Steffen Fliegner: Car Sharing als Alternative? Mobilitätsstilbasierte Potenziale zur Autoabschaffung. Mannheim 2002 (Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung 3) 288 S.

In dem dritten Band der noch jungen Reihe Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung widmet sich der Autor der bislang eher als Nischenprodukt bekannt gewordenen Mobilitätsoption des Car-Sharing. Das „organisierte Autoteilen" stellt STEFFEN FLIEGNER in der von ihm modifizierten Form eines „öffentlichen Autos" (Auto auf Abruf und Prozentauto) als zukünftigen zentralen Baustein für eine nachhaltige Verkehrspolitik in den Fokus seiner am Lehrstuhl der Sozialgeographie in Halle entstandenen Dissertation.
Während Mobilitätshandeln bislang eher mit objektiven Faktoren wie Infrastrukturangebot, Verkehrsmittelverfügbarkeit oder raumstrukturelle Gegebenheiten erklärt wurde, widmet sich der Autor verstärkt subjektiven Faktoren wie Einstellungen und Sichtweisen der Individuen. Er betont mit seinem sozialwissenschaftlichen Ansatz die Notwendigkeit der Eindämmung des Verkehrswachstums an der Quelle. Mit dem angewendeten Mobilitätsstilkonzept entwickelt er zusätzliche Erklärungsansätze für das Verkehrsverhalten und leitet daraus Potenziale zur Abschaffung von Pkws ab. Durch die Konzentration der Empirie auf die Gruppe der autobesitzenden Haushalte, die in Deutschland etwa drei Viertel aller Haushalte abdecken, ist es wenig
überraschend, dass nur eine der fünf entwickelten Gruppentypologien die der „Autokritischen Multioptionale" für ein neues Angebot empfänglich erscheint. Die von FLIEGNER definierten Entmotorisierungspotenziale basieren auf einer umfangreichen sozial-empirischen Arbeit. Mit insgesamt 498 realisierten mündlichen Face-to-face-Interviews im Untersuchungsgebiet Halle (Saale) und den darauf basierenden Faktor- und Clusteranalysen liegt ein Beispiel für eine empirisch fundierte und methodisch einwandfreie Herangehensweise vor.
Die Rückkopplung per Befragung auf ein eigens entwickeltes fiktives Mobilitätsangebot und die Umsetzung durch ein tatsächliches Angebot per Mobilitätsexperiment in Kooperation mit dem örtlichen Car-Sharing-Anbieter bringen neue Erkenntnisse. Das Mobilitätsexperiment zeigt die große Lücke zwischen Theorie und Praxis, was weniger der Arbeit als der Angebotsqualität anzulasten ist. FLIEGNER kommt zu dem Schluss, dass neben den Punkten Verfügbarkeit, Verlässlichkeit und Transaktionskosten insbesondere der Komfortgewinn (bspw. durch die Integration von so genannten Funmobilen) eine große Rolle bei der Verbesserung der Angebotsqualität spielt. Die darüber hinaus eingebrachte Verknüpfung der Frage des Wohnstandortes in Zusammenhang mit dem Mobilitätsstil trägt demgegenüber zu wenig neuen Erkenntnissen bei und scheint eher den Themenschwerpunkten eines Gutachters geschuldet.
Die abschließende Vision, die der Autor von den Ergebnissen der Arbeit trennt, zeigt die Entwicklungsmöglichkeiten des „öffentlichen Autos" aus der Marktnische heraus auf, wobei gerade diese fehlende Verknüpfung zu bedauern ist.
Zusammenfassend ist der von FLIEGNER weiterentwickelte Ansatz der Mobilitätsstile ein wichtiger Beitrag im
Rahmen der Mobilitätsforschung, der insbesondere für Wissenschaftler, aber auch in seinen konzeptionellen und
Grundlagenteilen für Praxisorientierte eine interessante Lektüre liefert .
Autor: Holger Dalkmann

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 3, S. 258

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