Dokumentation und Statistik. PETROWSKY seziert die polizeiliche Kriminalstatistik, die oft Grundlage für Aussagen zum Ausmaß von Kriminalität ist. Er deckt Fallstricke der Statistik auf und relativiert die Aussagekraft. POHLANs Monitoring der Städte und Regionen soll einen statistischen Überblick über die sozioökonomischen Strukturen urbaner Räume in Deutschland geben. Das Anliegen ist ehrenwert, aber doch nicht einfach. Der Autor räumt zwar ein, dass die Datenauswahl und die Regionsabgrenzung unter pragmatischen Gesichtspunkten erfolgen musste, doch sind hier m.E. noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Da eine Fortführung des Monitoring beabsichtigt ist, sollte zur Sicherung der Datenqualität das methodische Vorgehen nochmals überdacht werden.
Autor: Manfred Nutz

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 2, S. 152

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