Hans-Georg Bohle (Hg.): Südasien: Die Herausforderung des Globalisierungsprozesses. Stuttgart, 2000. (Beiträge zur Südasienforschung, Band 189) 131 S.

Im vorliegenden, vom Südasien-Institut Heidelberg initiierten Band werden sowohl die politischen, wirtschaftlichen wie kulturellen Aspekte des Phänomens "Globalisierung" für den Kulturerdteil Südasien diskutiert.

In dem wohl interessantesten Beitrag behandelt der Historiker D. Rothermund die Interdependenzen der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens im Kontext der Weltwirtschaft seit 1870 (S. 10 - 23). Er gliedert den Entwicklungsablauf in fünf Phasen und bilanziert eine "bis heute noch sehr geringe Weltmarktintegration Südasiens (... die) zeigt, dass sich dieser Subkontinent den Wirkungen der Globalisierung noch weitgehend entzogen hat" (S. 21). Der Publizist Harish Khare von der angesehenen und in ganz Indien verbreiteten Tageszeitung "The Hindu" vertritt die Auffassung, dass die gegenwärtige Regierung Indiens unter A. B. Vajpayee, die erste "ausserhalb der Nehru-Gandhi-Familie" (S. 25), nur erfolgreich sein konnte, weil sie die Unterstützung der "neuen gesamtindischen Mittelklasse" hatte, deren Entstehung er wiederum als "Beiprodukt des Globalisierungsprozesses" (S. 26) versteht - eine interessante These, die aber wohl nicht unumstritten sein dürfte (leider wird der Terminus "Mittelklasse" nicht näher definiert). Die Ansicht des Politologen S. Mitra, dass die Liberalisierung der indischen Wirtschafts- und Steuerpolitik unter Narasima Rao (1991 ff.) eine "exogene Idee" und durch die Globalisierung in starkem Maße verursacht wurde (S. 39), dürfte dagegen weniger umstritten sein. Diese Auffassung wird offensichtlich auch von ökonomischer Seite geteilt, wie der durchaus instruktive Beitrag von H. Rieger zeigt. Zu Recht macht der Autor abschliessend deutlich, dass Indien mit seinen Wirtschaftsreformen bislang (1997) allerdings auf halbem Wege stehen geblieben ist und sich nicht zuletzt deshalb nach wie vor mit einer Fülle von Problemen konfrontiert sieht. Fazit: Ein durchaus lesenswerter, bewusst interdisziplinär angelegter (Vortrags)band, der es aber leider versäumt, auch eine entsprechend interdiziplinäre Begriffsbestimmung von "Globalisierung" zu erarbeiten - schade um diese verpasste Chance!
Autor: Dirk Bronger

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, Jg. 47 (2003) Heft 2, S. 132-133

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