Wolf-Dieter Hütteroth und Volker Höhfeld: Türkei. Geographie - Geschichte - Wirtschaft - Politik. 2., völlig neubearb. Aufl. Darmstadt 2002. 380 S.

Da die Kriege gegen das Osmanische Reich sich meist auf dem Balkan abspielten, rückte Kleinasien nach dem Falle von Byzanz immer weiter aus dem Bewusstsein des christlichen Mitteleuropa. Nun wandelt sich bei intensiveren Kontakten die Einstellung wieder. Eigentlich entspricht diese einer Wiederentdeckung, notwendig für Deutsche wie auch für Türken. Man muss den beiden Autoren danken, dass sie ein vollständiges, modernes Bild dieses Landes und seiner Gesellschaft anstreben und sehr viel Detail aus der neueren türkischen Forschung einbringen.
Die einleitenden Kapitel zum Zusammenbruch des osmanischen Imperiums und zur Neubildung des türkischen Nationalstaates auf dessen Trümmern werden viele Wissenslücken der Leser decken. Dies geschieht aber auch in dem breiten Kapitel zur physischen Geographie, worin man selbst als landeskundiger Leser viel Neues finden kann, allerdings nicht gleichmäßig für alle Teilregionen. Die historischen Raumstrukturen Kleinasiens sind nur knapp gestreift. Ihre Wiederentdeckung wäre erst von türkischer Seite zu leisten und die reiche antike Literatur ist wohl noch gar nicht ausschöpfbar.
Seit der Staatsgründung 1927 haben sich unter dem Druck einer rasch anwachsenden Bevölkerung alle traditionellen Lebensformen verändert. Dieser Wandel setzte um 1940 ein. 1970 überstieg dann die städtische Bevölkerung jene des flachen Landes. Massive Fernwanderungen haben dazu beigetragen.
Neue Wirtschaftszweige konnten sich wegen der ethnischen Säuberungen nach dem Ersten Weltkrieg nur sehr langsam ausbilden. Die Landwirtschaft ist stark auf lokale und Inlandsversorgung ausgerichtet und noch nicht weltmarktfähig. Erst mit der Entstehung neuer Eliten zeichnen sich in Industrie, Verkehrswesen und neuerdings besonders im Tourismus leistungsfähige Strukturen und neue Ausbauregionen ab.
Begleitet wird die Modernisierung vom Wachstum der Großstädte (Groß-Istanbul ca. 12 Mio. Einwohner; Ankara 3,5 Mio.). Dieser Vorgang ist wegen der Ansiedlungsrechte der Zuwanderer letztlich unkontrollierbar. Die Städte werden also weiter wachsen und ihre Attraktivität geht nicht zurück.
Die Autoren sprechen in diesen Zusammenhängen etwas zu schnell von Disparitäten, so als ob es die Auswirkungen einer verfehlten Regierungspolitik wären. Mitnichten! Es handelt sich wohl oft um echte Verschiedenheiten, wie sie sich bei stagnierender Gesellschaft über lange Zeiträume akzentuiert haben, und die im Sinne des "geographischen Formenwandels" nach LAUTENSACH zu interpretieren wären. Mit dem Schlusskapitel "Einblicke" wird der Standort der türkischen Gesellschaft bestimmt und das Buch im Sinne der aktuell in Deutschland laufenden Diskussionen abgerundet. Sehr nützlich wären einige Zusatzseiten mit statistischen Daten gewesen. Man muss sich z.B. die Einwohnerzahl von Groß-Istanbul erst mühsam suchen. Insgesamt aber ist die "Türkei" ein gut ausgestattetes und interessantes Buch geworden, das nicht warm genug empfohlen werden kann. Als Versuch einer modernen Landeskunde sollte es auch in Fachkreisen breiter diskutiert werden, denn die Methoden der klassischen Länderkunde sind heute nicht mehr tragfähig.
Autor: Wigand Ritter

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 4, S. 332-333

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