Michael Plattner: Cluster-Evolution im Produktionssystem der ostdeutschen Halbleiterindustrie. Münster, Hamburg und London 2003 (Wirtschaftsgeographie 21). 223 S.

Die Mikroelektronikindustrie im Raum Dresden ist das markanteste High-Tech-Cluster in Ostdeutschland und die Branche hatte eine herausgehobene Stellung in der DDR-Ökonomie. Schon aus diesen beiden Gründen ist der Studie von Michael Plattner über den Aufbau und die Transformation der ostdeutschen Halbleiterindustrie besondere Aufmerksamkeit sicher. Zudem hat die Branchengeschichte noch eine besondere wirtschaftsgeographische Dramatik anzubieten. Die Wurzeln gehen zurück bis in das Ende der 50er Jahre, als in Berlin- Frankfurt/Oder und Dresden Betriebe gegründet wurden, später kam noch der Standort Erfurt hinzu. Die Produktions- und Forschungspotentiale der Branche waren an diesen drei Standorten räumlich konzentriert. Obwohl Erfurt und Berlin-Frankfurt/ Oder zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung nach den Beschäftigungszahlen deutlich dominierten, überlebte an beiden Standorten nur ein Restbestand an Wirtschaftspotentialen. Das bestehende Standortmuster blieb somit persistent, wurde jedoch in der Transformation radikal umbewertet. Plattner gibt in seiner übersichtlich aufgebauten Arbeit zunächst einen Überblick über die Branchencharakteristika und über Erklärungsansätze der Cluster-Evolution und stellt im längsten Kapitel den Auf- und Umbau der ostdeutschen Halbleiterindustrie dar. Danach analysiert er eingehender die Interaktionsstrukturen im Produktionssystem zum Ende der 90er Jahre und diskutiert Einflußfaktoren der Cluster-Evolution. Der empirische Teil beruht auf einer Betriebsbefragung an allen drei Standorten und kommt zu einem differenzierten Bild des Wissenstransfers innerhalb der Cluster- Evolution.
Ich möchte mich im Weiteren auf die übergreifende wirtschaftsgeographische Frage konzentrieren: Was hat die Umbewertung des Standortmusters nach 1989 bewirkt? Plattners Hypothese ist es, daß die Ressourcenbildung bis zum Umbruchsjahr 1989 ausschlaggebend gewesen sei für den späteren Transformationspfad. Demnach hätten die Standorte Erfurt und Berlin-Frankfurt/Oder nur unterkritische Massen an Ressourcen akkumuliert, während diese in Dresden ausreichend waren (S. 49, 59). Innerhalb der wirtschaftsgeschichtlichen Darstellung trägt Plattner viele überzeugende Hinweise auf eine Differenz in der Ressoucenausstattung zusammen. Dennoch entstehen bei dieser Art der Beweisführung einige Fragen. Erstens wird der Ressourcenbegriff nicht weiter konzeptualisiert, obwohl entsprechende betriebswirtschaftliche und industrieökonomische Ansätze zur Verfügung stehen. Unter einer ‚Ressource' werden alle betrieblich relevanten Faktoren ohne weitere Gewichtung gefaßt. Zweitens unterzeichnet Plattner die Bedeutung von Erfurt und vor allem von Berlin-Frankfurt/Oder. Um ein Beispiel zu geben: Plattner sieht eine Erosion des Standorts Frankfurt/Oder bereits ab 1978, ohne erklären zu können, warum dorthin 1981 noch ein für die Halbleitertechnik zentrales Forschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften verlegt wurde. Die Beschäftigung expandierte in dem Frankfurter Halbleiterwerk in den 80er Jahren noch um 2000 Arbeitskräfte. Drittens wird die Lokalisationsentscheidung von Siemens für den Standort Dresden nicht als die entscheidende Weichenstellung herausgearbeitet. Die Restrukturierung des Raummusters folgte nicht den indeterminierten Entscheidungen vieler Akteure, sondern läßt sich vor dem Hintergrund einer oligopolistischen Branchenstruktur aus diesem Ereignis ableiten. Bei der Investitionsentscheidung von Siemens spielten viertens die öffentlichen Finanzierungsbeihilfen eine Schlüsselrolle. Damit rücken die Governance-Strukturen auf Bund- und Länderebene zu einer zentralen Determinante auf, die jedoch bei Plattner nicht ausreichend untersucht wird. So werden etwa die Kontraste zwischen dem industriepolitschem Korporatismus der konservativen Administration in Sachsen und dem Marktdogmatismus des freidemokratischen brandenburgischen Wirtschaftsministers in den Nach-Wende-Jahren nicht beleuchtet. Fünftens wird nicht zwischen brancheninternen und -externen Standortvorteilen differenziert. So werden etwa die städtische Größe und die Attraktivität der Metropole Dresden nicht als Vorteile der Clusterentwicklung bewertet.
Diese Fragezeichen lenken die Aufmerksamkeit auf generelle Anwendungsmöglichkeiten des Cluster-Ansatzes: In welcher Weise kann er mit Theorien des langfristigen sozio-ökonomischen Wandels, die den Transformationsprozeß erklären können, verknüpft werden? Als Erklärungsansatz zur Clusterbildung lehnt sich Plattner an das Modell der geographischen Industrialisierung von Storper/ Walker an (S. 27-32). Transformationstheoretisch folgt er der sozialwissenschaftlichen Modernisierungstheorie in der Lesart von Wolfgang Zapf (S. 25, 34). Für die Modernisierungstheorie war die Transformation ein Prozeß, in dem ein Institutionentransfer zu einem erfolgreichen marktwirtschaftlich-demokratischen Sytem führen mußte. Hieran schließt Plattner die clustertheoretische Erkenntnis evolutionärer Entwicklungsverläufe innerhalb von räumlichsektoralen Systemen an. Zusammengenommen führt ihn dies zu seiner These eines Ressourcenaufbaus in der DDR, der einen bestimmten Transformationspfad unter marktwirtschaftlichen Bedingungen präjudizierte. Die Nachteile dieser Theorie-Synthese liegen auf der Hand. Erstens, statt die Kontingenz der Raumstrukturierung im Zeitfenster 1990- 1993 abzubilden, erzählt Plattner die Geschichte eines one-best-way. Von den rationalen marktwirtschaftlichen Akteuren wurde die Ressource Humankapital im Raum Dresden erkannt und in eine Standortentscheidung umgesetzt (S. 146). Dagegen werden wesentliche sozio-ökonomische Determinanten, von denen die wichtigste die industriepolitischen Strategien von Treuhandanstalt und Landesregierungen waren, ausgeblendet. Damit werden zweitens die konkurrierenden Industriepolitiken nicht bewertet. Sie können auch von Plattner nicht bewertet werden, da er ihnen keine Entscheidungsautonomie zubilligt. Angesichts des Faktums, daß der erfolgreiche Aufbau von Halbleiterindustrien - insbesondere bei den ostasiatischen Wettbewerbern - stets durch den Staatsinterventionismus geprägt ist, hat die Arbeit keine relevanten strukturpolitischen Erkenntnisse anzubieten. Drittens bleibt der Widerspruch zur Theorie der geographischen Industrialisierung ungeklärt. Diese hat bekanntlich gegen eine Standortdeterminierung aufgrund von Raumpotentialen eingewandt, daß man Raumstrukturierung als dynamischen Prozeß sehen sollte, in dem es zu einer betrieblichen Selbsterzeugung von Ressourcen kommen kann. Dies ist im Fall von Siemens/Dresden zweifellos relevant gewesen. Plattner aber kehrt unausgesprochen zu einer Theorie der Raumpotentiale zurück. Die Cluster- Strukturen sind für ihn letztlich bloß ein Wirkungsmechanismus, durch den die regionale Ressourcenausstattung in Wert gesetzt wird. Im Unterschied hierzu impliziert die Theorie der geographischen Industrialisierung, daß es keine sektorale oder räumliche ‚Normalstruktur' geben kann. Transformationstheoretisch kritisiert sie damit die Modernisierungstheorie und deutet die Einführung von marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen als eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung für eine prosperierende Ökonomie.
Autor: Christoph Scheuplein  

Quelle: Geographische Zeitschrift, 91. Jahrgang, 2003, Heft 1, Seite 61-62

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